Die Griechen können unmöglich verbergen, daß sie über das Christusgrab den Meister spielen. Sie betragen sich sehr hochmüthig, und schauen mit Verachtung auf die andersdenkenden Christen herab. Es ist in der That eine wohlthätige Maßregel, daß die Mohammetaner in der ersten Kirche der Christenheit Polizei halten. Unzweifelhaft wären sonst die Zänkereien und Balgereien unter den Nazarenern des verschiedenen Kirchengebrauches weit häufiger und ernster. — Einige Gläubige konnten sich nicht oft genug niederwerfen und bekreuzen.
Vor und in der Kirche schwärmen zudringliche Bettler herum, die wahrhaft Aergerniß erregen. Neben denselben werden von Andern an der Kirchenpforte Kreuze und andere sante cose (Heiligthümer), z. B. der ausgeschnitzte Christus am Kreuze, feil geboten. Die Christen in Jerusalem sorgen gar wohl dafür, daß der Pilger, ehe er die Schwelle der Grabeskirche überschreitet, das Einmaleins wiederhole, und sich der vergänglichen Güter, des Geldes, erinnere. Es verdient doch wohl die Beherzigung eines Jeglichen, daß um den Baum eines zwar unerschütterlichen, aber nicht verdauten Glaubens an die Lehren aus dem Munde der Priester und Gesetzkenner — die Wucherpflanzen der Weltbegierde gerne ihre Netze stricken, wenn diese Priester und diese Gesetzkenner in ihrem Eifer vergessen, auf den Stamm des Glaubens die Zweige der Tugend zu pfropfen.
Ich kann mich vom Grabe Christi nicht entfernen, ohne einer schaudervollen Begebenheit zu gedenken. Als um das Neujahr 1834 der Feldherr Ibrahim dasselbe besuchte, entstand ein solches Gedränge, daß in der Kirche zweihundert Menschen vom Leben abgerufen wurden, ohne diejenigen in Rechnung zu bringen, welche an der Pforte im Gedränge sogleich oder später in Folge desselben starben. Ein Pater erzählte mir, wie er über die Todten wandeln mußte, und einen andern erschütterte das gräuelvolle Schauspiel so tief, daß er seither an Schwermuth leidet.
Und nun halte ich stille, um auf die Schädel- und Grabstätte zurückzublicken. Habe ich denn viel Lohnendes wahrgenommen? Wurden meine Erwartungen erfüllt? Ich will meiner Antwort einige Worte vorausschicken, in Erinnerung der Menge, von welcher die Jetztzeit unbedenklich des Unglaubens beschuldiget wird. Ich will zuerst Männer reden lassen, welche, nach der Volksmeinung, in der guten Vorzeit des Glaubens lebten. Nachdem Salomo Schweigger, der Pilger des sechszehnten Jahrhunderts, die Heiligthümer Jerusalems angeführt, bricht er in das unumwundene Geständniß aus: Ich für meine Person habe all’ dergleichen Heiligthümer anders nicht gesehen, sind mir auch weniger zu Herzen gegangen, als das geringste Ding. Ich kann auch weniger davon sagen, als wenn ich nie wäre daselbst gewesen, ausgenommen das heilig Grab. So weit Schweigger, dem ich die Unparteilichkeit schuldig bin, seine Worte über dieses Heiligthum anzuführen. Das heilig Grab, spricht er, bedünkt mich aber kein erdichtet Heilthum, sondern in Wahrheit das Grab Christi zu sein, in Ansehung, daß dasselbige ohne Schrecken und ohn’ Entsetzen von Niemand, es seien Christen oder Türken, mag gesehen werden. Denn als ich’s gesehen, ging ich nicht dergestalt hinein, als hielt’ ich’s für das Grab Christi, sondern, wie alle anderen Heilthümer mir verdächtig waren, als wenn es nur erdichtete Heilthümer wären oder Geldnetze, also auch dies. Als ich aber hineinkam in das Gewölb, kam mich und auch die Herren aus der Gesellschaft solche Furcht und Schrecken an, daß uns alle Härlein gen Berg standen, und uns bedünkte, wir schwebten zwischen Himmel und Erden, ja als wären wir von der Erden verzuckt. Es erweckt auch eine solche herzliche Andacht und Eifer in uns gegen Christo zum Gebet und christlicher Danksagung, daß’s über alle Maßen ist. Wie man eben von Schweigger vernimmt, unterlag er am Christusgrabe einem so außerordentlichen Eindrucke, daß man seine Worte zwar nicht in Abrede stellt, aber doch kaum begreift, weil so Manche heutzutage dahin wallen, ohne über die Maßen ergriffen zu werden. Hans Jakob Ammann, der im Jahre 1613 das Christusgrab besuchte, drückt sich so aus: Auf jetzt beschriebene Weise wird das heilig Grab gezeigt, und siehet, der dahin reiset, von dem Orte des Felses, da Christus begraben, ebenso viel, als der, so gar nicht dahin kommt........ Ob man schon die Leute also bereden will, es sei das rechte in Felsen gehauene Grab, so hab ich doch das Widerspiel augenscheinlich gefunden, da ich mit einem Messer den Kalk zwischen den Fugen, da die marmelsteinernen Tafeln zusammengestoßen, herausgestochen, und keinen Felsen, sondern nur Mauern gefunden habe.
So sprachen vor Jahrhunderten Schweigger und Ammann, der eine gegen die Echtheit von Golgatha, der andere gegen die des Christusgrabes. Jetzt werde ich mich selbst bestreben, eine der wichtigsten Fragen aus der Ortsbeschreibung Jerusalems zu lösen.
Liegt das Grab Christi in oder außer der jetzigen Stadt Jerusalem?
Es schiene im hohen Grade befremdend, wenn eine so wichtige Stätte, wie das Christusgrab, von den Urchristen nicht genau ins Auge gefaßt, und diese Ortskunde nicht von Geschlecht auf Geschlecht mündlich überliefert worden wäre. Schenkt man, wird man entgegenhalten, so vielen weltlichen Stellen Aufmerksamkeit und Glauben, so fordert die Gerechtigkeit, daß man auch heiligen Stätten die Aufmerksamkeit nicht entreiße, und den Glauben an sie nicht tödte. Dazu kommt noch, was die Weltgeschichte erzählt. Hadrianus ließ nämlich, zum Aergernisse der Christen, am Orte, wo Christus hingerichtet und begraben worden, einen Götzentempel erbauen; allein schon im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erhob sich unter Helena, der Mutter Konstantins des Großen, an der Stelle des im heiligen Eifer geschleiften Götzentempels die Grabeskirche.
Offen lege ich das Geständnis ab, daß die mündlichen und diese schriftlichen Ueberlieferungen für mich völlig genügend wären, um die Echtheit der Schädel- und Grabstätte anzunehmen. Man darf indeß nicht einseitig und nicht zu rasch vorgehen; es müssen nothwendig und vor Allem die biblischen Urkunden geprüft und verglichen werden. Schweigen sie über die Oertlichkeit, so ergänze ich die Lücke mit der Weltgeschichte und den mündlichen Ueberlieferungen; reden sie, so stelle ich auf ihren Entscheid ab.