Die vier Evangelisten Matthäus und Markus, Lukas und Johannes erzählen, daß Christus auf der Schädelstätte (mons calvariæ, hebräisch Golgatha) gekreuziget, und dann daneben in dem Felsengrabe eines Gartens beigesetzt worden sei.

Wo liegt Golgatha mit dem Grabe daneben? Nahe der Stadt Jerusalem war der Ort, wo Jesus gekreuziget worden, überliefert der Jünger Johannes (19, 20). Ist es von allem Zweifel ferne, daß Golgatha außer, doch nahe bei der Stadt lag, so bleibt man gleichwohl bei Ausmittelung der Stelle nahe um Jerusalem, d. h., in seinem ganzen Umkreise, im Ungewissen, und diejenigen, welche die fragliche Nähe bei der Stadt auf dem Gihon erblicken, haben, wenigstens meines Wissens, nichts für sich, als Schlußfolgerungen.

Wo Gihon und die Grabeskirche liegen, darüber wurde früher Aufschluß ertheilt, und es leuchtet aus Allem aufs gewisseste hervor, daß die jetzige Grabeskirche dem Gihon nicht angehört. Ich urtheile nicht bloß nach dem Augenmaße, sondern auch nach einem Grundrisse der Stadt, welchen ein Ingenieur, Failoni, gezeichnet hat, und welcher ganz besonders deutlich darlegt, daß das alte Jerusalem eine aller Wahrscheinlichkeit widersprechende, beinahe krüpplichte, gleichsam kerbthierförmige Lage oder Gestalt haben mußte, wenn man das heutige Christusgrab außer die alte Stadt versetzte. Man wird genöthiget, zwischen dem Zion und Akra von West einen tiefen Ausschnitt zu machen, von welchem auch bei Flavius Josephus überall nicht die Rede ist. Wer auch nie das Glück hatte, in Jerusalems Mauern zu leben, wem bloß vergönnt ist, eine treuere Abbildung von der Stadt zu sehen, der wird beim ersten Anblicke der Grabeskirche gleich über der Omarsmoschee, gleich über dem Moriah, die Bedenklichkeiten nicht unterdrücken können.

So lange mir nicht mehr Belege zu Gebote stehen, dürfte ich freilich nicht geradezu mit unbiegsamer Hartnäckigkeit behaupten, daß das von den christlichen Priestern gezeigte Golgatha und Christusgrab eine geschichtliche Täuschung seien; ich habe aber hinlänglichen Grund, zu neuem Denken und Forschen in dieser Sache aufzumuntern. Wollte man sich denn in Erläuterungen einlassen, so mochte eine solche Täuschung um so leichter Wurzel schlagen, je sehnlicher man die Baustelle für den Grabestempel dort wünschen mußte, wo man vor feindlichen oder räuberischen Ueberfällen sicherer sein konnte. Es kann Niemanden entgehen, daß eben die Mauern der Stadt diese größere Sicherheit gewähren. Schon die einzige Thatsache — um auf andere nicht zurückzukommen — daß ein christliches Kloster auf dem Zion, will heißen, außer den Stadtmauern, den Türken abgetreten werden mußte, nimmt entschieden Partei für solche, die eine Täuschung für wahrscheinlich halten, und hätte dieser Fall niemals sich ereignet, so würde man vernünftigerweise zwischen einem armseligen Kloster und einer Kirche mit ansehnlichen Schätzen eine Unterscheidungslinie durchführen.

Das Grab selbst oder die Kapelle desselben, welche die Grabeshöhle vorstellen soll, ist überdies, sie kann nicht besser, zu Erregung von Zweifeln geeignet. Nach der Erzählung der Evangelisten wickelte Josef von Arimathia den Leichnam Christi in Leinwand, legte ihn ins Grab (κατέθηκεν), welches in Felsen gehauen war, und wälzte einen Stein über die Grabesöffnung (ἐπὶ τὴν θύραν)[2]. Das ist ebenso einfach, als gegründet in den morgenländischen Sitten. Man wickelt in unsern Tagen den Leichnam in weiße Leinwand, und versenkt ihn uneingesargt ins Grab. Im Evangelium geschieht des Umstandes keine Erwähnung, daß Christus in einen Sarg gebracht wurde. Es meldet vielmehr, ohne ein Weiteres, daß derselbe eingewickelt ins Grab gelegt wurde, welches dann ein Stein deckte. Wenn man in der Grabeskirche, an der Stätte, da Christus gekreuziget ward, einen Garten, und im Garten ein neues Grab (Johannes 19, 41) sucht, so lacht heute kein Garten, und es thut sich kein Grab auf; aber das Auge überrascht ein Sarg, unzweifelhaft die fromme Zugabe von Priestern. Allerdings wüßten Zweifler, wenn man selbst die Todesgruft, selbst den Stein, selbst die Spezereien heute noch auf das klarste sähe, einen Ausweg dahin, daß Alles nachgekünstelt sei; allein die Einfalt hat vor ältern Zeiten viel zu wenig erwogen, daß der treueste Befund nach dem Wortlaute der biblischen Urkunden vor den Angriffen der Zweifelsucht weitaus am sichersten schützen würde.

Es war zwar die Grabeskapelle früherhin nicht ganz so, wie jetzt, aber doch im Wesentlichen gleich: stets enge, wenig zugänglich, mit brennenden Leuchtern. Vormals mußte man sogar, um zum Grabmale zu gelangen, durch eine kleine viereckige Oeffnung, als eine seltsame Grabesöffnung, schlüpfen, wovon Salomo Schweigger in seiner alten Treuherzigkeit eine Abbildung lieferte. Ich werde mich jedoch wohl hüten, die Abbildung von diesem Schlüpfen in Worten ausführlich auszudrücken, weil ich besorgen müßte, den Besuch des Grabes ins Lächerliche herabzuziehen. Man war, wie es scheint, schon beim Bau der Kapelle beflissen, die Wirkung hervorzubringen, daß das Gefühl vorherrsche, und der überall beengte Geist vor demselben erstumme.

Dem übertriebenen Eiferer widerfährt oft das Loos des Lügners, welchem man zuletzt die Wahrheit nicht mehr glaubt. Es bedarf keines Beweises, daß, zumal im Streite für die Religion, der überspannte Eiferer in seinen Seitensprüngen gerne die einfachsten Dinge mit Wundern vergoldet, und so kann er auch in der Regel auf den Beifall der Männer mit nüchterner Urtheilskraft wenig rechnen, wie willig und gerne sie immer die Wahrheit vernehmen und glauben. Die Menschen, in deren Brust die Flamme maßloser Leidenschaft auflodert, haben die Schuld offenbar sich selbst zuzumessen, wenn ihnen der unwissende oder wenig unterrichtete Haufe mehr glaubt und vertraut, als Leute, die mit einem größeren Vorrathe an Kenntnissen ausgerüstet sind. Es ist sehr wahrscheinlich, daß überhaupt der religiöse Glaube besser und fester stände, wenn nur nicht die Verkündiger und Verbreiter desselben über die Schale (die Form) den Kern (das Wesen) zu oft übersehen hätten.

Die Gräber der Könige.

Außerhalb des Thores von Damaskus (Bab-el-Scham) liegt gleich zur rechten Hand die gegen die Stadt schauende Felsenhöhle, in welcher Jeremias seine Klagelieder gesungen haben soll, und ungefähr in einer halben Viertelstunde davon erreicht man die sogenannten Gräber der Könige. Der Boden zwischen der Stadt und den Gräbern ist mit vielen Steinen übersäet. Darunter zeichnen sich hin und wieder Mosaiksteine aus, an welchen ich den festen Mörtel deutlich unterscheiden konnte. Will man die Gräber besehen, so tritt man durch ein mit Schutt mehr, als bis zur Hälfte gefülltes Thor in einen großen, unbedeckten Raum, welcher, wie dieses, aus dem Kalkfelsen gehauen ist. Der Grund war grün, und diente den Kühen zur Weidung. An der Abendseite dieses Raumes öffnet sich der Eingang zu den Grabhöhlen. Ihn zieren halb erhabene Arbeiten, welche von einem so einfachen, als edeln Geschmacke zeugen. Man kommt, nicht ohne Komplimente zu schneiden, durch den theilweise verwitterten Eingang in einen Vorsaal. Dieser führt in vier Kammern, die sich hinwieder in Nebenkammern verzweigen. Alle sind Hauwerke im Felsen ohne Schmuck und Inschrift. Dagegen tragen die Grabdeckel, hohle Halbwalzen von Stein, auf der einen Seite Verblümungen als Zierath. Die dicken Thüren der Todtenkammern von gleichem Felsen haben auf der einen Fläche einfache Zeichnungen von Vierecken, wie Täfelthüren. Man findet sowohl ganze Thüren, als auch Bruchstücke, keine aber eingehängt. Vor zwei Jahrhunderten liefen dieselben noch in ihren Angeln.