Es befinden sich jetzt, wie man mich versicherte, zwei protestantische Missionarien, ein englischer und amerikanischer, in Jerusalem. Man lobt sie, und die protestantischen Fremden, wenigstens die Engländer, ziehen größtentheils ins Missionariat. Ich besuchte weder den einen, noch den andern. Hätte ich mich aber in der Stadt länger aufgehalten, so würde ich ihre Bekanntschaft gerne gemacht haben. Sie stehen, meines Wissens, mit den übrigen Christen in kaltem, jedoch in keinem feindlichen Verhältnisse.

Der Ablaß der römisch-katholischen Kirche.

  1. Gänzlichen Sündenablaß erhält man:
    1. beim Betreten des heiligen Landes, wenn man sieben Vater unser und Ave Maria betet; denn die Mühseligkeiten und Gefahren, welche mit der langen Reise verbunden sind, werden als eine Buße für die eigenen Sünden betrachtet;
    2. beim Eintritte ins Thor von Jerusalem, nach Verrichtung von ebensoviel Gebeten;
    3. in der Franziskanerkirche zum Erlöser in Jerusalem, und zwar am Altare der Verkündigung sowohl, als des Abendmahls von Christus und seiner Erscheinung vor Thomas;
    4. in der Kirche des Christusgrabes, nämlich an den Altären der Kreuzerhöhung und Kreuzigung, am Steine der Salbung, an der Säule der Geißelung, in der Kapelle des Christusgrabes und der Helena, am Orte der Kreuzerfindung;
    5. in Jerusalem an den Plätzen, wo Maria, die Mutter des Christus, empfangen und geboren ward, am Bogen des Ecce Homo, im Palaste des Pilatus, nahe am Orte der Geißelung;
    6. in der Umgegend vor Jerusalem, nämlich bei der Ankunft auf dem Zion, im Besondern im Hause des Hohenpriesters Kaiphas, am Bächlein Kidron, auf der Brücke, wo Christus seine Kniee eindrückte, am Grabe seiner Mutter Maria und des Lazarus in Bethanien, auf der Burg von Magdalo, an der goldenen Pforte;
    7. in Bethlehem, und zwar am Altare, wo Christus geboren ward, am Altare der Krippe, so wie der Anbetung der Weisen aus dem Morgenlande;
    8. in der Umgebung Bethlehems, im Lande der Hirten, wie am Orte der jetzt verlassenen Kapelle, wo denselben der Engel erschien;
    9. in St. Johannes auf dem Berge, am Altare seiner Geburt, in der Wüste, wo er das Evangelium predigte;
    10. in Nazareth, nach dem Eintritte in die Stadt und am Altare der Empfängniß;
    11. in der Umgegend von Nazareth und in Galiläa und zwar auf dem Berge Thabor, in der Stadt Nain, in Sephoris (Szaffad), wo die Aeltern Marias geboren wurden, in Kana, am Geburtsorte der drei Apostel Bartholomäus, Matthäus und Simon, am Jordan.
  2. Ablaß auf sieben Jahre und zweihundertundachtzig Tage:
    1. zu Jerusalem in der Grabeskirche, am Altare der Kleidervertheilung, an der Kleidersäule, ferner im Gefängnisse auf dem Bezetha und am Orte, wo Christus Magdalenen erschien;
    2. in Bethlehem, am Grabe der Unschuldigen, im Oratorium des Hieronymus, an seinem Grabe, am Grabe der Paula, ihrer Tochter Eustochia und des Eusebius, in der Schule des Hieronymus;
    3. in der Umgegend von Bethlehem, am Grabe der Rahel, im griechischen Eliaskloster, auf dem Felde, wo der Engel den Habakuk wegtrug, in der Zisterne der heiligen drei Könige, am Terebinthenbaume, in St. Saba;
    4. in St. Johannes auf dem Berge, an der sogenannten Marienquelle, am Orte, wo die zwei Basen einander begegneten, an dem Orte, wo Philip den Eunuchen der Königin von Aethiopien taufte;
    5. in Nazareth, im Hause Josefs, am Tische des Herrn, an der Quelle der Jungfrau;
    6. in der Umgegend von Nazareth und in Galiläa, bei der Maria der Furcht, auf dem Seligkeitsberge, dem Aehrenfelde, am Orte der Speisung mit Broten und Fischen, am See Genesareth, in Bethsaida und Kapernaum.

Ich glaubte irrig die Ablaßstellen, wovon ich mehrere besuchte, wenigstens durch Kreuze bezeichnet. Ohne einen Führer würde man, im Geiste des Ablasses, sehr wichtige Stellen unbeachtet überschreiten.

Der alte deutsche Pater und die große Apotheke.

Im Kloster des Erlösers lebt ein grauer Achtziger aus Mähren, Pater Vital. Mich verlangte, den Greis zu sehen. Ein schöner Mann mit blauen Augen, rosigem Wangenschimmer und gebeugtem Körper begrüßte mich mit der einnehmendsten Herzlichkeit. Mir wollte Jerusalem und seine Umgebung nicht gefallen, und ich fragte ihn um seine Meinung über das Leben in diesem Lande. „Ja, was ist es?“ antwortete er. „Man ist nun einmal da. Es muß gut sein.“ Der Sinn der Worte war leicht zu deuten.

Ich traf den Pater gerade in der Werkstätte. Er treibt im Kloster das Geschäft eines Apothekers und Arztes. Dazu ist er also noch Pater. Alle gute Dinge sind drei. Von der Werkstätte gingen wir in die Apotheke. Wenn nur das Halbe wahr ist, was an den Büchsen und Gläsern geschrieben steht, so besitzt sie einen reichen Schatz von Arzneistoffen, daß man sich in der That verwundern muß, wenn man die Lage Jerusalems in einer bildungsarmen Gegend berücksichtigt.

Die herrschende widrige Witterung machte mich ein wenig unpäßlich. Ich ermangelte nicht, dies dem Pater Vital zu eröffnen, zugleich aber die Bemerkung beifügend, daß ich ein Arzt sei. Ohne irgend zu untersuchen, trug mir der Mann Gottes einen Schnapps Rosoli aus der Apotheke mit einer Schnelligkeit und Zuversicht an, daß ich unwillkürlich auf die Vermuthung geführt wurde, es mögen hin und wieder die Klagen eines Preßhaften mit diesem leckern Safte beschwichtiget werden. Ich verbat mir dieses Mittel darum, weil es mein Uebelbefinden nothwendig verschlimmern würde. So mag denn hier die Arzneigeberei beschaffen sein. Schnappskuren wären gar zu schmackhaft[3].

Meine Zelle im Kloster des Erlösers.

Ich hatte eben kein fürstliches Aussehen, und ich kann mir es wohl erklären, wenn man mir nicht aller Orten die beßten Zimmer anwies.