Man kommt vor Bethlehem gerne aus der steinichten, mehr oder minder öden Gegend in eine gewächsreichere, worin wenigstens Rebe und Feige und Kohl gedeihen. Unter einem Gewölbe hindurch tritt man ins Dorf. Kaum weiß man vor Wasser und Schlamm, wo man den Fuß hinstellen darf.
Bethlehem, an der nördlichen Abdachung eines Hügels, gewährt keine erhebende Aussicht. Den zwar gut gemauerten Häusern mangeln Fenster.
Im Franziskanerkloster stieg ich ab. Der Pater Guardianus, ein einsichtiger und kenntnißreicher Mann, empfing mich mit Freundlichkeit, und es wurde mir ein gutes, großes Zimmer angewiesen. Abends ereilte mich das Mißgeschick, von der Prozession, mit brennender Kerze in der Hand, gleichsam fortgerissen zu werden. So gerne würde ich mit einem Führer allein und in der Stille den Ort, wo, der Ueberlieferung zufolge, Christus geboren ward, besucht haben. Es ist diese Stelle, unmittelbar unter der Kirche, von einer köstlich gezierten Kapelle überwölbt. Als die Patres in diese herabgestiegen waren, sanken sie in Demuth auf die Kniee, und erhoben die Stimmen des Gebetes. Der Guardian schenkte mir die Aufmerksamkeit, daß er mir ein gedrucktes lateinisches Büchlein mit den Gebeten einhändigte, welche vor jedem Altare verrichtet werden. Wer würde auf dieser Stätte sich nicht in ernste Betrachtungen vertiefen? Welche große Eröffnungen sind, nach dem Glauben der Christen, von dem Manne ausgegangen, dessen Geburtsstätte vor meinen Augen lag („hic de virgine Maria Jesus Christus natus est“). Aber auch welches Unheil erzeugte der Aberwitz, welcher mit Herrschsucht im Reiche der Meinungen sich in den Sinn der Worte unsers großen Meisters hinaufwagte? Wie lange noch bleibt es bloß frommer Wunsch, daß nur einen Hirten eine Heerde umgeben möchte? Man zeigt auch die Krippe, welche zum Lager des neugebornen Kindes gewählt worden sein soll. Außer der Geburtskapelle wallt man in mehrere Höhlen, worin die fromme Erinnerung Altäre und Grabmale gebaut hat, einen z. B. auf Hieronymus, einen hochwürdigen Mann. Es ist von einem Engländer behauptet worden, daß, im Widerspruche mit den Urkunden, die Geburtskapelle unterirdisch sei. Ich möchte dieser Behauptung aus guten Gründen nicht beipflichten. An der Baustelle des Klosters schießt der Boden der Erde gähe ab, und wenn der Boden der Kirche in ebener Linie durchgeführt wurde, so konnte der Stall den Raum zwischen dem Erd- und Kirchenboden einnehmen.
Das Kloster ist ziemlich groß; seine Mauern sind so dick und massiv, wie die einer Festung. Großen Schaden litt es letztes Jahr durch ein Erdbeben, und eben war man mit Verbessern des Gebäudes beschäftiget. Mehrere Mädchen gingen aus und ein, um die Maurer zu bedienen. Diese, wie andere Bethlehemitinnen gewannen in meinen Augen nicht den Preis der Schönheit, welchen Reisende ihnen zudachten.
Die Bethlehemiten sind lauter Christen, und zwar beinahe alle lateinische, nur in geringer Zahl griechische. Aus ihren Gesichtern sprechen die Züge von Schlaffheit, Schlauheit, von Niederträchtigkeit. Ich verdanke dem Pfarrer des Klosters, einem Spanier, die Mittheilung, daß im verwichenen Jahr 122 (lateinische) Kinder geboren wurden. Die ganze Gemeinde von Bethlehem nähert sich der Zahl von 4000. Im laufenden Jahre starben binnen fünfzehn Tagen über 40 Kinder an den wahren Menschenpocken und bloß eine erwachsene Person.
Es werden in Bethlehem sehr viel heilige Dinge, meist aus Perlmutter, gearbeitet. Kurz nach meiner Ankunft begab sich zu mir ins Zimmer ein Bethlehemit mit einer Menge Kruzifixe, Marienbilder, Rosenkränze u. s. f., wovon ich mehreres einkaufte.
Zu spät in Bethlehem, das zwei leichte Wegstunden von Jerusalem entfernt ist, eingetroffen, blieb ich daselbst über Nacht. Ich rühme billigermaßen die freundliche Bewirthung und den guten Wein; nur war es mir unangenehm, daß ich, in Berücksichtigung meiner Gesundheit, nicht nach allen aufgetragenen Speisen langen durfte.
Am folgenden Morgen wollte ich zu Fuß zurückkehren; allein man — — —. Ich wußte zum Glücke noch, daß ich nicht weit von meinem Kopfe Füße habe, und ohne Worte zu machen, trat ich den Rückweg an. Meine kurze Fußreise war ein Lustwandel, während dessen ich die Gegend mehr genoß, als es bei einem Ritte hätte der Fall sein können. Und Gewinn war schon der lebendigere Gedanke, daß Tausende und Tausende von Menschen vor längst verflossenen Jahrhunderten von Bethlehem nach Jerusalem zu Fuße einherwandelten, wie ich nun dahin ziehe. Verläßt man das Dorf Bethlehem, so schaut linker Hand oben das Kloster Johannes auf uns herab. Ungefähr auf der Hälfte Weges holte ich Gesellschaft ein, nämlich einige Marktweiber, welche auf dem Kopfe Holzreiser trugen. Nicht sehr lange aber hielten sie Schritt mit mir; es war eine Strecke über Elias, als ich sie verließ. In dem ungestörten Besitze meiner Gedankenwelt, in der frohen Vergegenwärtigung der Vorzeit, welche der alte Boden unter meinen Füßen heraufbeschwor, ging ich wieder meines Weges allein, wie vor Bethlehem, und ohne irgend ein unangenehmes Begebniß erreichte ich Jerusalem.