Bei guter Witterung wird man in einem Tage, bei schlechter in zwei Tagen zuversichtlich allenthalben herumkommen.
Rückblick auf Jerusalem.
So wenig der erste Anblick der Stadt meiner Erwartung entsprach, so tief, ich muß es laut gestehen, wurde sie beschämt, als ich anfing, die Denkwürdige mit Aufmerksamkeit zu zergliedern. Wenn auch nicht der Buchstabengläubige und der ungestüme Zweifler, so kehrt doch der ruhige Prüfer aus der gefeierten Stadt zurück. Jerusalem verdient mit vollem Rechte von dem Alterthumsforscher, zumal aber von dem Israeliten und Christen, besucht zu werden. Es erscheint nicht wenig auffallend, daß hier die Nachgrabungen, um Alterthümer zu entdecken, nicht nach einem durchgreifenden Plane, wie an so manchen andern, geschichtlich vielleicht weniger wichtigen Orten veranstaltet werden. Es liegt über allen Zweifel hinaus, daß der Nachgrabende in Jerusalem mannigfaltige Schätze der Vorwelt hervorziehen würde, die zu Erklärung des alten und neuen Testamentes ungefähr so viel beitragen könnten, als das ganze Heer von Stuben- und Schriftgelehrten seit Jahrhunderten wirklich dazu beigetragen haben. Es versteht sich wohl von selbst, daß, um so zu sagen, keinerlei heilige oder unheilige Besorgnisse von den Nachgrabungen abhalten dürfen. Die Wahrheit ist in der That heiliger zu achten, als daß es erlaubt wäre, auf das Erforschen derselben zu verzichten, weder den Einen, weil sie etwa fürchten, daß der neue Fund den bisherigen Glauben schwäche, noch den Andern, weil sie besorgen, daß er ihn stärke.
Ausflug nach Bethlehem.
Holperiger Weg; das unscheinbare Elias mit einer reizenden Aussicht nach Jerusalem und Bethlehem; Rahels Grab; in Bethlehem Pfützenreichthum, das Franziskanerkloster, der Stall und die Krippe; die Bethlehemiten und Bethlehemitinnen; zu Fuß nach Jerusalem zurück.
Durch die Erzählung der Unannehmlichkeiten mit einem Eseltreiber will ich Niemand belästigen; man hat manchmal mit solchen Leuten so viel Mißliches, daß man beinahe das alte Gebot zurückwünschen möchte, nach welchem den Christen untersagt war, in und um Jerusalem zu reiten.
Ich ging durch das Jaffathor, wendete mich links über das Thal Gihon, und bald war ich auf der Thallehne Hinnon, Jerusalem gegenüber und mit diesem ungefähr in gleicher Höhe. Der Anblick der Stadt verheißt von hier aus nicht viel; kaum zeichnet sich der Zion aus.
Der holperige Weg gleicht unsern Bergwegen. Die Leute lassen sich die Mühe reuen, ein kleines Sträßchen anzulegen, so leicht es wäre. Man hat nicht ganz Unrecht, vom Zustande der Straßen auf die Bildungsstufe der umwohnenden Menschen zu schließen.
Jetzt bekam ich über dem Hinnon einen Esel. Ich ritt durch eine Ebene in der Richtung gegen Mittag. Wo dieselbe zu einem langen, von Abend gegen Morgen oder gegen das uneigentlich sogenannte todte Meer streichenden Hügel aufschwillt, liegt in der Mitte und auf dem Rücken selbst das griechische Kloster des Elias: wenig vorstellende Mauern, welche schwerlich ein Abendländer für ein Gotteshaus ansähe. Das reizlose Aeußere mag der Lüsternheit des Beduinengesindels am beßten wehren. An dem Eliaskloster vorüber, und auf dem Scheitel des Hügels erweitert sich die Aussicht nach Mittag und Mitternacht. Rückwärts nimmt man Abschied von Jerusalem, und vorwärts gegen Mittag begrüßt man Bethlehem, welches wie an einen Abhang gekleibt ist. Im Glanze der Abendsonne fiel dasselbe vortheilhaft ins Auge. Es scheint hier sehr nahe, und doch haben wir erst die Hälfte des Weges am Rücken. Vom Lothssee erblickt man nur ein kleines Silberdreieck, welches von Gebirgen des ostjordanischen Landes majestätisch überragt wird. Zwischen dem Eliaskloster und Bethlehem steht an dem, von Elias aus, sehr unebenen Wege rechts, nach der Ueberlieferung, Rahels Grab unter einer mohammetanischen Kuppel.