Zwei Dinge verdienen vor allen eine nähere Betrachtung: Das Durchgehen unter der Bahre und die frühe Beerdigung des Todten. Dem Falle vorzubeugen, daß für einen lebenden Lüstling der hingeschiedene Ehemann als Vater unterschoben werde, strengte sich in Europa die ganze Weisheit der Gesetzgeber, wie der Gerichtsärzte an, ohne daß es ihnen gelang, dem Betruge einen festen Riegel zu stoßen. Vielleicht versteige ich mich nicht, wenn ich behaupte, daß die Sitte der Jaffaner einem in diesen Punkt einschlagenden europäischen Gesetze den Vorrang ablaufe. Drücken wir die Sitte in Form eines Gesetzes aus: „Jede Wittwe ist gehalten, innerhalb drei Stunden vom Ableben ihres Ehemannes an (beim gehörigen Orte) anzuzeigen, ob sie sich von ihm schwanger glaube oder nicht.“ Einem so klar ausgesprochenen Gesetze müßte jede Erläuterung beschwerlich fallen. Doch Eines will ich berühren. Man kann dasselbe der Grausamkeit zeihen. Wie dem auch immer sei, nur beherzige man bei dieser Gelegenheit, daß die Sitten, die freiwilligen Gesetze (ohne förmlichen Vertrag), worüber die Wenigsten klagen, oft minder milde sind, als die Zwangsgesetze (laut förmlichen Vertrages), welche beinahe aus Aller Munde mit Klagen überschüttet werden.
Die frühen Leichenbestattungen verlieren sich unzweifelhaft in das graueste Alterthum. Sie gründen sich wohl auf die Ansicht, daß sie ein nothwendiges Gebot des heißen Himmelsstriches seien.
Die Rekruten oder die Konskribirten.
Eines Abends überraschte mich nicht wenig ein Schauspiel. Einem Vortrabe zu Pferde folgte eine geschlossene Menge Männer. Es waren für den Kriegsdienst eingeschriebene Leute, schwarze, halbschwarze und weiße, paarweise so an einander gebunden, daß allemal die Rechte des Einen und die Linke des Andern in einer Art Hamen staken. Eine hölzerne Spange nahm in Kerben die Handwurzeln auf und, so viel ich erblicken konnte, war jene seitlich mit eisernen Schrauben versehen, wodurch zwei Spangen, als Handklemmen, festgeschlossen wurden. Ueberdies war mit einem Stricke ein Mann hinter den andern, wie ein Kameel hinter das andere, gebunden. Einmal führte ein Soldat einen Bauer am Gürtel des Bauches in die Stadt. Hinter ihm ging ein wehklagend Weib. In einem Hause von Jaffa war ein anderes Mal eine bedeutende Anzahl Ausgehobener einquartirt, und etwa fünfzig Weiber heulten und schluchzten vor demselben, die einen mit dem Säugling an der Brust. Noch nie drangen so viel und so trübe Wehklagen in mein Ohr.
Die Regierung machte mir einen langen Strich durch die Rechnung. Um größere Schiffe hier zu laden, muß man, wegen des unsichern Hafens, Meeresstille oder leisen Wind abwarten, wodann sie auf offener See von Kähnen aus befrachtet werden. Eben trat günstige Witterung zum Laden ein. Da hieß es, daß die Regierung zwei Schiffe befrachte, und alle Kähne in Anspruch nehme. Mein Schiffshauptmann mochte sich verwenden, wie er wollte, er durfte am Ende nur müßig zuschauen, wie nach Alexandrette Rekruten eingeschifft wurden. Unvergeßlich bleibt mir dabei ein rührender Auftritt. Ein Weib, in einem blauen Hemde voll Löcher und Lappen, kauerte am Hafen in einem Winkel; es weinte bitterlich und schluchzte bitterlich; es deutete, daß ein ihr Theurer, vielleicht ihr Sohn, zu Wasser weggeschleppt werde. Und andere Weiber standen da und weinten bitterlich über das Schicksal einiger Eingeschifften, bis die Polizei sie unschonlich verjagte. Ich konnte bei diesem Auftritte den Gedanken nicht daniederhalten: Es muß unter den häßlichen Lumpen auch noch zartes Gefühl sich regen; ein Mutterherz bleibt Mutterherz — bei einer Christin oder Mohammetanerin; unter den unscheinbarsten Lumpen pocht manchmal ein wärmeres Mutterherz, als unter Atlas und Sammet. Diese Wahrnehmung freute mich um so mehr, da ich bei den arabischen Mannsleuten eine ungemeine Gefühllosigkeit, zumal gegen die Thiere, zu bemerken glaubte.
Ich möchte das Gesagte durch Thatsachen erhärten. Als ich auf meinem Ausfluge nach den Pyramiden am Wasser lange warten mußte, hatte der Esel mit angelegtem Zaume unter den Hufen gutes Gras, das, wie mir däuchte, keinem Einzelnen, sondern aller Welt gehörte. Dem Treiber fiel es nicht ein, das Gebiß abzunehmen, bis ich ihn dazu ermunterte. Als ich ein Kameel ritt, welches von einem Insekte am Bauche gequält wurde, wollte ich dem Führer zu verstehen geben, daß er jenes von der Plage befreie; allein ich konnte ihn glatterdings nicht dahin bewegen. Wie ich von Ramle nach Jerusalem wanderte, überließ ich am Fuße des Juda dem Treiber das Maulthier sammt dem belästigenden Felleisen, und ich ritt den Esel, welcher keine Ladung weiter trug. Theils um dem Thiere Erleichterung zu verschaffen, ging ich sehr oft zu Fuß, und kam schneller davon. Ich dachte immer, der Führer werde mein Beispiel nachahmen. Es mochte der Weg noch so steil sein, der Stumpfsinnige saß auf dem langsamen Läufer, und ließ mich eher aus den Augen. So gefühllos können Araber sein, während die gemüthreichen Türken mit der herzlichsten Freude einen Vogel in seinem Käfich kaufen, um ihn von der Gefangenschaft zu erlösen.
Fortsetzung: Das Weinen oder die Raserei am Neujahrstag 1836.
Das Weinen ist der Ausbruch der Freude oder Traurigkeit bei Gescheiden und — Narren.
Bei uns will die Züchtigkeit der Sitte oder der Anstand, daß man im Weinen sich mäßige, daß die Gefühle nicht ohne Rückhalt entströmen. Das eigentliche Choralweinen nach dem Laufe der Natur scheint man bei uns kaum zu kennen. Bei uns weint man piano oder pianissimo, in Jaffa forte oder fortissimo. In den Landen der Gesittung hält man es für besonders schön und rührend, wenn etwa eine Thränenperle aus dem unumwölkten Himmel herabfällt.
Als ich nach Tische die andere Hälfte des Neujahrstages von 1836 verlustwandeln wollte, da hörte ich von einer Gasse her ein wildes, klägliches Geschrei. Ich rückte näher. Vor der Thüre einer Truppenherberge harrte eine Menge Weiber, diesmal nur die wenigsten mit einem Schleier, und die entschleierten Gesichter verbreiteten einen solchen Zauber, daß Jedem die ungelegenen Heirathsgedanken verschwunden wären. Ich sah und hörte kaum jemals etwas Wilderes. Die Einen standen, die Andern kauerten. Die Einen konnten nicht genug ihre Hände um einander kreisen lassen, ohne daß diese sich berührten. Andere schlugen die Hand auf die Stirne oder auf die Brust, oder sie klatschten mit den Händen, indem abwechselnd bald die Rechte, bald die Linke die Oberhand war, und während der Oberleib vor- und rückwärts geschaukelt wurde. Die Meisten drehten unaufhörlich einen Zipfel des Kopftuches. Wieder Andere nahmen das kleine Kopftuch herunter, welches sonst den Kopf kronförmig umgibt, und das große Kopftuch befestiget; mit jeder Hand faßten sie ein Ende des heruntergenommenen Tuches, drehten es, und hielten es bisweilen in die Höhe. Auch eine alte Frau mit zahnlosem Kiefer und vorspringendem Kinne und gebeugtem Leibe und wogenden Schultern hob ein solches Tuch empor, lärmend und herumtrippelnd; es mangelte der Rolle einer europäischen Tänzerin nichts, als die fröhliche Miene. Das schlug unverkennbar auf die erzkomische Seite. Ein Theil wimpelte mit den Händen, wie unsere Prediger auf den Kanzeln. Die meisten Augen schwammen in Thränen. Dabei war der Mund angelweit aufgesperrt. Die Einen begnügten sich fast einzig mit lautem Rufen. Andere gefielen sich darin, Empfindungslaute, manchmal quieksende, auszustoßen. Es gab auch solche Doppelsingspiele, indem unter schaukelnden Bewegungen die Eine der Andern auf die Schulter klopfte, oder ein Stück des Kleides packte. Nur die Kinder, von ihren Müttern getragen, waren alle — ohne Sauglappen ruhig und still. Sie schienen vielmehr an dem wilden Leben sich zu belustigen, und sie hätten, wie ich glaube, unfehlbar geweint, wenn die erwachsenen Leute in den Zustand der Beschwichtigung zurückgekehrt wären. Das ganze Schauspiel bot dem Europäer das Bild einer Raserei. Es war das Weinen in seiner Zügellosigkeit und unter allen Eingebungen der Traurigkeit.