Der Konsul Damiani; mein Besuch in seinem Hause.
Nach der Ankunft in Jaffa stieg ich beim Herrn Konsul Damiani ab. Heute noch trägt er im morgenländischen Gewande den Militärhut aus den Zeiten Napoleons. Der Hut geht zur morgenländischen Tracht gerade so gut, als zur europäischen; denn das häßlichste Kleidungsstück, das man erdenken konnte, steht nirgends gut.
Der ehrwürdig aussehende Greis nahm mich freundlich auf. Sein Sohn geleitete mich sogleich in eine Zelle des Gastgebäudes (ospizio della Terra Santa).
Ich sah den Konsul bisher nur in seinem Waarenlager am Kai, gleich neben dem armenischen Kloster. Ich wurde von Andern in sein Haus geführt, ohne daß ich den Besuch beabsichtigte. Täusche man sich nicht über die Wohnung des Konsuls. Sie ist sehr unansehnlich, so daß unsere Bauern in schönern Häusern wohnen. Der Konsul saß unten im Hofe. Den Hut vertrat diesmal eine abgeblichen rothe Mütze, und um den Kopf über die Ohren war ein Tuch gebunden; denn die Zähne litten Schmerzen. Man prangt immer mit der Weltweisheit, man verehrt die Seele als das Ewigwährende am Menschen, man schmäht auf den vergänglichen Staub des Körpers, man lehrt Verachtung der Kleiderpracht, und doch vermag man nur mit Mühe den widerlichen Eindruck zu besiegen, den man beim Anblick einer mit häßlichen Kleidern bedeckten, höher gestellten Person empfängt, selbst wenn noch so hoch deren Seelenadel emporflackerte. Hätte ich nicht schon gewußt, daß Damiani Konsul wäre, ich würde ihn schwerlich beachtet haben. Er pflegte sonst seinen langen, grauen Schnurrbart hinauszustreichen und zu zwirnen. Diesmal ließ er ihn fein in Ruhe, weil er überzeugt sein durfte, daß zwischen dem unreinen Tuche um dem Kopfe keine Hoffahrt mehr möglich sei.
Nicht die köstlichsten Treppen leiteten hinauf ins Gastzimmer. Darin hing eben die Wäsche an zwei Reihen von der Linne herab. Der Christ beging seinen Sonntag und die Wäsche deswillen doch keinen Fehler, weil — das Trockenwerden keine Hände erfordert. Zuerst wurde ich im Zimmer Niemand gewahr; bald dann erschien der Sohn des Konsuls hinter der Wäsche, so ganz theatermäßig, wie der Schauspieler hinter der Blendewand. Nach den theilweise erzählten Vorgängen durfte ich auf keine andere, als auf eine kalte Aufnahme rechnen. Nach der Begrüßung setzte sich der junge Mann wieder auf den Strohteppich, von Papier und Siebensachen umgeben, die alle kreuz und quer durch einander lagen, wie ein Nest voll junger Kaninchen. Es wurde durch einen schwarzen Sklaven mit Tabak und Kaffee aufgewartet. Mehr, als dies interessirte mich die Ausstattung des Zimmers mit Hausgeräthen. Fratzen aus Europa, z. B. Gipsfiguren, schämten sich vor reich gestickten morgenländischen Gewändern. Um das christliche Europa noch feierlicher herüberzubeschwören, stand an einem Orte der ans Kreuz genagelte Christus. Der Sohn war nicht wenig bemüht, mit den Schätzen des Hauses die Bewunderung des Zuschauers zu erwecken. Es wurde angeblich ein Gegengift in Form eines Steines, das Horn einer Schlange, Alterthümer, ein massiver Klumpen Silber u. s. f. vorgewiesen. Ich wurde dabei, zu meinem Leidwesen, nicht im mindesten gerührt.
Dem gutmüthigen und gesprächigen Konsul, der schon eine hohe Stufe des Alters erklommen hat, horchte ich mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Freilich sichern nicht gerade die Jahre, nicht die Silberlocken (die im Morgenlande dem Barbier und Turban gehören), nicht der höhere Rang, nicht die größere Macht als Familienhaupt dem Greise Aufmerksamkeit und Liebe, Ehrfurcht und Vertrauen, sondern die reichern und reifern Kenntnisse und Erfahrungen, die weisen Sprüche und Warnungen, ja die lebendige Geschichte eines Menschenalters, die er auf der Zunge herumträgt. Damiani erzählte eine breite Historia von einem Mylord, und als ich gelegentlich die Bemerkung einwob, daß im Abendlande Manche nicht rauchen, daß hier dagegen das Rauchen den Hauptgenuß verschaffe, so erwiederte er: In Jerusalem ist es wieder anders; dort schnupfen sie mehr; schon kleine Dingerchen (er deutete die Höhe mit der Hand) fangen das Schnupfen an. Es war ein Wunder, daß der Herr Sohn nicht immer in unser Gespräch einfiel. Sonst kann er sich des Plauderns mitten hinein so wenig enthalten, als hin und wieder eine mit seltenen Rednertalenten begabte Jungfer Köchin, wenn man mit dem geistlichen Herrn ein paar Worte reden möchte.
Mein Besuch währte länger, als dem Konsularschutze angemessen war, und wie ich mich vom Sitze erhob, im Begriffe, zur Thüre hinauszugehen, duckte ich mich recht höflich, um nicht an der Wäsche anzustreifen, die ich, den Spuren ihrer irdischen Vergänglichkeit zum Trotze, wegen der Schönnähtereien bereits angestaunt hatte.
Ich besuchte schon früher den griechischen Konsul. Der ist ganz nach europäischem Geschmacke gekleidet, dazu sehr gewandt und gefällig. Die abendländische Kleidung flößt dermalen hier zu Lande Achtung ein. Der Konsul kredenzte mir Punsch. Ich lächelte über mein gutes Europa, dem in manchen Dingen mehr Ehre widerfährt, als es verdient. Echte Bildung ist dort keineswegs so heimisch, wie man gemeiniglich glaubt. Bei Vielen beschränkt sie sich darauf, nach der Mode sich zu kleiden, die Komplimente gehörig zu schneiden, die Formeln der Begrüßung und Unterhaltung sich geläufig eingetrichtert zu haben, über Konzerte, Theater und Dichter ein wenig zu plaudern, wo nicht französisch zu sprechen, doch die Kinder oder Verwandten, das Möpschen, einige Geräthschaften, Kleidungsstücke, Speisen oder Getränke französisch zu nennen, wenn man nicht gerne einen Besuch annimmt, zu Hause zu sagen, daß man nicht zu Hause sei, oder auf dem Gipfel der Gesundheit zu erklären, daß man sich unwohl befinde, etwa zu einer Zither zu singen, niedlich zu spielen und zu tanzen u. dgl. Ich bitt’ um Vergebung. Diese Toilette — serviteur — souffleur — charade — Jeannette — nièce — joli — secrétaire — corsette — côtelette — liqueur — excuse — guittare — dames — écossaise — Bildung, wenigstens ein sehr honnetes Wort, klingt doch allerlieblichst ins Ohr.
Auch die Russen haben einen Konsul, in der Person eines Griechen. An den Festtagen wehen die Flaggen der verschiedenen Konsuln ganz zierlich über Jaffa, und so stolz, als wären hier die Christen Meister. — — Ich fand die Festtage üb er an diesen Flaggen doch Freude.