Im Nu schritt der Pfarrer (padre curato) mit zwei Mönchen daher. Der Meinungskampf begann in der Kirchensprache der Katholiken. Jener stolperte unglücklich genug über seine lateinischen Fehlbrocken. Um aber doch seinen Worten einen salbungsvollen Nachdruck zu verleihen, schlug er mit der Faust auf dem Tische den Takt, und glühender Eifer rollte seine Augen. Der ganze Rüstzeug von Verstand und Vernunft würde dem Menschen wahrlich wenig mehr nützen, wenn das Gepolter einer Faust Beweiskraft hätte. Der Pfarrer trieb sich auf dem Boden der faden Jesuitenlogik herum, und ich merkte, daß mit ihm kein Satz ordentlich durchzuführen sei. Ich erklärte geradezu, daß ich mich zum Protestantismus bekenne. Auf diese Erklärung suchte man mir den bekannten Satz ins Herz zu prägen, daß einzig und allein die römisch-katholische Kirche selig mache; ich sei verdammt, hieß es, und laut rief ein Mönch mit einem buntscheckigen Barte, daß ich in die Hölle fahren werde[11]. Ich sei mit meinem religiösen Schatze zufrieden, erwiederte ich; ich wolle den Frieden meiner Seele wahren; ich könne glatterdings nicht bekehrt werden. Sofort erloschen die Flammen der Patres, und ich wurde nimmermehr mit derlei Zwisten gequält.

Ich warne, aus dieser einzelnen Vorfallenheit allgemeine Sätze herauszufolgern. Die Patres haben höhern Auftrag, ihren Glauben zu verbreiten, und der Bekehrungsversuch darf wohl nicht befremden. Ich meine sogar, daß mein Tagebuch dadurch eher gewonnen, als verloren habe.

Wie die Gleißnerei im Namen der heiligen Religion einen Unschuldigen prügelt; laue Konsulats- und Mönchspolizei.

Der Franzose, einer meiner Wegweiser in Jerusalem, machte eines Abends in seiner Trunkenheit nicht wenig Spektakel in und vor meiner Zelle. Weil mit einem Berauschten nichts anzufangen war, so stieg ich hinunter zum Pater Superior. Mir nach eilte der Franzose bis zur Kirche, worin die Mönche beteten. Dies hinderte jedoch den Zornentbrannten nicht, vor der geweihten Stätte so ungestüm zu lärmen, daß jene die Kirchenthüre zuschlossen. Und sich nicht begnügend mit bloßem Lärmen, schlug er mich mit der Hand und versetzte mir mit seinen Reitstiefeln einen Fußtritt. Gegen die Ueberfälle vertheidigte ich mich mit genauer Noth, in der Ueberzeugung, daß eine ernste Gegenwehr mit Händen und eine kräftige Vertheidigung mit Worten Anlaß darböten, einer falschen Anklage Gewicht zu geben, und mich nicht minder zu beschuldigen, als den Angreifenden. Eben drohte der Franzose mit dem Messer, als endlich die Patres herzutraten, denselben beschwichtigten und mir beistanden. Der Pater Superior mußte wohl einsehen, daß unser von den Mönchszellen ziemlich gesondertes Wohnen zur Seite hoch oben in den Pilgerkämmerlein den Unfrieden allzu sehr begünstigen würde. Er befahl Trennung; da ich aber mein Gepäcke holen wollte, spektakelte der Franzose von neuem auf dem Dache, und hob, unter Drohungen gegen mich, einen Stein. Indeß hatte das rohe Benehmen die gute Folge, daß ich neben den Patres eine weit bessere Zelle bekam.

Tages darauf war es mein erstes Geschäft, den Schutz des österreichischen Konsuls anzuflehen. Diesen Vorfall zuerst tief bedauernd, äußerte er sich dann, daß er nicht einschreiten könne, und daß ich mich mit den Worten zufrieden geben sollte: Questo è finito (die Sache ist abgethan), indem wir einander die Hand reichen und umarmen würden. Hiezu konnte ich mich deswegen um so weniger verstehen, weil der eben anwesende Franzose seine im Rausche ausgestoßenen Beschimpfungen jetzt im nüchternen Zustande wiederholte, und weil er noch aus dem Grunde Recht haben wollte, daß ich kein Christ sei. Mit dieser Gleißnerei hat er auch die Mönche zu berücken gesucht. Der Pater Superior bemerkte inzwischen ganz wohl, daß Schimpfen und Schlagen von seiner (des Franzosen) Seite nimmer angehe, welcher Religion ich auch zugethan sein möge. Ich verlangte beim Konsulate förmliche Genugthuung und Sicherheitserklärung, die ich denn auch mit Zähigkeit erhielt.

Der Konsul scheint dasjenige zu glauben, was der erste ihm vormalt. Die Dreieinigkeit theilte er ein in Gott, als Obersten, in unsere liebe Frau (Madonna) und in Jesus Christus. War der Konsul sich der Zeitfolge bewußt, so soll vor der Hand keine Einwendung geschehen, besonders dann, wenn er, ein öfterer Fall, in gewisser irdischer Begeisterung sprach. Der Konsul erregte erst meinen großen Unwillen gegen ihn, als hart neben seinen Ohren ein Mann mir erzählte, daß der Franzose den Vater desselben am gleichen Abende mit Stockschlägen mißhandeln wollte. Still, still, lispelte der etwas verlegene Konsul, welcher die Sache zu vertuschen suchte, und als er sie nicht mehr leugnen konnte, beschönigte er den Franzosen damit, daß dieser, in der Wuth über mich, auch einen andern Handel angesponnen habe. Es war erdichtet; denn das Hospiz wird gleich nach Einbruch der Nacht gesperrt, in welcher ich unter die unsanften Hände gerathen bin. Viel vermag fürwahr bei einem Morgenländer die glatte Zunge und die rothen, unten mit Leder überschlagenen Reitknechthosen eines Franzosen, solche mit einer weiter gediehenen Bildung natürlich unzertrennliche herrliche Erscheinungen des Abendlandes.

Doch die Sicherheitserklärung ist da nur Schein, wo man straflos schimpfen und schlagen darf. Mit persönlicher Sicherheit wanderte ich bisher unter der arabischen Polizei, aber nicht unter der fränkischen. Im Unwillen über die Lauheit oder Machtlosigkeit des Konsuls, welcher österreichischer und französischer zugleich ist, entschlüpften mir einige Worte, welche den Mann stachelten und in etwelche Bestürzung brachten. Vater und Sohn, welcher letztere eigentlich die Konsulatsgeschäfte besorgt, arbeiteten von nun an, in Verbindung mit dem Superior, angelegentlich an der Herstellung des Friedens. Im Zimmer des Paters bat der Franzose kniefällig ab, und, die Hand auf ein Buch haltend, schwor er bei einem Heiligenbilde und legte das Handgelübde ab, daß er mir nie etwas Leides zufügen wolle. Diese plötzliche Demuth des Kerls mußte mich neuerdings mißtrauisch machen.

In einer solchen Lage war kaum ein anderer, ehrenhafter Entschluß mehr möglich, als der, die Abreise nach Beirut in Gesellschaft des Franzosen auf das bestimmteste abzulehnen. Einem Menschen, der sich mehr, als viermal treulos zeigte, darf man nicht trauen. Mein Entschluß wurde noch dadurch befestigt, daß der Vater des Rais, mit welchem wir nach Beirut übersetzen sollten, und der kein fränkisches Wort verstand, in Gegenwart des Konsuls für die Ueberfahrt zweimal mehr forderte, als man gewöhnlich bezahlt. Ich glaubte die Falle zu erkennen. Wahrscheinlich war verabredet, die Ueberfahrtskosten für den Franzosen und Deutschen auf mich zu wälzen. Immer lebhafter überzeugte ich mich, daß es hohe Zeit sei, diese zwei besitzlosen Leute, die wahrsten Abenteurer auf Erden, vom Halse zu schütteln. Nach einem siebentägigen Aufenthalte in Jaffa begaben sie sich an Bord.

Wie sind doch die Verhältnisse so eigenartig, welche die Furchen der Stirne auszuebnen vermögen? Unter andern Umständen wäre das längere Warten auf eine Reisegelegenheit für mich eine Pein gewesen, während ich es unter diesen leicht erträglich fand. Ich miethete mich in eine Bombarda des Hauptmanns Kiriako Bagsîno, eines Hydrioten, bis in die Nähe (sechs Stunden) von Smyrna. Das Schiff war nach Konstantinopel bestimmt; ich glaubte aber den Weg nach Smyrna wählen zu müssen, weil ich eine kleine Geldanweisung für den Nothfall an das Haus Sturzenegger und Prélat in Smyrna bei mir hatte. Das größere Kreditschreiben lautete auf den österreichischen Konsul in Beirut, Herrn Laurella, bei welchem das Geld wirklich bereit lag, ohne daß ich es der angeführten Verumständigungen wegen wirklich bezog.