Die Männer auf dem Lande waren mit einem Turbane bedeckt. Die meisten von denjenigen, welche an mir vorübergingen, hatten eine wilde, unfreundliche Miene. Ein Mann, der viele Jahre auf der Insel verlebte, versicherte mich, daß die rhodischen Griechen durchaus wackere Leute seien, und daß man unter ihnen völlig sicher reise, bei Tag und Nacht, über Berg und Thal. Nach dem Aeussern würde ich in der That ein ungünstiges Urtheil gefällt haben. Damit nicht dem Irrthume der Fang gelinge, soll Niemand verkündigen, daß er Fische gefangen habe, sobald er die Schwere des Netzes in der Tiefe des trüben Wassers verspürt, sondern erst dann, wenn er die Fische fühlt oder sieht.

Auf dem Rückwege, immer am Meere vorbei, hörte ich, seit ich Triest verlassen habe, wieder zum ersten Male einen Brunnen plätschern, zum ersten Male sah ich wieder den lautern Wasserstrahl mit den Perlen scherzen. Man nennt die Insel sehr reich an Brunnquellen, welche auf wohlthätige Weise in der wolkenlosen oder wolkenarmen Jahreszeit die Stelle des Regens übernehmen, um, durch die Hand des berechnenden Landmannes geleitet, das Feld zu berieseln und zu befruchten.

Nach Konstantinopel, Triest und heim.

Wir gingen am 20. Jenner schon unter Segel; allein ein heftiger Gegenwind jagte uns gegen die nun öden Feuerschlünde zurück, die zu Ehren des Beiram so laut gedonnert haben, er verbannte uns in den Hafen von Rhodos. Ich benützte diesmal die Zeit, meinen Reisepaß bei dem österreichischen Konsul, Herrn Giulianich, unterschreiben zu lassen. Die Hausfrau ist eine Deutsche, und mit einem innigen Vergnügen sprach ich wieder einmal mit deutscher Zunge. Die freundliche Aufnahme im Schoße einer europäisch gebildeten Familie erquickte mich wie ein Frühlingslüftchen.

Die Rückreise über Konstantinopel werde ich nicht ausführlich schildern. Die Sehnsucht nach dem Abendlande, wirkliche Reisesattheit, ungewöhnlich ungünstige Umstände machten mich nachlässiger im Beobachten und im Aufzeichnen des Beobachteten, obschon ich mein Tagebuch fortsetzte.

Am 24. Jenner steuerten wir endlich von Rhodos weg. Links erhoben sich die Sporaden, rechts bald das Vorgebirge Krio (Knidus der Alten) und linker Hand vorwärts die Insel Kos. Mit ehrfurchtsvollen Erinnerungen heftete ich auf dieselbe meinen Blick; denn Kos ist das Geburtsland von Hippokrates. An der Morgenseite spielte das Halbgrün der Weiden bis an den Gipfel des Berges in der Sonne, welche von Karien lieblich herüberleuchtete. Wie vor Jahrtausenden kreiset noch die gleiche Sonne, noch umschweben das gleiche Land die Lüfte, noch bespülen das gleiche die Fluthen des Meeres, ach, muß es denn unabänderlicher Wille sein, daß der gleiche Sterbliche dort nicht umherwandle, und lehre, wie Andere, gleich ihm, die Krone der Unsterblichkeit verdienen? Der Theil der Morgenseite, welcher, gegen Mitternacht, völlig in die Nähe trat, war unbewohnt. Als wir umbogen, kam die Stadt Kos zum Vorscheine, großartig in der Schminke der Ferne. Die Thürme trugen sich schlank über den Moscheedom, und die vielen weißen Landhäuser verliehen dem schönen Landschaftsbilde einen besondern Reiz. Nahe der Stadt belebten die Küste mehrere Windmühlen, auf welche das Schloß Putrun (das alte Halikarnaß) von Kleinasien herabschaute. Eben trieb ein Kahn die Meerstraße querein, schief in den Wind, gegen Kos. Ich beneidete die Leute in dem Fahrzeuge, in das ich hätte hinüberhüpfen mögen, um in die gefeierte Stadt der Aerzte zu wallfahrten; ich zürnte dem Winde, vor dem unsere Segel so bereitwillig sich blähten, damit mein Auge an dem Lande der Koer um so minder sich weiden könne. Es ist wohl verzeihlich, wenn ein Arzt, vor der Insel Kos vom Strome seiner Gefühle hingerissen, die Fesseln der Kürze in der Beschreibung ausnahmsweise abwirft.

Wir segelten vorüber an den Inseln Kalmino (Kalymna), Leros und Pathmos, Samos und Ikaria (Nikarie) nach Tschesme, wo ich mich mit dem Hauptmanne Bagsîno über die Mitfahrt nach Konstantinopel verständigte. Chios lag herrlich vor den Blicken und nahe; ringsum Ionier-Land. In Tschesme wechselte ich ein freundlich Wort mit dem wackern österreichischen Konsul. Ipsara, Metelino, (das alte Lesbos); das sigrische Vorgebirge doublirt; Blitz und Donner begleitete den Regen auf dem ägäischen Meere vor Tenedos (Bogdscha), gegenüber von Troas. Ich setzte meinen Fuß auf den Boden dieses Eilandes. Der thrazische Chersonesus gewährte wieder den ersten Anblick Europens; die Dardanellen (Hellespont), ihre Schlösser; die Flüsse Simois und Rhodius; Abydos und Gallipolis; wir ankerten vor dem asiatischen Dorfe Kamares, dem Lande der Mysier; dann schwamm unser Fahrzeug im Marmarameere (Propontis) an der Marmarainsel (Prokonnesus) vorüber. Donnerstags den 4. Hornung Morgens liefen wir beim Mondesscheine in den Bospor und, vorbei an Skutari, mit Tagesanbruch in den Hafen von Konstantinopel (Stambul). Einzig war das Schauspiel. In der großen Kaiserstadt, welche meine nicht geringen Erwartungen sogar überbot, weilte ich bis zum 17. Hornung. Auf dem Dampfschiffe reiste ich ab; der Olympus thronte vor den Augen; es entzückte mich die Fahrt längs des trojischen Feldes, vor dem Kap Baba (promontorium Lectum), neben dem Ida, zwischen Lesbos und Äolien; und deutlich sah ich die Stadt Metelino (Mitylene). Spät Abends den 18. Hornung erreichten wir den Hafen von Smyrna (Ismir). Mich durchströmte die seltene Freude, einen Landsmann, Herrn Sturzenegger von Trogen, so wie früher in Konstantinopel einen andern Schweizer-Bürger, Herrn Morelli, Handelsmann aus Bern, zu treffen.

Am 23. Hornung reisete ich am Bord der Brigg Macacco, Kapitän Radonicich, mit dem Sohne des österreichischen Konsuls in Rhodos von Smyrna ab. Das Ankertau hielt uns später im Meerbusen, dessen Hafen wir verlassen haben; wir fuhren durch die Seestraße von Chios; zwischen den Inseln Tino (Tenos) und Mykone, zwischen Syra (Syros) und Delos, zwischen Paros und Thermia (Cythnus), zwischen Serfo (Seriphus) und Sifanto (Siphnus); ein Sturm zwang uns zurück gegen Hydrea vor Argolis; vorwärts segelten wir dann gegen Cerigo — rechts das Gebiet der alten Spartaner, links die Cykladen — und vorüber am Kap St. Angelo (Vorgebirge Malea der alten Lakedemonier). Statt die Meerenge nach der Bucht von Kolokythia (Laconicus sinus) zwischen Lakonien und dem englischen Cerigo (Cythera) zu wählen, umsteuerten wir diese Insel; dort das Kap Matapan (tänarische Vorgebirge) und das Mainagebirge (Taygetus); die Küste von Messene (Navarin sehr deutlich); weiter Zante, Cephalonia, Santa Maura, Antipaxos und Paxos; durch die Straße der Insel Korfu und nahe der freundlichen Stadt gleichen Namens; zum letzten Male erblickte ich einen Moscheethurm im Epirus; wegen eines stürmischen Windes warfen wir die Anker aus im Hafen von Arcangelo der Dalmazier.

Dinstags den 15. Merz langte ich mit einem Herzen voll Wonne zu Triest an. Schon waren die Bäume auf dem Felde mit ihrem Blüthenstrauße geschmückt. Der jugendliche Lenz erwies mir die Gefälligkeit, das harte, vierzigtägige Gefängniß im Theresienlazarethe wenigstens einigermaßen zu lindern. Unbeschreibliche Freude athmete meine Brust, als ich mit dem neubesiegelten Freibriefe am 23. April aus der Quarantäneanstalt trat. Ich berührte einige Städte Oberitaliens, in denen die indische Cholera wüthete; in Tirol, von Meran bis Mals ging ich zu Fuß; am 1. und 2. Mai fuhr ich über Schnee, selbst am 3. noch im Schlitten, und am 4. schüttelte ich, im vollen Besitze der Gesundheit, zu Hause die Hand der Meinigen.

Anleitung zu der Pilgerfahrt nach Jerusalem.