Nunmehr in dem Lande, wo der Sultan unmittelbarer herrscht, durchmusterte ich mit Verwunderung die Kleidung des Militärs. Sieht man einen Theil desselben, so glaubt man sich kaum mehr unter den Türken. Auch gibt es, außer den Kriegsleuten, nicht wenig fränkisch gekleidete Personen, und da ich in Syrien von den Weltneuigkeiten beinahe ganz abgeschieden war, so lebte ich gleichsam neu auf, als ich wieder so Manches erfuhr; denn Rhodos zählt immer eine beträchtliche Anzahl Schiffe in seinen Häfen, weil es die Straße von Konstantinopel und Smyrna nach Alexandrien und aufwärts nach der ganzen Küste bis hin zu dem gegenüber Himmel und Meer trennenden Streifen Natoliens berührt, und weil viele Schiffe vor der Insel sich mit frischem Mundvorrathe versehen, letzteres um so gewisser, als die Lebensmittel in sehr billigem Preise stehen. Ich bekam für zwei Kreuzer so viel Pomeranzen, daß ich geflissentlich kleinere auslas, um sie in den Taschen bequem tragen zu können. Eine kleine Maß (Ocke) vortrefflicher Wein kostet sechs Kreuzer R. W. Leute, wie die Bewohner dieses Landes, die sich besser ausfinden, wissen ihn noch um die Hälfte wohlfeiler zu kaufen. Eine Ocke Honig kostet sechszig bis achtzig Para (12 bis 16 Kreuzer). Nur das Brot ist theuer und schlecht; denn der Pascha, welcher sich mit Alleinhandel befaßt, zog die Bäckereien an sich. Sollte man etwa bedauern, daß nicht auch die höhern und edlern Güter des Menschen in den Bereich des Handels, des Alleinhandels fallen? Gewaltige der Erde fänden doch eine viel mächtigere Quelle zu Vermehrung ihrer Schätze, und ohne Widerrede wäre es für einzelne Begüterte ein herrlicher Gewinn, wenn sie auf dem Ruhepolster das, worüber sie noch nicht verfügten, nämlich einen hellern Verstand und ein lautereres Gemüth, durch Geld sich aneignen könnten.

Die Konsuln wohnen in einem griechischen Dorfe gegen West außerhalb der Stadt. In demselben besitzen die Lateiner auch ein Hospiz, welches von zwei Patres bedient wird. Die lateinische Gemeinde ist etwa 120 Seelen stark. Der eine Pater, ein gar freundlicher und gefälliger Mann, zeigte mir in der Kirche ein Frauenbild von gehauenem und gemaltem Marmor, welches sehr alt sein soll. Der Pater erzählte: In einem Grundstücke des Eilandes ward von einem Sklaven umgegraben. Da vernahm dieser eine Stimme: „Laß mich gehen.“ Als er tiefer drang, stieß er auf etwas Hartes, und siehe, es war ein Frauenbild, ein sehr wunderthätiges (molto miracolosa).

Griechische Knaben belustigten sich, indem sie unter scherzenden Bewegungen über den Weg sangen, und türkische —, indem sie spielten. Diese übten sich in einem Spiele, welches einem in der Schweiz unter verschiedenen Namen bekannten durchaus ähnelt. Ein Knabe stellt sich vorne, der andere hinten. Der vordere setzt ein Pflöckchen vor eine Grube, in welche er ein kleines Stäbchen steckt. Treibt er dieses nach vornen und aufwärts, so fliegt das von ihm getroffene Pflöckchen gegen den hintern Knaben. Wenn der letztere mit der Hand das noch fliegende Pflöckchen erhaschen kann, so ist der vordere besiegt, und beide wechseln ihre Rollen; wo nicht, so wirft der hintere nach der Grube. Bleibt das Pflöckchen in einer gewissen Nähe von derselben liegen, so ist es Gewinn; kommt es nicht nahe genug, so schlägt der vordere Knabe mit einem Stäbchen darauf, damit es aufhüpfe, und damit er es sodann im Fluge — fortschlage. Fliegt das Pflöckchen jetzt nur so weit, daß der hintere Knabe die Grube von jenem an erspringen kann, so ist er verloren, sonst aber nicht. Gleichermaßen darf der vordere Knabe nur bestimmte Male auf das Pflöckchen schlagen, um es flügge zu machen. Schlägt er diese Male erfolglos, so ist er überwunden. Ich möchte den Alterthumsforscher mit nichten tadeln, wenn er sogar Staub und Moder ausbeutet; er darf aber auch mir nicht verargen, wenn ich in manchen Kinderspielen nichts minder, als Kinderspiele für den Freund der alten Welt erblicke. Ueberlieferungen von Munde zu Munde können sich so rein bewahren, als Ueberbleibsel von Werken der Menschenhand.

Es würde der, im Vergleiche selbst mit palästinischen, auffallend großen Hähne keine Erwähnung geschehen, wenn nicht schon die Alten die großen und streithaften Hähne von Rhodos gepriesen hätten.

Der Abend im Schiffsraume.

Man führte mich in ein jüdisches Haus, wo ein ausnehmend guter Wein ausgeschenkt werde. Ich kaufte einen großen Krug mit herrlichem rothen Rhodier.

Der Rhodier-Wein, zu meinen Füßen gestellt, schwänkt mir den Zwieback. Der Krug mahnt mich an die Weinkrüge, welche untreue Weiber oder Mägde in irgend einen Winkel verbergen, um daraus gelegentlich Muth zu Verblendung der Männer oder Meister zu schöpfen. Ich sitze auf Wrack, einer niedrigen Windenscheibe, die mit einem großen Damenbrete ausgemalt war. Unter mir breitet sich ein Strohteppich aus, neben mir das Bett mit einer Pomeranze darauf, damit sie den Wein mir kühle, — dann meine Habseligkeiten, vor allen der Spender des Segens, der Brotkorb. Gegenüber lagert der unsäuberliche Jude mit einem Graubarte, der schmutzig auf die Brust herunterkräuselt. Nahe über ihm steht eine Katze, deren Augen von der Begierde nach Beute glänzen. Würde der lauernde Vierfüßer ein wenig abwärts gerückt sein, — der Judenkopf wäre das segelnde Schiff unter der ehernen Riesensäule der — Katze gewesen. Der Mann des Hebrons schläft fest und schnarcht, daß die Nasenflügel zittern wie Espenlaub. Vielleicht hörte das hebräische Schnarchen selbst der Maure, welcher, voll Freude über das eingetretene mohammetanische Jubelfest (das große Beiram), in der Stadt sich gütlich that, und einmal eine ganze Nacht im Kaffeehause zubrachte. So hängt man gemeinhin an die Fasten ein Gegengewicht: Man enthält sich kürzer oder länger, mehr oder minder der Speisen und Getränke, man sammelt die Eßlust, und man leert nach der Hand um so leckerer größere Schüsseln und Becher. Bloß drei Fuß über der Schiffsladung von Sesam hängt vom Verdecke ein Laternchen herunter, welches die Höhle erleuchtet.

All’ diese Armseligkeiten betrachtend, bin ich doch zufrieden, und nun blicke ich durch die Oeffnung des Verdeckes gen Himmel zu Gott empor, dem ich mit gerührter Seele meinen Dank für die goldene Gabe der Gesundheit darbringe. Sie war mehrmals auf der Neige, und ich lernte sie schätzen, die mich von so manchem Joche befreite; unbesorgt genieße ich jetzt die frische Luft der Nacht, die grünen Früchte des Südens und seine glühenden Weine.

Spaziergang gegen Trianda.

Mich gelüstete, eine griechische Dorfschaft in einiger Entfernung von der Stadt zu besehen. Ich erstieg zuerst den Hügel gleich über Rhodos; der Weg durchstach einmal einen Felsen. Jener soll heute Smiths Höhe heißen, weil der englische Admiral Sidney Smith auf demselben wohnte, ehe seine Flotte nach Egypten absegelte. Auf der Höhe eröffnet sich die köstliche Aussicht über die Stadt und einen Theil der Insel, auf andere Eiländer und an die Küste des alten Karien. Von den schneebedeckten, kühn in den blauen Aether tauchenden Ausläufern des Taurus schwang sich mein Gedanke beinahe unwillkührlich in die Gegend des Bodensees; denn das Meer, in engen Schranken zwischen Kleinasien und den Eiländern, glich einem See. Ich ging sofort eine Strecke weit auf dem Scheitel des Hügels, und lenkte dann rechts hinunter zum Meeresstrande, wo mir mehrere Marktleute mit Eseln und Maulthieren begegneten; Kameele traf ich nicht. Vor dem Siechenhause (casa dei leprosi) saßen einige Menschen, die bettelnd ihre Hand schüsselförmig hervorstreckten; eben ruhte auf ihren Gesichtern die erwärmende Sonne, von dem kalten Nordwinde sich erholend. Eine starke Stunde im Westen von Rhodos liegt eine sehr weitläufig gebaute Dorfschaft mit fest gemauerten Häusern, die in Höfe eingesperrt sind. Eine Menge Oelbäume trägt dazu bei, daß die Häuser noch mehr in der Verborgenheit erscheinen. Die alte Stadt Rhodos soll in der bedeutenden Länge vom Vorgebirge Bovo, dem gleich nördlich die neue Stadt Rhodos sich anschließt, die nach Trianda sich ausgedehnt haben.