Wie viel kostet die Reise? Es wäre leicht, zu antworten, würden nur die Preise zu verschiedenen Zeiten nicht schwanken. So waren die Lebensmittel zu meiner Zeit in Jaffa mindestens um ein Drittel kostspieliger, als vor der Besetzung Palästinas mit egyptischen Truppen. Und davon abgesehen, läßt sich der Voranschlag der Kosten nur beiläufig bestimmen. Wer gesonnen ist, den Reiseplan geradenweges zu verfolgen, und nirgends sich längere Zeit aufzuhalten, wer weder wissenschaftliche Forschungen anstellen, noch durch großen Aufwand Aufsehen erregen will, immer und überall aber für die Gesundheit, als eine unschätzbare Juwele, Sorge trägt, und in steter Rücksicht auf dieselbe die verschiedenartigen Vergnügungen der Reise genießt: der wird diese mit 600 Gl. R. W. bestreiten können. Es fiele nicht schwer, in die Einzelnheiten einzugehen. Jeder, welcher die Reise zu unternehmen Willens ist, wird übrigens leichter durch Erfahrung das Nähere finden, als durch die Uebung des Gedächtnisses in Angaben aus dem todten Munde eines Buches.
Schlußbetrachtungen.
Hier an meinem Ziele, wo ein weites Feld von Rückerinnerungen sich schließt, kann ich nicht umhin, darüber Rechenschaft abzulegen, wie ich die Reise in den gegenwärtigen Blättern erzählte.
Alles Wesentliche schrieb ich auf der Reise zwischen Triest und Afrika, in Alexandrien und in Kairo, in El-Arysch und in Ramle, in Jerusalem und in Jaffa, in Rhodos und Tschesme (auf dem Meere zwischen Ionien und dem thrazischen Bospor, in Konstantinopel und in Smyrna, auf dem Seewege nach Triest) und im Theresienlazarethe, am meisten jedoch in Kairo, El-Arysch, Jaffa und Triest, und selten blieb ich in bedeutendem Rückstande. Mit dieser Arbeit, ich gestehe es, raubte ich mir manchen ruhigen Genuß; hingegen auch würzte ich damit, zu reichlicher Vergeltung, viele Stunden, zumal von denjenigen, welche in den Quarantäneanstalten vergingen. Im Garten bereitet man dem Rosenstrauche ein Beetchen, und er treibt Blätter und Dornen; aber man pflanzt ihn nicht wegen der Blätter und Dornen, sondern in der Hoffnung, daß mit der Zeit noch duftende Blumen aufquellen, womit die Freude sich einen Kranz winde.
Ich fühle wohl, daß ich hätte zwei Dinge thun können: erstens das Geschichtliche einweben, und zweitens mit Auszügen neuerer Reisebeschreibungen meine ergänzen. Ich wollte weder das Eine, noch das Andere; das Eine nicht, weil auf der Reise zur Seltenheit eine kleine Garbe geerntet wird, sondern weil jeder Unterrichtete die Hauptsache am Schreibpulte ausbeuten kann; das Andere nicht, weil ich die Rolle eines Plünderers verabscheue, und weil ich vermuthe, daß Manche ebenso gerne einen Rundreisenden begleiten, als den Zusammenstoppeler und Erklärer inmitten eines Bücherhaufens. Ich behaupte zwar nicht, daß ich die eben bezeichnete Bahn aufs allerstrengste verfolgte, ohne ausnahmsweise in einen Seitenweg abzuweichen, indem ich glaubte, wenigstens einige, vielleicht nicht mit Gebühr gewürdigte Männer des sechszehnten und siebenzehnten Jahrhundertes, wie sie mir gerade in meiner literarischen Einsamkeit begegneten, in diesen Sprechsaal einladen zu dürfen[14].
Als Lustreisender hätte ich denn auch nicht dem Schulzwange gehorchen mögen, um ein Ebenmaß zu beobachten. Bald ernst, bald scherzhaft, jetzt ausführlich und vielleicht gar gedehnt, dann kurz und abgebrochen, — so schrieb ich je nach meinen Lagen und Launen. Das Wanderbuch ist ein Spiegel verschiedener Gemüthsstimmungen. Wie sollte ich nun am Ende meiner Fahrten, etwa zu Gunsten untergeordneter Rücksichten, das Tagebuch anders zuschneiden, damit das Bild meines Reiselebens erbleiche? Es wäre ein wenig zu hart, wenn man stets nach den Geboten der Schule leben müßte, wie der Karthäuser nach seiner Klosterregel.
Nicht die Städte der Welt sind das Ziel einer Reise, sondern die Wahrheit. Mit Andern will ich in nichts wetteifern, als in dem aufrichtigen Streben, der Wahrheit zu dienen. Das letzte Reiseziel aber ist viel schwieriger zu erreichen, als Alexandrien und Kairo, Jerusalem und Bethlehem. Man gibt wieder, was ein Eingeborener oder ein schon längere Zeit im Morgenlande weilender Franke erzählte; allein es hält nicht immer leicht, den rechten Mann zu finden. Man ist das Werkzeug der öffentlichen Meinung unter den Franken; allein man kann die Ansichten Einzelner mit derselben verwechseln. Man verfaßt es in Schrift, was man selbst durch die Sinne wahrnahm; allein diese werden gerne von Täuschungen getrübt. Mehrmals stellte ich mich vom Schreibpulte aufmerksam auf die Gasse, auf daß ich dann wieder an jenem die Feder sicherer handhabe. Um die körperlichen Eigenthümlichkeiten, so wie die Tracht der Jerusalemer mit möglichster Genauigkeit zu schildern, setzte ich mich im Bassar auf eine steinerne Bank, und schrieb, von den Leuten ungestört, gleich nieder, was mein Auge erspähte. Wenn ich auch nicht die leiseste Neigung hege, den Zweifel deshalb mundtodt zu erklären, so brachte ich nun einmal, was ich vermochte, treulich und ohne Gefährde.
Nützt meine Reisebeschreibung Niemanden, so nützte sie doch mir, mehr aber noch die Reise selbst. Als Wanderer lernte ich Welt und Menschen an einem größeren Maßstabe kennen.
Oft beschmollte ich unsern Schnee, und träumte mich mit Wonnegefühl unter einen lindern, lachenden Himmel. Ich konnte im Egyptenlande während des Wintermonats ahnen, welche Gluth die Sonne des Sommers auf dasselbe aussprühe. Uebrigens frieren die Leute im Winter auch an andern Orten, wie in dem gar sommerheißen Konstantinopel, obschon kürzere Zeit, ohne daß sie durchgängig die bequemen Heizeinrichtungen besitzen, die uns, den von Eis Umringten, jenen lieblichen künstlichen Sommer in die Stube zaubern. Wahrlich, wir stehen nicht schlimmer.