Ich sah jenseit des Mittelmeeres fruchtbarere Gegenden, als in der Schweiz und in Teutschland, als selbst in Frankreich und Italien. Was frommt jedoch dem Bauer die Ergibigkeit der Fluren, wenn er die Bodenerzeugnisse zusammt dem daran klebenden Schweiße dem Machthaber unter die Füße legen muß? Ich sah aber auch viel unfruchtbarere Gegenden, wie in der Nähe von Jerusalem, wo die Menschen Zähne haben müßten, um die Steine zu zermalmen, einen Magen, um sie zu verdauen, eine Werkstätte, um sie in Blut zu verwandeln, falls jene in der Nacktheit ihnen viel nützlicher werden sollten. Wir stehen nicht schlimmer mit unsern grünen Hochweiden, vor denen viele Berge Syriens und Kleinasiens, Thraziens und des peloponnesischen Archipels ihre Häupter ehrerbietig senken würden.
Ich traf tugendsame Menschen, aber auch den schlimmen, den feigen Araber, den schlauen, den treulosen Griechen. Bei uns versüßen mein Leben viel wackere Leute, die zugleich die Träger einer umfassenderen Bildung und Weltaufklärung sind, nicht zu gedenken, daß ich durch die Bande der Sprache, wie der Sitten, der Religion, wie des Vaterlandes und, ich will noch beifügen, der Vorurtheile an sie geknüpft bin. Und wer möchte vom Bande der Familie schweigen? Wir stehen einmal nicht schlimmer.
Ich reisete durch gesunde Gegenden, so Jaffa und Gaza in der pestfreien Zeit, aber auch durch solche, welche, außer der Pest, noch von andern schrecklichen Geißeln der Menschheit geplagt werden. Bei uns fallen wohl zahlreiche Opfer der langsam tödtenden Schwindsucht, aber seit Menschenaltern nimmermehr jenem Ungeheuer. Wir stehen in der That nicht schlimmer.
Nein, wir stehen nicht schlimmer, aber besser. Nichts trug zur Aussöhnung mit den heimathlichen Verhältnissen williger bei, als meine Reise und gerade diese mittlerweile gewonnene Wahrheit. Der Gedanke, daß das Schicksal gegen uns mehr Milde erzeigt, als gegen die Einen, hat jederzeit etwas Tröstliches, mag auch sonst ein herberes Schicksal uns beugen, als Andere. Ich darf die volleste Zufriedenheit mit der Entwerfung und Ausführung meines Reiseplanes ausdrücken.
Soll ich nun Andern die gleiche Reise, insonderheit die Pilgerfahrt nach Jerusalem, wie ich sie angab, rathen? Wem die Wanderlust beinahe im gebieterischen Tone zuspricht, und wem gleichzeitig es nicht an Mitteln ermangelt, dieselbe zu befriedigen, der trete die Reise an mit heiterer Entschlossenheit. Wenn er einerseits freilich einen Kelch voll Bitterkeiten an die Lippen setzt, wenn er vielleicht der Gefahr sich in die offenen Arme stürzt; so werden ihm andererseits der angenehmsten Augenblicke manche vergönnt, und mit einem güldenen Schatze neuer Kenntnisse und Erfahrungen wird er sich bereichern. Geht auch ein kleiner Weltschatz verlustig, dieser wird von den Kleinoden, welche man für Kopf und Herz sammelt, weit aufgewogen.
Ich bin kein Schwärmer. Ich möchte die Erneuerung der Kreuzzüge nach dem jüdischen Lande nicht herbeiwünschen. Es taucht inzwischen aus dem Meere der Weltereignisse die merkwürdige Erscheinung, daß die meisten Gemüther der abendländischen Christen für Jerusalem in seiner örtlichen Bedeutung gleichsam erstorben sind, und daß seit länger, denn einem halben Jahrtausende kein zweiter Petrus von Amiens sich erhob, die Abendwelt für das gelobte Land zu entflammen. Der Mensch liebt bisweilen die Hindernisse, um sich im Kampfe gegen sie zu messen. Je zahlreicher dieselben aus dem Wege geräumt wurden, desto mehr lenkten in der Folge die Abendländer ihre Aufmerksamkeit von Palästina ab. Man möchte bereits beklagen, daß, nach Beseitigung aller Hindernisse, nunmehr der Entschuldigung oder Beschönigung jede Ausflucht abgeschnitten ist.
Immerhin glaube ich, daß die Pilgerfahrt nicht nutzlos wäre für einen Schriftgelehrten. Derjenige, welcher daheim in seinem Stübchen sich an einer Beschreibung von Jerusalem schier preßhaft zerarbeitet, indem er staubbedeckte Schriften gleichsam hungerig durchwühlt, und mit mühsam erborgten Stellen das magere Buch kaum genug ausspicken kann, würde doch nicht übel thun, wenn er hinginge, die Brust in Jerusalem zu durchlüften, und das Auge auf der Wache Zions im Buche der Natur zu erfrischen.
Ich glaube nicht, daß die Pilgerfahrt nutzlos wäre für den Bibelfreund. Sogar der beßte denkgläubige Christ kann die Bibel, zum wenigsten ihren Einschlag örtlicher Beziehungen, weder mit der Klarheit und Lebendigkeit der Vorstellungen, noch mit der Fülle und Tiefe der Gefühle erfassen, wie der Pilgrim, welchem insbesondere das Lesen der Urkunden einen Vollgenuß verheißen muß. Die unübertreffliche Schilderung, wie jener fromme und treue Knecht zu Rebekka kam, wie die holdselige Jungfrau, mit ihrem Wassergefäße auf den Schultern, heranschreitet, wie sie dem Ankömmlinge einen Trunk Wassers anbietet, wie sie für seine Kameele aus dem Brunnen schöpft u. dgl. —, solche Züge mögen Jedermann anmuthen; allein sie erregen wohl einen ganz eigenthümlichen Eindruck im schauenden Pilger, welcher in der seelenvollen Schilderung die heutigen Sitten des Morgenländers als eine Verjüngung der alten bewundert.
Auch glaube ich nicht, daß die Pilgerfahrt nutzlos wäre für manche Mühselige und Beladene, Leichtsinnige und Welttrunkene. In Gaza weht gesunde, eine milde, die herrlichste Luft. Dort und in Jaffa fühlte ich mich, so zu sagen, noch einmal so leicht auf der Brust. Beide Städte befällt die Lungenschwindsucht als eine große Seltenheit. Man darf ebenfalls von der Seereise Heil erwarten, bei gehöriger Behutsamkeit, z. B. vor dem Zuge des Windes. Nach der Rückkehr ins Vaterland stand meine Gesundheit auf besserem Fuße, als vor dem Anbeginne der Reise. Beleuchten wir jetzt die andere Seite. Unsere gnädigen Frauen und Fräulein, so wie ihre ergebenen Herren und Jünkerlein unternehmen im Laufe der günstigeren Jahreszeit glänzende Badereisen zu Wiederherstellung der Gesundheit, viele aber aus Lust zu einem üppigeren Leben, zu Liebe und Spiel, zu Tafel und Tanz, und mehrere von den üppig lebenden, liebenden und spielenden, tafel- und tanzfreudigen Kurgästen wallfahrten vielleicht später reumüthig und bußfertig nach einem winzigen Gnadenorte; nur wollen sie diesen Glanz ihres Ueberflusses an irdischen Gütern und diesen Schatten ihrer Hoffnung auf himmlische Schätze nicht nach ihrem Gnadenorte aller Gnadenorte, nach Golgatha, tragen. Sei es, daß die gewöhnlichen Wallfahrten des Abendländers, selbst im Schoße der Kirche, die sie anordnet, einen übeln Klang haben, es will die Pilgerreise in ein so entferntes Land, wie diejenige nach Jerusalem, wenigstens zum Theile von einem ganz andern Standpunkte aus beurtheilt werden. Große Luftveränderungen sind ein kräftiger Balsam für verzärtelte oder siechende Geschlechter; große Wanderungen sind ein starker Hebel der Kultur und Zivilisazion.