Reseden gab es noch auf den Gräbern und die nachzüglerischen Rosen des Kirchhofs. Über die Schutzmauer aus Feldgestein hob sich nur ein untersetzter Nußbaum mit seinen glatten blankflimmernden Blättern.

Einmal, wie Esther durch das Kirchhofspförtchen trat, fand sie Arne unter dem Nußbaum. Er sah verlegen aus und war bemüht, das Zusammentreffen als ein zufälliges hinzustellen, denn sie waren sich in einem stillen Übereinkommen seit jenem Morgen ausgewichen.

Esther ging auf seine Bemühungen ein. Es war etwas Hilfloses über ihm, das sie rührte. Sie setzte sich sogar neben ihm an die kleine Hügelböschung unter der Steinmauer und redete ein paar Gleichgültigkeiten, ihn dabei ernst und freundlich ansehend.

Er schien ihr ein wenig verändert in dieser letzten Zeit, wenigstens war seine Kleidung nicht mehr so dandy like, und auch der sonst so wohlfrisierte Scheitel war in wirren Knabenlocken verloren gegangen. Eine leichte Unrast lag in seinen Bewegungen.

Plötzlich begann er ganz unvermittelt und vor unterdrückter Bewegung fast automatenhaft redend: »Wir sprachen neulich einmal über die Möglichkeit eines immateriellen Fortbestehens, Fräulein Esther.

Wissen Sie noch, ich leugnete das Jenseits und die Seele? – Ich habe Unrecht gehabt. Ich weiß jetzt, daß ich Unrecht hatte.

Es giebt eine Seele, und es giebt einen Himmel, in dem uns wird, was wir auf Erden entbehrt haben. Das läßt sich nicht mit Sätzen der Wissenschaft beweisen – das muß man gefühlt haben.

Man muß nur einen Menschen über alles lieb haben, dann will man auch mit ihm die Ewigkeit. Dann will man nichts von der ewigen Seligkeit, als diesen einen Menschen – dann glaubt man an das Jenseits und die ewige Vereinigung der Seelen – trotz aller Erkenntnisse der Wissenschaft.«

Er schwieg und sah sie erwartungsvoll an. Doch als sie nichts sagte, nur den Kopf tiefer senkte, fragte er wie mit zugeschnürter Stimme: »Fräulein Esther, wollten Sie keinen Himmel?«

Sie sah ihn nicht an, antwortete nur still vor sich hin: »Menschen wie ich bin, wollen keinen Himmel. Es ist ihnen kein Verzichten auf Erkenntnis – es giebt ja zu viele unerklärliche Dinge, an die sie glauben, als daß nicht auch der Traum von einem Jenseits zur Wirklichkeit werden könnte. – Wir wollen nur keinen Himmel, weil wir dort drüben nicht zu leben verstünden. Denn wir sind nicht zur Freude geschaffen – wir würden den Kampf entbehren – und den Schmerz – und die Einsamkeit. Denn das alles haben wir lieben gelernt, als uns die Erde nichts anderes zu bieten hatte.