Sie glaubte, daß er nun nicht weiter reden würde, aber er fing nach einem gewaltigen Besinnen wieder an, und es war, als müßte er erst die Worte aus schlafender Versunkenheit wecken.

Und dann kam eine Geschichte von Arbeit und Entbehren. Absichtslos erzählt, ohne zu verdecken oder zu übertreiben – von der einfältigen Wahrhaftigkeit eines Menschen, der noch vor keinem Spiegel in müßige Selbstbeschau versunken gewesen, und der in natürlicher Vornehmheit nichts zu verheimlichen oder zu verschönen an sich weiß.

Und in diese Geschichte der Arbeit und des Enbehrens trat eine Frau. Sie ging einfach und klar hindurch – und doch wie etwas Ungeahntes und Überirdisches. – Sie erschien ihm so fein, daß er sie nicht anzurühren wagte mit seinen rauhen Arbeitshänden. Aber sie neigte sich ihm. Doch immer wenn er fort von ihr war, konnte er es noch nicht glauben, daß sie ihm gehörte – wirklich ihm! Und er dachte die ganze Zeit, während er arbeitete, an sie, und daß er sich eilen wollte, wieder zu ihr zu kommen. Und auf seinem Heimweg sah er sie dann, wie sie ihm entgegenkam. Sie ging ihm entgegen mit dem sorgenvollen Blick, der ihr eigen war. Und sein Glück war es dann, zu erwarten, daß sie ihn erkannte: dann sah er, wie sich ihre Züge zur Freude veränderten. Ja, diese Wandlung immer wieder zu sehen, war das köstliche Glück seiner Tage. – Er erzählte und kam immer wieder darauf zurück, und dann lächelte er – und schwieg einen Augenblick – und erinnerte sich.

Esther ging neben ihm und nahm sein Vertrauen wie ein Heiligtum entgegen, denn sie verstand wohl seinen Wert.

Und wie er zu Ende war, da wußte sie nichts zu sagen, blieb an einem Berberitzenstrauch stehen und brach sich Zweige voll der roten Beeren.

Und er griff auch in die Dornen und half ihr. Aber seine Hand zitterte, so daß ihn die Dornen verletzten. Und er wußte nicht, daß er ihr mit blutenden Händen den kindlichen Schmuck überreichte.

Und sie nahm den Hut herunter und krönte sich mit den Zweigen in einer unbewußt feierlichen Gebärde. Und die roten Beeren hingen in ihrem Haar, wie Blut, das unter einem Dornenkranze niedertropft.


Späte, warme Tage kamen, so daß die langverblühte Heide noch einmal purpurn schillerte vor lauter Sonnenlicht.

Nicht weit von Eriksgaard lag ein kleiner Friedhof. Gräber mit alten, verwitterten Steinen, in die so wunderliche Namen eingeschnitten waren, gab es dort. Esther ging oft allein dorthin und las die Geschichten von »Jung-Svend«, von »Eike« und »Gerdine«. Sie lasen sich einfältig und überzeugend wie alte Märchen. Mit trocknen Wirklichkeitsworten war dort von der Liebe über den Tod und vom Wiedersehen im Jenseits erzählt. Man wußte, weder Jung-Svend, Eike oder Gerdine, noch ihre Nachredner hatten diese Hoffnung auch nur in den Bereich des Geheimnisvollen verlegt – sie war ihnen so selbstverständlich wie das Tagewerk und das Kinderzeugen gewesen.