Sie trug einen weißen Shawl; den schlang sie jetzt in nervöser Hast bald um die Schultern, bald um den Kopf. Das Heliotrop im Fenster roch stark zu ihnen herauf. Dicht vor ihr war das helle, nun durch den Zorn ein wenig ins Antike veredelte Gesicht Arnes.
Fortwährend wurde sie von dem Gedanken gepeinigt, er werde nun gleich in Worte des Vorwurfs ausbrechen – sein Schweigen begann sie schon zu quälen – aber trotzdem zwang diese Erregtheit sie, immer weiter zu lächeln.
Sie zog den Shawl wieder über die Augen, so daß nur noch ihr lachender Mund im Mondlicht stand. Und da – fühlte sie plötzlich seine schweren und heißen Lippen auf ihrem Mund – fühlte sie ganz unerwartet und wie eine unerhörte Beleidigung seinen Kuß. Und er ließ sie nicht los, preßte seine Zähne nur fester gegen ihre Lippen, so daß sie aufstöhnte vor Schmerz und Empörung.
Und sie riß sich los und lief in ihr Zimmer. Dort fing sie an sich zu waschen – wusch sich immer wieder den Mund – rieb und wusch, als wäre der Kuß eine äußerliche Verunreinigung gewesen.
Am andern Morgen begegneten sie sich mit einer zornigen Scheu. Esther versuchte anfänglich den Vorgang des letzten Abends zu ignorieren und ging mit ihm, wie sie sonst immer gethan, den alten Weg über die Heide nach dem Walde zu.
Aber sie fanden kein zusammenführendes Wort – gingen nur immer schneller, wie hastend nach einem rätselhaften Ziel.
Da, wo Wald und Heide sich scheiden, ruhten sie nach alter Gewohnheit.
Vielleicht suchte er nach einem versöhnenden Wort – vielleicht sie –
Aber beide vermochten sie das Schweigen nicht mehr zu entwirren, und wie von einem dumpfen Schicksalszwang getrieben warf er sich über sie und drückte ihren Kopf nieder in das Heidekraut und seine Lippen wühlten an ihrem Mund.