Esther nahm den Leuchter mit der dünnen übelriechenden Kerze und beleuchtete ihre Umgebung. Da gab es nur die allernötigsten Gebrauchsgegenstände, denen allen es wie ein Ausdruck schamhaftester Dürftigkeit anhing. Und jedes Ding schien sich zu bemühen, etwas anderes zu imitieren. Sogar das Bett hatte die Aufgabe, tagsüber ein Sofa darzustellen, und der Waschtisch war unter dem Äußern einer Komode verborgen. Als der Koffer untergebracht war, konnte man sich nur noch in einer kleinen Schlangenlinie durch das Zimmer winden. Esther lehnte sich unwillkürlich weit zum Fenster hinaus – dort sah man in den Hof hinab, wie in einen spärlich beleuchteten Schacht. Dann führte sie das Licht an den Wänden entlang – die Tapete trug ein Muster von lauter Lilien.

Eine stumpfe Trostlosigkeit überkam Esther in diesem imitierten Liliengarten.


»Nancy! Nancy!«

Esther erwachte. Wer rief denn da? Und wo war sie?

Weshalb verflog doch so schnell der Traum von einem Frühlingsgarten und dem weißen Haus im Mondlicht? – Sie wollte so gern weiterschlafen. Sie fürchtete das Erwachen. –

»Nancy! Nancy! Schläfst du noch?«

Das war wieder diese rauhe Stimme, und nun folgte ein endloser Hustenanfall.

Esther sah sich um. Das war ja das Lilienzimmer. Diese kahlen und dürftigen Gegenstände, die aussahen, als seien unzählige verschwiegene Sorgen in sie gebettet, schienen ein kraftloses Grauen auszuströmen.

Nancy mußte inzwischen geantwortet haben, denn die gequälte Stimme des Zimmernachbars begann von neuem: »Hast du gut geschlafen, Nancy? Wie fühlst du dich heute?«