Und wieder nach einer Weile, während der Esther aufzustehen begann: »Mußt du nicht über die Hofjagd referieren? Wir könnten zusammen einen Wagen nehmen, wie?« – Hier eine Pause für Nancys Antwort – Und wieder: »Nancy! Nancy! Mir fällt etwas Köstliches ein! Paß auf: Ein Wagen kostet 10 Mark – zu zahlen von meiner löblichen Redaktion! Ein Wagen für dich zu 10 Mark – haben deine Braven zu blechen. Daß wir uns zusammenthun, geht niemanden was an. – Bin ich nicht ein Rechengenie?! Hahaha!!«
Und wieder ein gräulicher Hustenanfall.
Esther machte ihre Anwesenheit bemerkbar und die nachbarlichen Stimmen verhandelten gedämpfter.
»Wer wohnt da nebenan?« fragte Esther das Mädchen, das Feuer machte. Es baute mit virtuoser Vorsicht ein paar Holzspähne aneinander und deckte das spärliche Flämmchen mit den drei für »eine Heizung« abgezählten Preßkohlen.
Ida warf über die Schulter einen verächtlichen Blick auf das Nachbarzimmer. »Ach, das ist man bloß Redakteur Engel,« sagte sie im Ton würdevollster Herablassung.
»Ist der Herr sehr leidend?«
»Ja – er hat es auf der Brust. Seine Verlobte, das Fräulein Maceday auch. Schon den ganzen Winter. Und wie sie zu uns gekommen sind, sahen sie auch halbverhungert aus. Das Fräulein wohnt ja doch neben ihm, und sie pflegen sich immer nur einer den andern.«
»Aber das ist ja schrecklich,« sagte Esther in bedauerndem Entsetzen unwillkürlich vor sich hin.
Das Mädchen mißverstand die Worte. Es wurde plötzlich vertraulich und gesprächig. »Ja, nicht wahr, Fräulein? Uns ist das auch recht peinlich. Verlobt sind sie und wohnen Thür an Thür! – Und dann wollen sie sich immer noch das Essen allein besorgen! Sie können es gar nicht billig genug kriegen. Und was für Sachen sie dann kochen! Ach Gotte doch! puh!«
Ein unbestimmter Ekel – vor diesem Geschwätz – vor ihrer ganzen Umgebung – vor der Lage, in der sie sich befand, erfüllte Esther. Sie verließ die Stube und ging nach dem Eßzimmer, um zu frühstücken. Auf dem Gang begegnete ihr eine kleine abgehärmte Person mit den glühroten Backenknochen der Schwindsucht. Sie sah auf Esther mit glänzenden, argwöhnischen Augen.