Und Esther hätte ihr etwas Gutes sagen mögen – irgend eine kleine, gleichgültige Freundlichkeit erweisen. Sie grüßte höflich. Die andere dankte kurz, abweisend, höhnisch.

Esther fiel eine kleine Begebenheit aus ihrer Kindheit ein: Wenn sie zur Schule ging, kam sie immer an einem vergitterten Hof vorüber, an dessen Thür ein mageres, jämmerliches Hündchen stand und giftig auf die Vorübergehenden bellte. Dann warfen die Jungen mit Steinen nach ihm, reizten und höhnten es; das nahm es aber nur wie die gebührende Antwort auf sein Gebell entgegen. Das Tier that Esther so leid. Sie versuchte es einmal, sich ihm freundlich zu nähern, es zu streicheln. Da geriet es aber ganz außer sich vor Wut. Und jedesmal, wenn Esther wieder vorüberging, wußte es sich in seinem Zorn gar nicht mehr zu lassen. Es hatte die Freundlichkeit augenscheinlich als unvergeßliche Beleidigung empfunden. –

»So 'ne einjebildte Jöhre!« hörte Esther das Fräulein Nancy noch in der Stube des Verlobten in accentuiertem Berliner Jargon ausrufen. – – – –

Das war der Beginn der freiwillig angetretenen Epoche der Arbeit und Entbehrung.

Später gab es Stunden, in denen Esther sich fragte, warum sie nicht einmal den Versuch gemacht hatte, diese besonders antipathische Umgebung mit einer andern zu vertauschen. Und sie kam auf die wunderliche Erklärung, daß die Macht des Ekels sie fesselte.

Ja, wir haben diese seltsam kraftlosen Zeiten, in denen wir wie gelähmt vom Abscheu und unfähig zur Gegenwehr, auf eine krankhafte Weise angezogen auf das starren müssen, was unsern Ekel erregt.

Wir sind unfähig, uns durch einen Entschluß loszureißen, ja irgend einen Entschluß zu fassen vermögen wir nicht einmal. Nur noch ein alter Wille leiert sich mechanisch in stumpfen Handlungen ab. Wie im Traum gehen wir da – und das kraftlose Entsetzen des Traumes bedrückt uns, während wir ganz im geheimen eine andere Wirklichkeit wie die Ahnung des Erwachens in uns tragen. Und so versäumen wir die Empörung gegen das Traumschicksal.

X

Arbeit – Arbeit –

Trübe, matte Tage schleppen sich in sinnloser Gleichförmigkeit vorüber. Es ist wie das Abschnurren eines aufgezogenen Rades.