Tüchtige Fußwanderer, die das Hohe Venn kennen lernen wollen, mögen, wenn sie von Norden (Aachen) kommen, von Eupen nach Malmedy zu Fuß gehen. Man folgt dem Hillbach hinauf bis zur Baraque St. Michel (auf belgischem Gebiete) über den Gipfel des Bodranche, den höchsten Punkt des Gebirges (694 Meter über dem Meere), das sehr eigenartige Schönheiten aufweist. Beide Berge sind mit Aussichtstürmen versehen und werden in der schönen Jahreszeit häufig besucht. Zu den Füßen rund um den Turm herum breitet sich eine weite, nur mit Haidekraut bewachsene Hochebene aus. Hie und da gewahrt das Auge einen Wachholderstrauch, einen verkrüppelten Baum oder eine durch Nebel und Frost im Wachstum verkommene Waldanlage. Auch Tiere stören diese Einsamkeit nicht. In der ungünstigen Jahreszeit trifft man nur selten einen Wanderer auf diesen unwirtlichen Höhen. Von dort folgt man der Straße durch Xhoffraix und Bévercé nach Malmedy. Es sind zwar nur meistens einförmige Landschaftsbilder, die man auf dem Hohen Venn sieht, aber die mit Haide bedeckten langgestreckten Höhenzüge entbehren in der schönen Jahreszeit doch nicht eines anziehenden Reizes. Bei der Höhe von Bodranche erhebt sich eine Kapelle, die ein Menschenfreund 1827 errichten ließ mit der Anordnung, daß Abends eine Glocke geläutet würde, damit die einsamen Wanderer vor dem Verirren bewahrt blieben. Solche Glockenhäuschen sollen schon vor Jahrhunderten in dem Hohen Venn bestanden haben, das damals viel unwirtlicher war, als heutzutage. Das erwähnte Schutzhaus war vor einem halben Jahrhundert noch gleichsam das St. Bernhard-Hospiz dieser Einöden. Damals, als die heutige Staatsstraße noch nicht bestand, wurde bei abendlichen Nebeln und Schneewehen auch ein Laternenlicht an dem Kapellenturm ausgesteckt. Die vielen alten Kreuze am Wege oder seitwärts erinnern an die Gefahren, denen der bei Nachtzeit verirrte Wanderer oft genug unterlag, wenn er, die trügerische Schneedecke betretend, in einen der tiefen Wassertümpel geriet. In jener Gegend ist der Baumwuchs zurückgetreten, um der niedrigen, gleichwohl interessanten Torfflora Platz zu machen.

Wenigstens dem Namen nach erinnert Montjoie noch an die wallonische Gegend. Es ist eine an der Roer (Rur), einem Nebenflüßchen der Maas, reizend gelegene Kreisstadt (2000 Einwohner), deren Textilindustrie sich wieder aufzuschwingen beginnt.[20] Die Entstehung des Namens Montjoie scheint noch nicht endgiltig aufgeklärt zu sein[21]; jedenfalls haben manche Geographen sich durch diese Form verleiten lassen, die Gegend von Montjoie dem wallonischen Gebiete zuzurechnen. Stadt und Umgegend sind aber deutsch. In der niederfränkischen Volksmundart lautet der Name Monschau und die Bewohner heißen Monschäuer.

Vor einigen Jahren ging in den französischen und belgischen Zeitungen viel die Rede von dem „großen Lager von Malmedy“, das absichtlich dicht an der Grenze errichtet werde. Es stellte sich aber bald heraus, daß lediglich ein großer Truppenübungsplatz bei Elsenborn im Kreise Malmedy hergestellt wurde und daß der Platz deshalb gewählt war, weil dort das Land verhältnismäßig billig ist, während es in fruchtbareren Gegenden aus finanziellen Gründen nicht möglich wäre, einen etwa 5 Kilometer langen Schießplatz anzulegen. Die Errichtung dieses Lagers war natürlich Wasser auf die Mühle derjenigen, welche behaupten, bei einem nächsten deutsch-französischen Kriege würden deutsche Heere durch Belgien nach Frankreich dringen. Auffällig ist es übrigens, daß man in Malmedy selbst meistens gar kein Militär sieht, während man im Reichslande in jedem kleinen Neste eine Garnison antrifft.

Der Truppenübungsplatz befindet sich bei dem etwa in der Mitte zwischen Montjoie und Malmedy gelegenen Dörfchen Elsenborn. Er liegt also nahe an der belgischen, luxemburgischen und auch der französischen Grenze. Dieser letztere Umstand ist es, der bei einem Teile der Franzosen die Besorgnis wachzurufen scheint, dies Lager könnte zu einem künftigen Offensivstoße gegen Frankreich bestimmt sein. Der Übungsplatz Elsenborn ist aber nicht mehr offensiver Art gegen Frankreich oder Belgien, als die Übungsplätze Senne, Münster oder wie sie weiter heißen. Es ist wohl selbstverständlich, daß die Militärverwaltung solche Plätze, die tausende von Morgen Landes erfordern, nicht in stark bewohnter Gegend anlegt, sondern dort, wo möglichst gar keine Bewohner sich finden und das Terrain möglichst niedrigen Preis hat. Jedes Armeekorps bedarf eines solchen Platzes, und als für das VIII. Armeekorps eine entsprechende Fläche gesucht wurde, bot sich in seinem Bezirke lediglich diese einzige, weil sich nur dort das benötigte ebene Oedland finden ließ. Für die Militärverwaltung wäre es viel bequemer gewesen, wenn sie z. B. zwischen Köln und Düsseldorf den Platz hätte anlegen können, aber dann hätten ganze Ortschaften ausgerottet, blühende Gefilde verödet werden müssen, und abgesehen von einem solchen Vandalismus und der Schädigung des Volkswohlstandes wären die Kosten unerschwinglich gewesen. Lediglich der Notwendigkeit gehorchend, hat man sich zu der Wahl des Terrains bei Elsenborn entschlossen.

Man erblickt dort einige einfache Häuser, Wohnungen für Offiziere und Verwaltungsbeamte, Baracken für die Mannschaften, Stallbaracken für die Pferde, die notdürftigsten Magazinräume, und daneben ein paar Wirtschaften, die nur im Sommer einige Monate flotten Ausschank haben, sonst still und verlassen dastehen, und auf dem Uebungsplatze selbst hier und da Bauten, welche Windmühlen, Denkmäler, Burgen ⁊c. markieren und lediglich dazu dienen, daß die Offiziere und Mannschaften sich bei den Übungen in bezug auf den Platz orientieren können. Von Mai ab bis zum Beginn der Manöver herrscht auf dem Platze regstes Leben, ein Regiment löst das andere ab, das eine bleibt 14 Tage, das andere vier Wochen, und die Mannschaft freut sich zumeist, wenn die strapaziösen Lagertage, die indessen einer gewissen soldatischen Romantik nicht entbehren, ihr Ende erreicht haben. Zu Beginn des Herbstes hört das Leben im Übungsplatze auf, und wer dann nach Elsenborn kommt, wird gut thun, sich auf dem kalten Hohen Venn recht warme Kleidung mitzubringen und sich auch genügend mit Proviant zu versehen, denn außer vereinzelten Waidmännern, die einem treuherzig einen Schluck Jägerkorn anbieten, wird man kaum Jemand zu sehen bekommen. Das ist die Wahrheit über das „Lager von Malmedy“.

In der Nähe des Dorfes Sourbrodt (nicht weit von dem Truppenübungsplatz Elsenborn) wurden 1889 Arbeiterbaracken und Ziegeleien angelegt, um allmählich ein größeres Torfwerk herzustellen und landwirtschaftliche Kultur damit zu verbinden. Gründer dieser Unternehmungen ist der Oberst z. D. v. Giese in Aachen. Die bedeutenden Torflager, die man 1889 angefangen hat auszubeuten, verschaffen der Bevölkerung jener armen Gegend jedenfalls einigen Erwerb. Man sieht dort auch Wiesen und Baumgruppen, aber an Fruchtbäume darf man bei einer Höhe von durchschnittlich 600 Meter nicht denken. Die Preißelbeeren werden aber in großer Menge dort gezogen. Dem Touristen fallen die hohen Buchen-Schutzhecken auf, welche die Wohngebäude an der Schlagwetterseite umzäumen; auch die Bauart der Häuser verrät den echten Gebirgsstil.

Man kann von Malmedy aus noch andere entferntere Ausflüge machen, die jedoch hier nur kurz angedeutet werden sollen. Nach Spa kann man mit der Bahn in 1½ Stunde gelangen. Der von den Kurgästen dieses berühmten Ortes so viel besuchte, von einer lieblichen Landschaft umgebene Wasserfall von Coo, welchen die Amel bildet, ist auf einem ebenso bequemen als schönen Wege in 2½ Stunden zu erreichen. Der Wasserfall wurde von einem der letzten Äbte von Stavelot künstlich angelegt, um das Fischen im Fluß zu erleichtern.[22] Es wurde aber nur ein Teil der Amel abgeleitet, der sich mehr als 20 Meter tief herniederstürzt auf einen Felsen, sodaß der Schaum fast bis zur Brücke spritzt, auf welcher die Touristen sich das Schauspiel ansehen. Der größte Teil der Amel läuft mehr als eine Stunde weit um den Berg herum und vereinigt sich mit dem andern Teile bei dem Dorfe Coo. Man findet dort eine Kapelle, eine Mühle und einige Wirtschaften, die aber trotz ihrer großartigen Aufschriften sehr dürftig sind, sodaß es sich den Touristen empfiehlt, für des Leibes Notdurft zu sorgen, bevor sie dort hingehen.

In Malmedy wünscht man schon seit Langem eine Bahnverbindung mit dem belgischen Grenzstädtchen Stavelot. Die preußische Regierung ist dem Plane gewogen, aber auf belgischer Seite verhielt man sich bisher ablehnend; erst seit Kurzem hat sich die Stimmung geändert, so daß die Aussicht jetzt günstiger ist. Stavelot (deutsch Stablo) liegt auf dem rechten Ufer der Amel an einem Berghang und ist mit Malmedy durch das reizende Warchethal verbunden. Es hat ebenfalls bedeutende Gerbereien. Da nur wenige hervortretendere Bauten aus den letzten Jahrhunderten übrig geblieben sind, merkt man nicht, daß es eine der ältesten europäischen Residenzen ist. Ein Thurmrest und einige alte Schloßtrümmer sind die einzigen Spuren der alten Geschichte dieses Städtchens. Kunstkenner versäumen nicht, sich in der übrigens stillosen Pfarrkirche die aus der alten Abtei stammende Châsse de St. Remacle (Schrein des hl. Remaklus) mit Figuren in getriebener Arbeit zeigen zu lassen. Heinrich Freimuth schreibt u. a. über Stavelot: „Ehrfurcht vor den kleinen Hauptstädtchen, und doppelt Ehrfurcht, wenn sie in Folge eines tragischen Schicksals ihr altes Krönlein verloren haben! Spielten sich in den meisten dieser ehemaligen Residenzchen auch keine größeren politischen Aktionen ab, so suchte sich dafür um so häufiger die Romantik diese wenig bewegten, räumlich oft auf ein Idyll nur zugeschnittenen Städtchen aus, um dort ihre zum Teil originellen und oft eindrucksvollen Bilder zu weben, und selbst das bischen Politik, das dort getrieben wurde, gewinnt unter der phantastischen Laune dieser Romantik zuweilen Interesse und Leben. Es liegt auf dem rechten Ufer der Amblève, nicht gar weit von Malmedy, auf belgischem Gebiet, eine solche kleine Ex-Residenz, ein stets wohl aufgeputztes Städtchen in idyllisch-romantischer Landschaft von saftigstem Grün, die durch Anmut ersetzt, was ihr an Großartigkeit fehlt. Dieses Städtchen, gleichzeitig eine der ältesten europäischen Residenzen, ist das uralte, mit seiner Geschichte bis in die Mitte des 7. Jahrhunderts zurückreichende Stavelot. Niemand würde in diesem vorwiegend modern romantischen Orte, in welchem nur wenige hervortretende Bauten aus den letzten Jahrhunderten übrig geblieben sind, den Schauplatz einer altersgrauen, ebenso romantischen als dramatischen Geschichte vermuten. Ein über die Dächer an der rue du Châtelet hinausragender Turmrest und auf der andern Seite des Flüßchens einige alte Schloßtrümmer sind die einzigen verbliebenen Spuren dieser alten Geschichte. In den weitläufigen, imposanten Abteigebäuden, wo wir einen Reichtum an geschichtlichen Erinnerungen schöpfen, die über den Rahmen einer bloßen Reiseplauderei weit hinausgehen würden, weckt das dort in einem Flügel untergebrachte „Hospiz Ferdinand Nicolai“ das Andenken an ein originelles Menschenkind. Dieser Nicolai, Comthur u. s. w. war ein großer Philantrop, aber auch kein kleiner Narr. Er schenkte nach allen Seiten, sodaß jedes Kind in Belgien seinen Namen kannte. Das Hospiz von Stavelot soll ihm über eine Million Franken gekostet haben. Er sorgte aber auch dafür, daß seine geschätzte Person vermittelst Porträts, Büsten und Statuen bestens bekannt wurde.“ Den Namen des freigebigen Sonderlings führt eine Avenue, durch die man auf die Landstraße nach Malmedy gelangt.

Auf der belgischen Seite, wie auch in dem Kreise Malmedy ist in den letzten Jahren Gold gefunden worden, und einige Zeit war fortwährend in den belgischen, westdeutschen und luxemburgischen Zeitungen die Rede davon, wie wenn dort ein zweites Kalifornien entstände. Das Gold kommt besonders bei der Ortschaft Recht in Ablagerungen von Schutt, bestehend in Quarzgeröllen, Sand und Lehm vor. Das Waschverfahren, das jetzt bereits dort betrieben wird, ist sehr einfach, aber es sind nur einzelne kleine, kaum sichtbare Flitterchen, Blättchen und Körnchen vorhanden; einzelne wenige erreichen die Dicke eines Stecknadelkopfes. Man glaubt, im Altertum habe dort Bergbau stattgefunden, weil man in der Gegend zahlreiche kleine Hügel findet, die die Geologen als „Goldhaufen“ betrachten.[23] Die „Goldminen“ bildeten einige Zeit eine ständige Rubrik in den Malmedyer Zeitungen, aber es ist fraglich, ob die Ausbeutung besonders stark sein wird.

Die Grenze der Wallonie wird im Süden durch den Amelbach gebildet. Ligneuville[24] oder Engelsdorf, das schöne Baumanlagen besitzt, die in der Eifel nicht allzu häufig sind, wird von belgischen, holländischen und englischen Touristen als Sommerfrische benutzt. Von dort führen schöne Wege nach Pont, Malmedy, Stavelot, Vielsalm u. s. w. Letzteres ist ein altes Städtchen, das anmutig auf dem rechten Hochufer der Salm liegt und hübsche Landhäuser und Gärten aufzuweisen hat.