Dr. Quirin Esser, der die Sitten und Gebräuche der Wallonie beschrieben hat,[33] sagt, die Bewohner des Dorfes betrachteten es als eine Pflicht, solche Feuer abzubrennen. Sie seien der Meinung, wenn sie es unterließen, würden sie im Laufe des Jahres von einem Unglücke (Brand, Todesfall in der Familie, Verlust im Viehbestande usw.) heimgesucht werden. Zu dem Feuer werden besonders Wachholdersträuche benutzt, die beim Brennen laut knistern. Die Sträucher werden auf einem Wagen auf die Anhöhe gebracht, während die Kinder im Dorfe Stroh und Reisig zusammenbetteln. All dieses Brennmaterial wird um eine hohe Stange oder eine Strohpuppe (haguette) aufgehäuft und gegen Abend in Brand gesteckt, während die Bewohner des Dorfes sich ringsum versammeln. Unter Schreien und Jauchzen sieht man dem Feuer zu, während die Jungen und Mädchen um die Feuerstätte tanzen. Stehen an dem Abend viele Sterne am Himmel, so glaubt man, es werde ein reiches Erntejahr werden. Manche behaupten auch, der Wind behalte den größten Teil des Jahres über dieselbe Richtung, wie an jenem Abend, während andere behaupten, die Richtung werde eine entgegengesetzte sein.
Der Johannistag wurde früher in Malmedy von den Kindern gefeiert. In einzelnen Familien wurden sie mit Milch und Kuchen bewirtet; sie bekränzten sich mit Blumen und zogen dann, mit einer Harmonika an der Spitze, durch die Straßen der Stadt und tanzten auf den öffentlichen Plätzen.
Zum Schlusse sei noch ein anderer Gebrauch erwähnt, der anderwärts wohl selten vorkommen dürfte. Schon Wibald erklärt in einem seiner Briefe, niemand dürfte sich in einer auswärtigen Familie verheiraten, ohne die Erlaubnis des major (mayeur), des Verwalters und Vorsitzenden des Schöffengerichts. Dieser Gebrauch ist auf dem Lande lange geblieben. Ein junger Mann, der ein Mädchen aus einem anderen Dorfe heiratete, mußte der Jugend seines Heimatdorfes ein „droit de sortie“ bezahlen. In der letzten Zeit des Fürstentums wurde demselben außerdem ein Katzenständchen gebracht. Dieser Gebrauch scheint übrigens in dem Lande ziemlich alt gewesen zu sein, denn es giebt nicht weniger als 15 Verordnungen gegen die charivaris, die bei solchen Anlässen verübten Spektakelscenen.
[29] 13. April 1893.
[30] Haguette war eine Strohpuppe, welche auf dem Marktplatz zu Malmedy am Abend des Aschermittwochs zum Beschluß des Carnevals feierlich und mit großem „Knalleffekt“ verbrannt wurde. Haguette ist auch ein Maskierter oder eine besondere Charaktermaske.
[31] Unterhaltungsblatt des Politischen Tageblatts (Aachen) 1893. Nr. 84.
[32] Das niederdeutsche Schoof oder Schöf bedeutet Strohbund oder Strohwisch. Die Jugend sammelt Stroh für das Feuer.
[33] Mélusine, Revue de mythologie, littérature populaire, traditions et usages. Dirigée par Henri Gaidoz. Paris 1889 Nr. 14, 1890 Nr. 3, 1896 Nr. 4.