„In Malmedy trägt man allem karnevalistischen Mummenschanze große Sympathien entgegen, doch hat der Fasching, wie er in dieser Stadt gefeiert wird, neben vielem Geräuschvollen manches Schöne und Originelle. Der Zug des „trouvl’ai“ (Holzspaten), die sog. „Massitours“, die „Haguette“,[30] die charakteristischen Pierrottänze, das sind Dinge, welche man in einer anderen Stadt nicht zu sehen bekommt. Bei der Maskerade bleibt nichts der Willkür überlassen, Kleidung, Bewegung, Rufe und Gesänge, alles wird durch die herkömmlichen Formen geregelt. Die aus der altitalienischen Komödie herübergenommenen Masken haben sich beim Karneval einer besonderen Beliebtheit zu erfreuen. Zu Fastnacht werden ferner in den Gesellschaftszirkeln häufig Gelegenheitspossen, von Einheimischen in französischer oder wallonischer Sprache verfaßt, aufgeführt.“

In der Nacht vom 1. Mai pflanzen die jungen Leute Bäumchen vor den Häusern ihrer Freundinnen auf, ebenso am Tage der Verlobung. Dabei singen sie dann „lu Nutte du Maie“ (la Nuit de Mai), ein in der Wallonie volkstümliches Lied, sozusagen die Lokalhymne von Malmedy. Sie wurde von einem dortigen Dichter Florent Lebierre verfaßt, dessen Bruder Olivier sie in Musik gesetzt hat.

Jedes Jahr wird der Martinstag mit seinen alten symbolischen Bräuchen gefeiert. Schon einige Zeit vorher gehen die Knaben von Haus zu Haus, um unter Absingung wallonischer Lieder Holz und Stroh zu erbitten. Am Martinsabend wird auf einer Höhe ein großes Feuer angezündet, um welches die Jugend tanzend und springend sich bewegt. Hier gelangt auch das wallonische Volkslied, das ja allmählich durch das deutsche Lied verdrängt wird, zu Ehren. Singend kehrt man in die Stadt zurück, um den an jenem Abend üblichen Reisbrei zu verzehren.

So recht ländlich ist auch ein anderes Vergnügen, „Cusnée“ genannt: man begiebt sich in Gesellschaft aufs Feld, um in einem frei brennenden Feuer Kartoffeln zu braten, die mit Butter bestrichen genossen werden. Häufig wird auch Bier dazu getrunken oder ein Liebeslied gesungen. Oft versteigt man sich auch zu einem ländlichen Tanz, einem „bal champêtre“. Die Bedeutung des Wortes „Cusnée“ oder „Küssnee“ hat sich allmählich erweitert; man bezeichnet darunter auch jede Landpartie, sowie gesellige Zusammenkünfte in der Stadt selbst.

Eine wirkliche Unsitte sind die auf dem Lande vorkommenden „Leichenschmäuse“, Gastereien bei der Totenwache, gegen welche die Behörden und die Presse schon oft geeifert haben, ohne sie jedoch verdrängen zu können.

Herr Gymnasiallehrer Zander aus Aachen, der mehrere Jahre in Malmedy thätig war, beschreibt in einer Plauderei[31] einige andere interessante Gebräuche. Ich gebe den mir vom Verfasser freundlichst zur Verfügung gestellten Artikel, der auch eine Beschreibung der „Cusnée“ enthält, hier vollständig wieder:

„Der Herbst ist die schönste Zeit für die Volksspiele im Freien. Wenn man jetzt des Sonntags auf den Bergen herumklettert, sieht man überall auf den Dörfern und Weilern der Wallonie die Landleute und auch manche Stadtbewohner damit beschäftigt, Kegel zu spielen oder Schinken zu werfen. Die Kegelbahn ist viel kürzer als in der Stadt, und die Kugeln sind, wie auch in Süddeutschland vielfach, mit Löchern versehen. In manchen Orten soll der Einsatz recht hoch sein. Das Schinkenwerfen ist nur ein Spiel für kräftige Leute. Zwei hölzerne Balken, 1½ Meter hoch, sind in den Erdboden hineingetrieben und bilden, durch einen Balken von 3 Meter Breite miteinander verbunden, ein Gerüst. An dem wagerechten Balken befinden sich mehrere Nägel, und an diesen werden zu Beginn jedes Spiels hölzerne Schinken mit Kordeln befestigt. Die Spieler stellen sich in einiger Entfernung von diesem Gerüst auf und werfen in einer durch das Loos bestimmten Reihenfolge danach mit schweren eisernen Stäben. Es handelt sich darum, den wagerechten Balken so zu treffen, daß die Kordel, womit ein Schinken befestigt ist, zerreißt. Wem dies gelingt, der erhält den Schinken oder was man sonst verabredet hat. Es kann dabei vorkommen, daß mehrere Schinken zusammen herabfallen. Sicherlich gewinnt nicht immer der Stärkste, sondern wer am geschicktesten den Balken zu treffen weiß, auch werden wohl, wie bei jedem Spiel, Kniffe dabei sein, und wie beim Vogelschießen ist es auch Glückssache. Eine interessante Abart des Schinkenwerfens ist das Hammelwerfen. Allsonntäglich kann man jetzt in unsern Wochenblättern lesen: „Aujourd’hui, dimanche, on jettera un mouton. Qui l’abat, l’a. N. N.“ (Heute, Sonntag, wird man einen Hammel werfen. Wer ihn herunterschlägt, hat ihn). So lautet die Anzeige eines Gastwirtes, der Gäste dadurch heranzuziehen hofft, daß er ihnen das Vergnügen des Hammelwerfens bietet. Nachmittags gegen 5 Uhr, nachdem man oft schon mehrere Stunden auf demselben Platze dem Schinkenwerfen obgelegen hat, wird der Hammel vorgeführt. Das Tier ist natürlich selten von erster Güte und hat nicht viel Geld gekostet. Es beginnt die Diskussion um die Höhe des Einsatzes. Dabei geht alles in der anständigsten Weise zu; denn der Wallone geht nicht leicht zu Streitigkeiten und Schlägereien über. Aber es wird mit unglaublicher Beredtsamkeit und Lebhaftigkeit gefeilscht, unter vielem Lachen und auf die Tische schlagen. Endlich ist man einig. Das Tier wird geschlachtet und mit einem Hinterbeine an einem senkrecht in die Erde getriebenen Pfahl, 2 Meter über dem Erdboden, festgenagelt, der nach hinten von mindestens zwei schrägen Holzbalken gestützt wird. Die Sehnen der Hammelbeine sind bekanntlich sehr stark, und das Bein ist noch mit einer Kordel an dem Nagel befestigt. Nun wird gerade so wie beim Schinkenwerfen nach dem Pfahl gezielt, und jeder sucht den hintern Teil des Hammels zu treffen. Hierbei benutzt man jedoch nicht die Eisenstäbe, sondern gerade so große hölzerne Balken. Die Reihenfolge der Spieler wird auch hier durch das Loos bestimmt. Der Hammel muß so herunterfallen, daß ein Stück des Hinterbeins an dem Nagel bleibt. Es würde hier nicht gelten, wenn etwa die Kordel entzwei ginge. Das Spiel dauert oft zwei Stunden. Endlich gelingt es einem, das Bein zu zerbrechen, und der Hammel gleitet auf die Erde. Der Sieger wird mit lautem Jubel begrüßt und zieht, mit seinem Hammel beladen, zur Wirtschaft. Dort muß sich der Hammelkönig revanchieren, und seinen Kameraden Tournées (Runden) werfen. Am Abend bringt er stolz seine Beute heim, aber sein Geldbeutel ist leer. Auch der Hammel macht nicht immer viel Freude, denn gerade die besten Stücke sind durch das Werfen oft ungenießbar gemacht.

„Ein anderes eigenartiges Volksvergnügen, das man nur hier sehen kann, sind die Cusnées. Sobald die Kartoffeln anfangen zu reifen, also von Mitte August ab, werden diese Festlichkeiten abgehalten. Familien, Gesellschaften, junge Leute versammeln sich, um zu schmausen, und die Kartoffeln, wie sie aus der Erde herauskommen, in Asche gebraten, zu verzehren. Nach der Etymologie des Volkes kommt das Wort von cuit und né, d. h. wie sie geboren werden, werden sie gekocht. In Stavelot heißt das Wort wirklich: Cuitnée. Es heißt aber einfach: Das Kochen, Braten, und ist abzuleiten von cuhner = cuisiner, faire la cuisine. Eine rechte Cusnée muß im Freien stattfinden. Da zündet man ein großes Feuer von trockenen Reisern an, und hierauf legt man glühende Kohlen. Auf diesen werden die Kartoffeln in gewaschenem, aber ungeschältem Zustande gebacken, indem man über dieser Schicht ein zweites Feuer anzündet. In weniger als einer Viertelstunde sind sie genießbar. Sie sind von einer gerösteten Kruste umgeben, und ihr Geschmack würde sogar dem wählerischsten Gourmand Ausrufe des Entzückens entlocken. Man bricht sie (schneiden mit dem Messer würde ihnen ein gut Teil ihres Wertes nehmen) und versieht sie tüchtig mit Pfeffer, Salz und Butter. Da sie nicht gerade leicht verdaulich sind, trinkt man Schnaps dazu. Wer seinen Magen daran gewöhnt hat, kann bis zwanzig Stück essen. Der Schmaus wird durch Singen und Tanzen gewürzt. Wenn die Witterung kalt wird, werden die Cusnées in verschlossenen Räumen abgehalten. Die Kartoffeln sind dann im Backofen auf Asche gebacken. Besonders schön sind die von den hiesigen Gesangvereinen veranstalteten Cusnées. Man hat dabei das seltene Vergnügen, dieselben Leute fortwährend in drei Sprachen — wallonisch, französisch und deutsch — sprechen und singen zu hören, und das letztere nicht in dem tötlich langweiligen Unisono des deutschen Kneipengesangs, sondern von geschulten Sängern, die schon bei manchem Wettsingen preisgekrönt worden sind.“

„Die Sitte des Hammelwerfens wird wohl in alte Zeiten zurückreichen. Man darf wohl annehmen, daß früher der Hammel lebendig aufgehängt wurde, und daß rohere Zeiten und Menschen sich an dem Blöken des gequälten Tieres erfreuten. Vielleicht hat die Sitte einen mythologischen Hintergrund, der ja beim Kegelspiel längst nachgewiesen ist. Die Kartoffelmahle können aber nicht älter sein als die Kartoffel; ältere Leute müßten über die Einführung dieser Freudenfeste Bescheid wissen. Sie legen Zeugnis ab von dem Jubel, mit dem die Kartoffel in den ärmeren Gegenden begrüßt wurde.“

Das „Burgbrennen“, d. h. Abbrennen eines Feuers auf einer Anhöhe am ersten Fastensonntag, ist im Kreise Malmedy, wie überhaupt in der Eifel und den Ardennen üblich. Der Ursprung dieser Feuer geht in das heidnisch-germanische Altertum zurück, denn am Burg- oder Schoofsonntag[32] (französisch dimanche des brandons und dimanche des bures) wird, wie Simrock im Schlußwort zu den Sitten und Sagen des Eifler Volkes von Schmitz (Bd. II, S. 148) ausführt, der Winter in Gestalt einer alten Frau oder Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Am Burgsonntag pflegt man in der Eifel Buchweizenpfannkuchen („Pankech“) und Haferwaffeln zu essen. Auch in der Stadt Malmedy, wo man das Burgbrennen jetzt nicht mehr kennt, werden am ersten Fastensonntage Waffeln gebacken.