Wir finden hier dieselbe Erscheinung wie in anderen Gegenden, wo eine nationale Veränderung vor sich geht. Die Geistlichkeit läßt sich, soweit ich in Erfahrung gebracht habe, keineswegs durch deutschfeindliche Gesinnung leiten; sie sucht sich nur den Pfarrkindern verständlich zu machen, mag dies in deutscher oder französischer Sprache sein.
Ein aufmerksamer Beobachter wird zugeben müssen, daß bei der niederen Bevölkerung das Französische sichtlich abgenommen hat. Das Wallonische bleibt aber natürlich bestehen.
[25] Vgl. Grandgagnage-Scheler, Dictionnaire étymologique, und W. Altenburgs Abhandlung über Lautgeschichtliches.
[26] Es geht den Bewohnern von Malmedy in der Hinsicht noch schlimmer, als denjenigen des französischen Sprachgebiets im Reichslande: die Sprache bleibt zwar französisch, aber sie verarmt und verkümmert. Man ist gezwungen, viel aus dem Deutschen zu übersetzen, und für manche Bezeichnungen muß man erst französische Ausdrücke suchen. Diese sind dann meistens für Franzosen unverständlich. So würde es keinem Franzosen einfallen, hinter der „Régence“ die Regierung in Aachen zu suchen. Landrat, Amtsgericht u. s. w. werden überhaupt nicht übersetzt, obschon man schon einigermaßen entsprechende Ausdrücke dafür finden könnte.
[27] Ein Malmedyer, der Lehrer des Französischen am Gymnasium in Mülhausen i. E. wurde, hat eine Sammlung französischer Gedichte veröffentlicht: Poésies lyriques par Joseph Lebiere. Malmédy, F. J. Lemoine. 1882. Eine neue Auflage erschien unter dem Titel: Poésies, par Joseph Lebierre. Nouvelle édition. Strasbourg, Imprimerie alsacienne, ancᵗ. G. Fischbach. 1896. Diese Sammlung ist in französischen Zeitungen sehr beifällig besprochen worden. Sein Bruder Florent Lebierre hat einige wallonische Lokalgedichte geschrieben.
[28] Der Kreisschulinspektor Dr. Esser in Malmedy hat sich besondere Verdienste um den Volksschulunterricht erworben. Die in den Schulen der preußischen Wallonie befolgte Methode wird sogar von dem Franzosen Henri Gaidoz sehr gelobt. Näheres findet man in der Einleitung zu: „100 deutsche Anschauungs- und Sprachübungen für die Unterstufe der preußischen Volksschule mit Kindern nichtdeutscher Nationalität.“ Dortmund, Crüwell 1879.
VII.
Die Sitten und Gebräuche.
Die Einwohner halten nicht bloß an ihrer Sprache, sondern auch an ihren Sitten und Gebräuchen beharrlich fest. Man findet dort auch einige hübsche Sagen, besonders von Zwergen, die im Wallonischen Sottais (von sous terre) genannt werden, weil sie sich meistens unter der Erde aufhielten, oder Nuttons (von nuit), weil sie nur während der Nacht zum Vorschein kamen. Die bemerkenswertesten dieser Sagen findet man in der Zeitschrift „Wallonia“[29] erzählt. Es würde mich zu weit führen, wenn ich hier darauf eingehen wollte.
Die preußischen Wallonen lieben wie ihre belgischen Stammesgenossen die Feste. Fastnacht wird mit vielem Lärm gefeiert, und die „Semaine“ verfehlt nicht, eine Beschreibung von zwei Folioseiten zu bringen. Allerdings ist die Polizei ziemlich strenge, denn die Polizeistunde ist für die drei Fastnachtstage „ausnahmsweise“ auf 1 Uhr Nachts festgesetzt. Früher scheint es etwas ungezwungener hergegangen zu sein, denn jetzt wird noch jedes Jahr daran erinnert, daß die unter der Bezeichnung „Egyptiennes“ bekannten Masken verboten sind. Hermann Rehm sagt: