So schwer dürfte das Wallonische wohl doch nicht zu erlernen sein, aber wenn es auch für einen Philologen interessant sein mag, so dürfte kaum jemand es aus litterarischem Interesse lernen wollen. Es zählt zu den nordfranzösischen Patois und entstand im 5. und 6. Jahrhundert. Die mittelalterlichen Schriftsteller nannten das Wallonische (abgeleitet von wael, gallus, gaulois) romana lingua (la langue romance oder le gaulois). Das älteste bekannte Schriftstück in wallonischer Sprache ist aus dem Jahre 1450. Der Bischof Notker von Lüttich dürfte wohl einer der Ersten gewesen sein, der neben der deutschen auch die wallonische und französische Sprache redete. Das Wallonische überhaupt ist mit den nordfranzösischen Dialekten verwandt. Es zerfällt hier wie in den belgischen Ardennen in mannichfache, mehr oder weniger abweichende Untermundarten. Die sehr urwüchsigen ältesten wallonischen Sprachdenkmäler enthalten noch einen Rest von dunkeln, anderweit unbekannten Ausdrücken, wie auch das Neuwallonische noch manches Altertümliche in der Flexion u. s. w. aufweist.[25] Die Malmedyer Mundart insbesondere bearbeitete der bereits erwähnte Rechtsgelehrte Villers in seinem „Dictionnaire wallon“, von dem bis jetzt jedoch nur Auszüge veröffentlicht sind.

Die Sprache des Volkes ist also das Wallonische. Die Bewohner lernen aber ebenso rasch das Französische, wie z. B. der Holländer das Deutsche. In der wohlhabenderen Gesellschaft wird denn auch noch vielfach französisch gesprochen, wenn auch nicht immer in reiner Form. Die Einheimischen lernen auch deutsch, aber das Französische geben sie deswegen nicht auf.

Auguste Descamps hat in Malmedy einige sonderbare Redensarten der Wallonen aufgezeichnet. Diese nennen z. B. den Schlaftrunk (das letzte Gläschen vor dem Schlafengehen) bonnet de nuit, ein kleines Brötchen pistolet u. s. w. Sie fragen nicht Comment allez-vous, sondern comment va-t-il?

In Malmedy erscheinen zwei Zeitungen ausschließlich in französischer Sprache. Die älteste ist die seit 50 Jahren bestehende Wochenzeitung: „La Semaine. Journal de la Ville et du Cercle de Malmédy“, die von dem Buchhändler H. Scius-Stouse redigirt, gedruckt und verlegt wird. Neben ihr erscheint seit 16 Jahren das „Organe de Malmédy. Feuille d’annonces et revue hebdomadaire du Cercle de Malmédy“, im Verlage von F. J. Lemoine. Es ist nicht immer ein klassisches Französisch, das in diesen Zeitungen geschrieben wird, aber es genügt den Malmedyern zur Verständigung.[26] Die „Semaine“ wurde von dem jetzigen Herausgeber gegründet, der also in diesem Jahre sagen kann, er habe ein halbes Jahrhundert hindurch seine Zeitung allein geleitet. Das Blatt war zur Verteidigung der religiösen und monarchischen Grundsätze in stürmischer Zeit gegründet worden, und es ist seiner Devise „Nous maintiendrons“ treu geblieben. Beide Zeitungen nehmen den größten Teil ihres Stoffes aus französischen und belgischen Blättern, sowie aus der „Gazette de Lorraine“, dem bekannten offiziösen Organ in Metz. Hier und da findet man eine eigene Bemerkung des Redakteurs beigefügt, so unter Frankreich: „Charmante et pudique république!“ Ein besonderes Interesse bieten die lokalgeschichtlichen Artikel der „Semaine“, die von dem Geschichtsforscher Arsène de Noüe herrühren. Die Anzeigen sind teils französisch, teils deutsch. Eine eigenartige Bezeichnung hat man in Malmedy für den Gemeinderat, den man nicht conseil municipal, sondern conseil de ville (wörtliche Übersetzung von Stadtrat) nennt. So wie jetzt die Verhältnisse in Malmedy liegen, wäre es jedenfalls am empfehlenswertesten, eine Zeitung in deutscher und französischer Sprache erscheinen zu lassen, wie es deren noch jetzt im Elsaß giebt. Dadurch würde den Einheimischen Gelegenheit geboten werden, deutsch zu lernen, und es würde überhaupt eine Verständigung in Ortsangelegenheiten zwischen ihnen und den Einheimischen leichter erzielt werden können, als jetzt, wo nur französische Artikel erscheinen. Das amtliche Kreisblatt für Malmedy wird übrigens in St. Vith ausschließlich in deutscher Sprache ausgegeben. Aus der ehemaligen Schwesterstadt kommt „L’Annonce“, ein für Stavelot und Vielsalm bestimmtes Blättchen. Daneben werden noch andere belgische und westdeutsche Zeitungen gehalten.

Litterarisch wird die wallonische Mundart in Malmedy wenig verwertet. Die „Semaine“ bringt jede Woche einen „Armonac do l’Saméne“ und hie und da auch ein Gedicht in derselben. Außerdem giebt sie für die Abonnenten als Prämie jedes Jahr einen Kalender: „Armonac wallon“ mit Gedichten, geschichtlichen Notizen u. s. w. heraus.[27]

Die Vereine in Malmedy scheinen ziemlich rege Beziehungen mit den Wallonen jenseits der Grenze zu unterhalten. Es giebt mehrere Musikvereine: das „Echo de la Warche“ (seit 1846), die „Union Wallonne“ (seit 1847), „La Malmédienne“, „La Fraternité“. Ferner giebt es einen Kriegerverein, der die vaterländischen Festtage feiert, wobei die einheimischen Vereine mitwirken. Es besteht auch eine „Société Littéraire“, eine „Société de Tir“ u. s. w. Schon die französischen Namen deuten an, daß in diesen Vereinen meistens wallonisch oder französisch gesprochen wird.

Die Amtssprache ist jetzt in der preußischen Wallonie durchweg die deutsche. Bis in den siebziger Jahren herrschte allerdings das Französische vor, sowohl in der Gemeindeverwaltung, als auf dem Gerichte und im Progymnasium in Malmedy. In letzterem war sogar ein bekannter französischer Schriftsteller, de Molinari, Mitarbeiter der „Revue des Deux-Mondes“, zwei Jahre Lehrer bei Beginn seiner Laufbahn.

Jetzt gilt das Deutsche überall als Amts- und Lehrsprache, obschon es aus praktischen Zwecken noch oft dem Wallonischen oder Französischen Platz machen muß. In den Gemeinderatssitzungen in Malmedy und den wallonischen Gemeinden werden die zu verhandelnden Gegenstände in deutscher Sprache vorgetragen. Wünscht dann ein Mitglied eine Aufklärung in französischer Sprache, so wird ihm diese erteilt. Besonders unter den älteren Herren giebt es solche, die das Deutsche nicht zur Genüge verstehen und denen amtliche Verfügungen in französischer Sprache erklärt werden müssen. Andere Mitglieder aber sind der deutschen Sprache nicht so mächtig, daß sie ihre Ansichten in ihr gut vortragen könnten, und um dann Mißverständnisse zu vermeiden oder sich nicht lächerlich zu machen — besonders da die Sitzungen öffentlich sind und die Presse gern Kritik übt — sprechen sie wallonisch oder französisch. Alle Protokolle werden aber in deutscher Sprache abgefaßt.

Noch bis in die sechziger Jahre hinein waren die Malmedyer selten, welche einen halbwegs richtigen deutschen Brief schreiben konnten. Jetzt ist das ganz anders. Übrigens hätte eine an sich so wenig deutsche, hart an Belgien grenzende Stadt in bezug auf Schulen mehr Aufmerksamkeit verdient, als sie Malmedy thatsächlich zu teil geworden ist. Sie besitzt erst seit 1869 ein Progymnasium. Angesehene Familien lassen ihre Töchter in belgischen Klosterschulen erziehen.

Der Schulunterricht wird gegenwärtig in deutscher Sprache erteilt, und das trägt neben dem Militärdienst viel zu ihrer Verbreitung bei.[28] Den Volksschullehrern wie auch den Geistlichen erwächst durch die Mehrsprachigkeit des Bezirks eine keineswegs leichte Aufgabe. Die Lehrer und Lehrerinnen sind bis auf zwei oder drei Ausnahmen Altdeutsche, beherrschen aber meistens das Französische bezw. Wallonische. Die sämmtlichen Schulbücher sind deutsch und werden nicht, wie Descamps behauptet, aus Belgien, sondern aus dem Inlande bezogen. Der Religionsunterricht findet an den Schulen in deutscher Sprache statt; nur von den beiden jüngsten Jahrgängen erhalten die wallonischen Kinder den Religionsunterricht in französischer Sprache, während die Kinder deutscher Familien in deutscher Sprache unterrichtet werden. Der teilweise außerhalb der Schulen erteilte Vorbereitungsunterricht zur ersten hl. Kommunion findet ebenfalls in deutscher und in französischer Sprache statt. Diese Einrichtungen sind einfach deshalb getroffen, damit die Kinder auch verstehen, was sie lernen sollen. In den Kirchen in Malmedy wird gewöhnlich jeden Sonntag zweimal deutsch und zwei- bis dreimal französisch gepredigt.