Die vorliegende Schrift soll zum ersten Mal den Versuch machen, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise in Deutschland auf Malmedy, den Hauptort der preußischen Wallonie, zu lenken. Dieser vorgeschobene Posten in des deutschen Reiches Westmark, der einst eine hervorragende Stätte der Kultur war, aber durch die Ungunst der Verhältnisse das Schicksal der vom großen Verkehr abseits liegenden Eifel teilte, verdient wohl, daß seine Geschichte und seine Eigentümlichkeiten bekannt werden. Die Stadt selbst, die in einer an Naturschönheiten reichen Gegend liegt, entwickelt sich jetzt, dank der Thatkraft ihrer Bürger, zu einem Badeort, dessen Mineralquellen denjenigen der unweit an der Grenze gelegenen belgischen Stadt Spa erfolgreiche Konkurrenz machen können.
Durch einen mehrmaligen Aufenthalt in Malmedy habe ich die dortigen Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen gelernt; auch haben Einheimische wie Altdeutsche mir in bereitwilligster Weise Material für dieses Werkchen, von dem voriges Jahr ein Teil in der Unterhaltungsbeilage zur „Täglichen Rundschau“ erschienen ist, zur Verfügung gestellt.
Möge es dieser Schrift gelingen, in Deutschland einiges Interesse für das bis jetzt so wenig beachtete Malmedy und die preußische Wallonie zu wecken!
Essen/Ruhr, Frühjahr 1897.
Der Verfasser.
I.
Einleitung.
Einige Jahre hindurch hatte ich die Verhältnisse in Elsaß-Lothringen studiert und besonders dem Vordringen des Deutschtums in den französischen Sprachgegenden mein Augenmerk zugewandt. Es wurde nun der Wunsch in mir rege, auch eine andere Gegend kennen zu lernen, die, abgesehen von ihrer geringeren Ausdehnung, ähnliche Verhältnisse aufweist, nämlich die preußische Wallonie. Diese Bezeichnung mag manchem Leser wenig oder gar nicht bekannt sein. Thatsächlich ist aber ein bedeutender Teil des Kreises Malmedy wallonisch und die Stadt gleichen Namens ist der Hauptort der sogenannten preußischen Wallonie. Die Bewohner dieser seit 1815 zu Preußen gehörigen Gegend sprechen wallonisch und französisch, ein Teil beherrscht auch das Deutsche. Wenn Malmedy in den Zeitungen nicht oft genannt wird, so ist das sehr begreiflich: deutschfeindliche Umtriebe kommen dort nicht vor, und man hat auch zuviel mit den Polen im Osten und den Dänen im Norden zu thun, als daß man sich mit einer verhältnißmäßig geringen Zahl Wallonen im Westen des preußischen Staates beschäftigen sollte. Dann sind auch im Südwesten des Deutschen Reiches die Elsässer und Lothringer, mit denen sich die öffentliche Meinung noch oft genug zu befassen hat. Aber merkwürdig sind die Verhältnisse doch auch in Malmedy und der Umgegend; die wenigen Notizen, die es mir gelungen war, vor meiner Reise in jene Gegend darüber zu sammeln, gaben mir keinen Aufschluß über die Fragen, die mich besonders interessirten, und so führte ich den längst gefaßten Entschluß aus, an Ort und Stelle mich über die Verhältnisse zu erkundigen.
Von Straßburg fuhr ich nach Luxemburg und von dort brachte ein gemüthlicher Bummelzug mich nach dem nördlichen Theile des Großherzogtums, dem Oesling. Die Gegend ist dort gebirgiger und rauher, als im Gutlande. Die letzte einigermaßen bedeutende Ortschaft auf großherzoglichem Boden ist Ulflingen, von den Luxemburgern Elwen genannt, während die französische Bezeichnung Trois-Vierges lautet (von drei Nornen bezw. Jungfrauen, die in früherer Zeit dort verehrt wurden). Von dort hat man bald die Grenze überschritten, und man würde im Zuge den Uebergang gar nicht gemerkt haben, wenn nicht ein Grenzaufseher nach Branntwein gefragt hätte. An der luxemburgisch-deutschen Grenze war nämlich damals noch für Branntwein eine Kontrole, weil Luxemburg, das bekanntlich zum deutschen Zollverein gehört, sich früher weigerte, die Branntweinsteuer auf gleiche Höhe zu bringen, wie in Deutschland. Dieses ist jetzt geschehen, so daß der Grenzkordon wegfallen konnte. Auch über die Grenze hinaus wird noch die Luxemburger Mundart gesprochen; die Gegend gehörte übrigens früher zum Luxemburger Lande. Die Zugverbindung war dort nicht gerade eine sehr glänzende, und so mußte ich mich schon entschließen, in St. Vith zu übernachten, weil der Nachmittags- bezw. Abendzug nicht weiter fuhr. Jetzt sind die Zugverbindungen besser.
St. Vith ist ein hübsches Städtchen, und so abgelegen es auch ist, so findet man doch ein gutes Unterkommen dort. Es liegt auf einer Anhöhe und zählt ungefähr 2000 Einwohner, die mit Rücksicht auf jene Gegend als ziemlich behäbig gelten können. Außer der Viehzucht wird besonders die Gerberei eifrig betrieben. In dem Städtchen findet man eine alte Pfarrkirche, ein Kloster mit Haushaltungsschule und Touristenheim, sowie einen alten Thurm („Büchelthurm“) als letzten Ueberrest der früheren Umwallung. Die Mundart, die dort gesprochen wird, ist schon die Eifeler Mundart, die der Luxemburgischen ähnelt[1]. Die Stadt selbst nennt das Volk „Sankt Veit“ oder z’m Vekt. Wer sich über die Bevölkerung dieser Gegend unterrichten will, muß schon mit den Leuten selbst verkehren. Greift man zu einem Führer, so findet man meistens gar keine Angabe darüber. Heinrich Pflips[2], ein Eifeler Lehrer, der die Gegend beschrieben hat, beschränkt sich auf eine landschaftliche Schilderung mit dürftigen geschichtlichen Notizen. Einige hübsche Seiten widmet Heinrich Freimuth in seinen anregend geschriebenen „Ardenner Wanderungen“[3] der Geschichte des Städtchens St. Vith.
Vormittags fuhr ich nach Malmedy weiter. Die Gegend um St. Vith ist ziemlich ärmlich, man sieht meist nur Haide und Ginster. Die nächste Station ist Montenau, eine hübsch gelegene Ortschaft mit Wäldern in der Nähe. In Weismes verläßt man den nach Montjoie-Aachen weiterfahrenden Zug, um auf einer kleinen Zweigbahn abseits nach Malmedy zu gelangen. Ich mußte in Weismes fast eine Stunde warten, und so benutzte ich die Gelegenheit, das Dorf zu besichtigen, das schon ganz im wallonischen Sprachgebiet liegt. Der Name selbst ist wallonisch und wird „Uäm“ ausgesprochen; die deutschen Bahnbeamten sprechen ihn allerdings aus, so wie er geschrieben wird: Weismes, und das kann einen Philologen schon sehr nervös machen. Das Dorf hat gar nichts Merkwürdiges; man sagte mir nur, es sei wegen seines Kirchweihfestes bekannt. Mehr interessirte mich die Schule, wo ich deutsch singen hörte. Die Bewohner grüßten mich aber meistens wallonisch oder französisch. In den wenigen Geschäften, die der Ort außer einer Strohhutfabrik aufzuweisen hat, wird auch deutsch gesprochen.