„Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen, gerad’ zusammengeschlagen bin ich,“ jammerte sie. „Kein Auge hab’ ich zutun können. Leibhaftig hab’ ich das Kamel vor mir gesehen.“
Die Kinder waren derartig mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, daß sie Ursels Klagen kaum verstanden! Schnell packten sie ein schönes Notizbuch sowie einen Bleistift für Martin zusammen und traten schon um halb sieben Uhr vor die Haustür. Quer liefen sie über die Straße hinüber zum Ufer des Kanals, um an ihm entlang den Weg auf die rote Brücke zu nehmen.
Suse war so ausgelassen und froh heute, wie sonst nur auf ihren Schulwegen daheim. Sie warf den Kopf in den Nacken und rief dem strahlenden Himmelsgestirn über sich voll Übermut zu: „Brenn’ mich ins Gesicht, liebe Sonne, brenn’ mich, es macht mir nichts. Heute macht’s mir nichts. —
Gedörrte Zwetschgen und Apfelschnitzen will Philipp uns schenken,“ fuhr sie dann eifrig zu ihrem Bruder fort. „Er hat’s mir gestern versprochen. Er hat noch welche von zu Hause. Gestern hat er gesagt, er will uns heute welche geben.“
„Oh, wie freu’ ich mich,“ rief Hans, „die mag ich ja so gern.“
Die beiden eilten schneller als bislang vorwärts. Nur zehn Minuten hatten sie noch bis zum Ziel ihrer Wanderung. Je näher sie ihm kamen, desto aufgeregter wurden sie. Zuletzt sprachen sie kaum noch ein Wort. Ihre Blicke richteten sich gespannt geradeaus. Jetzt tauchte das Gemäuer der roten Brücke auf und die eisernen Lichterträger an ihren Enden. Jeden Augenblick mußte jetzt ihres Freundes Philipp hohe Gestalt dort zu sehen sein. Sicher wartete auch er schon voll Ungeduld auf seine Landsleute. Nur noch ein paar Schritte, dann standen sie am Ziel. Doch enttäuscht sahen sie sich um. — Kein Philipp war zu sehen, und am Ufer lag sein Kahn nicht mehr. Weithin auf und nieder konnten sie über das Wasser des Kanals sehen, aber kein Lastkahn schwamm auf seinen toten Fluten. Nur der Sonnenschein spielte darauf, und der Strahlen Blinken traf zuweilen wie spitze Nadeln die Augen der Kinder.
Keines von den Geschwistern sprach ein Wort. Traurig sah Suse auf Martins Geschenk und dachte bei sich, daß Philipp wohl im Morgengrauen, als alle noch schliefen, an Frau Cimhubers Haus vorübergefahren sei und keinen Gruß in die Heimat mitgenommen habe.
Minutenlang verharrten die beiden so in gedrücktem Schweigen, bis Hans schließlich leise sagte: „Er ist fort.“
Suse nickte mit Tränen im Auge. Wieder verfielen die beiden in Stillschweigen. Dann zupfte Hans plötzlich seine Schwester am Ärmel und zeigte auf ein paar Arbeiter, die am Rande des Kanals standen und Steine aufschichteten.
„Wollen wir die nicht fragen, ob sie nicht wissen, wann Philipp fort ist?“ meinte er schüchtern.