— So erzählte denn Christine, die sonst ihre Sorgen ängstlich vor aller Welt hütete, ganz verwirrt durch die Ereignisse des Morgens und erschreckt durch die Eindrücke der geräuschvollen Geigenstunde, Suse den schweren Kummer ihres Lebens.

Das Doktorskind hörte still zu, und je mehr sie erfuhr, um so schwerer wurde ihr Herz.

Von einer einzigen Tochter hörte sie ihre Kinderfrau erzählen, die sich an einen bösen Menschen verheiratet, der getrunken und seine Frau schlecht behandelt habe und schuld an ihrem Tod geworden sei. Das Kind aus dieser Ehe, ein kleines Töchterchen, Resi genannt, habe die alte Frau nach dem Tode ihrer Tochter zu sich nehmen und erziehen wollen. Aber der Vater des Kindes habe verlangt, sie solle ihr Haus verkaufen, ihm den Erlös davon geben und mit ihm zusammen in die Stadt ziehen.

Durch Susens Vater sei indes jener Plan vereitelt worden, und Christine sei von Not und Elend verschont geblieben, wie der „Herr Doktor“ schon so und so oft gesagt habe.

Der Schwiegersohn der alten Frau habe sich schnell wieder verheiratet und sei in die Stadt gezogen. Von ihrem Enkelkind habe Christine nie mehr etwas erfahren, auch dann nicht, wenn sie ihm Geschenke gemacht oder um seinen Besuch gebeten habe. Nur um Geld habe ihr Schwiegersohn immer wieder geschrieben. Jetzt sei Christine gekommen, um ihr Enkelkind zu suchen, damit sie es vor ihrem Tod noch einmal sehe, denn sie wisse ja nicht, ob sie noch lange lebe.

Da nahm Suse Christine in den Arm und sagte in demselben Ton, in dem sie gewohnt war, ihre alte Kinderfrau sonst selbst reden zu hören: „Sei still, Christine, der liebe Gott weiß alles und hilft uns sicher. Christine, wir finden dein Resi ganz gewiß, und du wirst sehen, es wird dir viel Freude machen.“

Doch die alte Frau meinte mit Tränen im Auge: „Am Ende läßt mich der Vater das Kind nicht sehen und schickt mich fort von seinem Hause.“

„Aber nein, Christine, wir gehen ja alle mit, Hans und ich und Theobald und Toni. — Wenn wir gleich fünf Mann hoch anrücken, wird er schon Respekt bekommen. — Und dann fällt mir noch was ein, Christine, ich hab’ noch ein Fünfmarkstück von Onkel Fritz für ein schönes Buch geschenkt bekommen. Das geb’ ich deinem Schwiegersohn. Wenn dieser scheußliche, geizige Mann das Geldstück sieht, läßt er sicher viel besser mit sich reden. Und eines von meinen Kleidern nehmen wir auch mit und eine Schürze und Strümpfe und Schuh.“

Und in Suses Phantasie wurde dieser Gang zu Christines bösartigem Schwiegersohn zu einem glänzenden Triumphzug, in dem sie sich alle mit Ruhm bedeckten und Freude über Freude einheimsten.

„Wo wohnt denn dein Enkelkind?“ fragte die eifrige Suse.