Die schwersten Stunden aber standen Ursel noch bevor. Das waren die Wochen nach dem Fortziehen der Kinder. Mittags, wann die Zeit gekommen war, zu der die beiden sonst aus der Schule zu kommen pflegten, horchte sie oft, ob nicht ein stürmisches Klingeln erschalle und ob nicht zwei fröhliche Stimmen riefen: „Was gibt’s heute zu essen? Was Feines? Was Gutes?“ Oder sie meinte zuweilen zwei Hände zu fühlen, die sich ihr von rückwärts um die Augen legten und jemand fragen zu hören: „Wer ist’s, Hans oder Suse?“

Am Tage aber, an dem sonst Herr Schnurr zu erwarten war, übermannte sie häufig eine große Wehmut. Wie im Traum befangen, rückte sie dann die Stühle und Tische in der Negerstube zurecht und dachte voll Sehnsucht der Zeiten, in denen er hier wie ein verzückter Derwisch seine Tänze aufgeführt hatte.

Ja, die Einsamkeit im Cimhuberschen Haus wurde mit der Zeit so drückend für sie, daß sie nicht ruhte, bis ihre Herrin neue Zöglinge aufgenommen hatte.

Und von ihren Lippen ertönte zur Ermunterung der eben eingezogenen Kinder ständig der Ausspruch: „Oh, Hans und Suse hättet ihr sehen sollen! Ja, Hans und Suse. Die waren artig, die waren gut! Die hatten ein Herz wie Gold! Und so fleißig, so gescheit waren sie! Der Hans konnte geigen wie die Engel im Himmel! Und an den Augen sahen sie einem ab, was sie einem helfen konnten. Und immer waren sie vergnügt. Bei denen war’s immer Sonntag. Nie ließen sie die Ohren hängen. Hans hatte sich einmal den Daumen gebrochen in der Turnstunde und dazu pfiff er...“

Es war ein Glück, daß die Doktorskinder die Lobpreisungen nicht hörten. Wie hoch sonst Suse wohl ihre Nase getragen hätte.

Daheim aber in Schwarzenbrunn im Doktorshaus wurde es still, sehr still. Für lange Zeit kam kein Arzt mehr in das einsame Dorf, und das Haus stand leer. Die Fensterläden blieben geschlossen. Der Hof war vereinsamt. Büsche und Blumen wuchsen wild im Garten. Es wurde ein Märchengarten daraus.

Babette Buntrock und die übrigen Hühner waren mit ausgewandert nach Wildershausen. Minnette und das Käterle hatten bei Rosel, die sich kürzlich verheiratet hatte, eine Heimat gefunden. Michel war zum Förster gekommen. — Der Aufenthalt in der Stadt tauge ja doch nichts für ihn, hatte der Doktor behauptet. Es sei die reine Quälerei.

So konnte der tüchtige Waldbursche Michel denn jetzt ununterbrochen in seinem geliebten Forst bleiben, wo es ihm so wohl gefiel. Zum großen Glück hatte der Förster auch keine Kinder. Und so brauchte die Bracke, die mit zunehmendem Alter immer hochmütiger und abwehrender gegen die Menschen geworden war, sich ihre unangenehmen Aufdringlichkeiten und albernen Zärtlichkeiten auch nicht mehr gefallen lassen. — Zuweilen führte ihn sein Weg am Doktorshaus vorüber. Stolz kam er die Straße herunter, seinen Schwanz trug er wagrecht abstehend wie ein Lineal. Einmal blieb er stehen und sah zum Hause hinüber, als entsinne er sich vergangener Zeiten. Doch niemand könnte sagen, ob das wirklich der Fall war.

Minnette und das Käterle dehnten ihre Streifzüge noch immer auf den Hof und die Scheune ihres alten Wohnhauses aus. Aber abends fanden sie sich regelmäßig bei Rosels Milchtöpfen ein.

Manchmal saßen sie auch noch auf der hintern Gartenmauer, wo im Frühjahr der Schlehdorn schneeweiß leuchtete, und sonnten sich wie in den Zeiten, als Hans und Suse noch hier waren.