Lautes Sprechen, Lachen und Lärmen drang aus dem Innern der Schulstube heraus und verkündete ihr, daß ihre Mitschülerinnen wohl schon vollzählig versammelt seien.

Das Herz klopfte ihr. Langsam nahm sie ihren Hut und ihre Jacke ab und hängte sie an einem Hakenbrett im Gange auf. Ängstlich schielte sie nach der Klassentüre. — Eine Weile zögerte sie noch; dann faßte sie mit schnellem Entschluß den Griff der Tür, drückte ihn nieder und trat ein.

Totenstille empfing sie. Wie auf einen Schlag waren Lachen und Lärmen verstummt, und die Augen sämtlicher kleinen Mädchen richteten sich auf Suse. Sie glaubte in den Boden sinken zu müssen vor Verwirrung, und ihre Füße waren schwer wie Blei. Endlich konnte sie sich wieder regen und ging nun langsam vorwärts, der letzten Bank zu, in der sie einen freien Platz entdeckt hatte. Leise sagte sie zu den kleinen Mädchen an ihrer Seite guten Tag, erhielt aber keine Antwort, da ihr Gruß nicht gehört worden war. Und nun begann auch plötzlich wieder das Kichern, das Lärmen und Reden und verstummte erst, als es punkt acht Uhr war und die Lehrerin eintrat.

An dem Pult ganz vorne nahm sie Platz. Das kleine Mädchen hob schüchtern seine Augen, konnte aber nur ein Stückchen ihres rechten Ohres erkennen; alles übrige war durch zwei kleine vor Suse sitzende Mädchen verdeckt, die ihre Köpfe zusammensteckten.

Und dann hörte sie mit einem Male die laute, tiefe Stimme der Lehrerin, die jedes Wort deutlich und scharf aussprach. Aber den Sinn ihrer Rede vermochte sie nicht zu verstehen; denn alles um sie her verwirrte sie noch zu viel, als daß sie einen klaren Gedanken hätte fassen können. — Wie fremd, wie kalt war doch alles hier, kein bißchen gemütlich, wie daheim. Daheim, da war es viel tausendmal schöner — da kannte Suse jedes Kind, und den Lehrer gar! Den kannte sie seit dem ersten Tag, da sie zur Schule gegangen war. — Dort gab es ja nur einen einzigen Lehrer, der kam jeden Morgen behaglich in die Schule geschlendert und brachte einen großen Kaffeetopf mit, aus dem er trank, wenn es ihm gerade paßte. Und vor Beginn des Unterrichts pflegte er sich jedesmal dreimal feierlich in ein rot kariertes Taschentuch zu schneuzen, die Kinder über die Brille zu mustern und dann zu beten.

Manchmal freilich konnte er auch böse werden, der gute Mann; dann, wenn die Kinder zu viel Unfug trieben und ihn reizten. Dann sprang er plötzlich wie der Blitz mit seinem Stöckchen von dem Pult herunter, packte die Bösewichter und bestrafte sie hart. Unter den ertappten Sündern war zuweilen auch Hans; denn er steckte voll Übermut. So hatte er die üble Angewohnheit, sich beim Melden der Länge nach über die Bank zu werfen, und beide Hände mit den ausgestreckten Zeigefingern dem vor ihm sitzenden Knaben auf die abstehenden Ohren zu legen, wobei es diesem heiß wurde wie in einem Backofen.

Dann kam der Lehrer dahergesprungen, fragte, was das für eine Frechheit sei, befreite den Gefangenen aus seiner üblen Lage und lehrte den übermütigen Hans ein schönes gesittetes Melden. Ach — fein und lustig war das gewesen!

„Susanna,“ rief da die Lehrerin, „willst du wiederholen, was ich eben gesagt habe?“

Das kleine Mädchen errötete bis in die Haarwurzeln, stand auf, stotterte, konnte kein Wort herausbringen und wußte überhaupt nicht mehr, was sie gefragt worden war. Aller Blicke richteten sich auf sie. Zum Glück machte die Lehrerin ihr ein Zeichen, sich zu setzen, und beschämt ließ sie sich auf ihren Platz nieder. Nun saß sie noch scheuer dort als vorher.