Schließlich klingelte es, und die Pause begann. Die kleinen Mädchen sprangen in die Höhe und eilten wie erlöst zur Tür hinaus. Suse folgte ihnen langsam nach. Am liebsten wäre sie hier im Schulzimmer geblieben; aber das war ja nicht erlaubt! So ging sie denn auch in den Hof hinunter, stand mutterseelenallein an einem Baum und sah den Spielen der Kinder zu, die lachten und hüpften und tollten. — Aber keines forderte sie auf, doch mitzuspielen. — Da endlich rief eine fröhliche Stimme: „Guten Morgen, Suse.“ Und vor ihr stand ein Mädchen mit roten, frischen Wangen und freundlichen, lachenden Augen. Es war Toni, Theobalds Schwester, die einige Jahre älter als Suse war.
„Na, seid ihr gut in die Schule gekommen?“ fragte sie freundlich. — „Theobald wollte euch eigentlich heute morgen abholen. Aber er hat die Zeit verschlafen, das Murmeltier. Weißt du, er hat gesagt, er muß sich eurer annehmen und euch beschützen, als Dank für die Gastfreundschaft, die er bei euch genossen hat. Der Hanswurst! Das gehört sich so, hat er gesagt. — Ach, Suse, du glaubst gar nicht, wie er sich daheim mit euch aufspielt. Es ist einfach gräßlich! Er hat gesagt, euer Vater hat euch ihm ganz besonders ans Herz gelegt, und wenn er nicht ganz genau auf euch aufpaßte, kämt ihr sicher unter die Räder.“
Suse errötete und hütete sich wohl zu sagen, wie nah sie heute morgen schon an den Rädern gewesen waren, dank des Vetters gütiger Führung.
„Komm, Suse,“ rief hier ihre kleine Cousine und führte sie hin zu den Mädchen, die in Susens Klasse gingen.
„Spielt mit meiner kleinen Cousine,“ rief sie den muntern Dingern zu.
„Suse ist gar nicht so still, wie sie aussieht. Die ist sogar sehr lustig, viel lustiger, als ihr alle miteinander. Und rennen kann sie, famos, tadellos! Mein Bruder Theobald sagt auch, da kann keiner mit.“
Hier griff eines der vorüberlaufenden Mädchen nach Tonis Arm und zog sie in der Hast mit sich fort.
So war Suse denn wieder allein. Eines und das andere der Mädchen begannen nun mit ihr zu reden, aber Suse war so schüchtern, daß sie nur leise ja und nein zu antworten wagte. Auch das Laufen schien sie verlernt zu haben. Da war es denn ganz gut, daß die Klingel bald erschallte und die Kinder in die Klasse zurückrief.
An dem Pult saß jetzt eine ganz andere Lehrerin als vorher. Aber obwohl sie viel munterer und lebhafter sprach als jene, konnte Suse ihr doch nicht folgen. Des Doktorkindes Aufmerksamkeit war außerdem von etwas ganz anderem in Anspruch genommen. Auf dem Pult vor der Lehrerin sah sie mit einem Male eine große Kugel stehen, die auf einem schwarzen Stengel steckte.
Wie war sie dorthin gekommen? Was bedeutete sie? War sie zum Schmuck da? Liebte die Lehrerin solche Kugeln?