Diese und andere Fragen quälten Suse. Und plötzlich entsann sie sich, daheim in des Pfarrers Garten eine ähnliche gesehen zu haben. Allerdings eine viel größere, leuchtendere, eine gar närrische Kugel. — Kam man ihr nahe, so warf sie einem das Spiegelbild schrecklich verzerrt zurück, die Nase zur Kartoffel angeschwollen, die Ohren weit abstehend, wie bei einer Springmaus. Laut jubelnd hatten Hans und Suse stets ihren verschandelten Anblick in dem Zauberspiegel begrüßt. Dann hatte auch ihr Freund, der Michel, ein feiner Jagdhund mit einem schmalen, vornehmen Kopf, hineinsehen und es dulden müssen, daß sich sein Kopf in der Zauberkugel zu einem auseinanderfließenden Pudding wandelte. An dieses lustige Spiel in des Pfarrers Garten mußte Suse nun immerfort denken und erwachte erst aus ihren Träumereien, als ein kleines Mädchen aufgerufen wurde, an das Pult trat und mit dem Finger auf der Kugel herumzeigte. Oh, wie sehr beneidete Suse ihre Mitschülerin um dies Vergnügen, und wie brannte sie darauf, ihrem Bruder von dieser aufregenden Sache zu erzählen! Jener hatte ihr ja versprochen, sie von der Schule abzuholen. Da sollte er gleich mal Wunderdinge vernehmen. —
Nach Schluß des Unterrichts, da stand der Bruder Hans wirklich draußen vor dem eisernen Gitter des Schulhofs und wartete auf die Schwester. Als letzte sah er sie aus dem Hofe kommen, ein ganzes Stück hinter den andern Mädchen her.
Jetzt erkannte sie ihn, eilte auf ihn zu und sah erstaunt in sein Gesicht. Denn er sah so froh aus, als wären die Lobsprüche seines Lehrers nur so dutzendweise auf ihn herabgekommen.
„Hans, hast du alles verstanden? Hast du viel gelernt, hast du auch schon viel geantwortet?“ fragte sie ängstlich.
„Nein“, sagte er da gedehnt, mit ganz langem Gesicht. „Nein, gar nicht, Suse. Ich habe nichts verstanden, nichts gelernt und nichts geantwortet!“
„Na, das ist nur gut,“ entgegnete sie erleichtert. „Das ist doch viel besser, als daß der eine was lernt und der andere nichts. Meinst du nicht auch? Ich glaub’ wirklich, dies ist den Eltern so am angenehmsten.“
Hans zuckte die Achseln und ging mit gerunzelter Stirn schweigend weiter. So einleuchtend schien ihm der Schwester Bemerkung denn doch nicht zu sein.
Aber langsam, wie die Sonne durch Wolken bricht, erschien das Lächeln wieder auf seinem Gesicht, und er kam endlich mit dem zutage, was ihn so froh stimmte.
„Suse, ich weiß jetzt, warum die Autos so brüllen; daran sind die Tuten schuld, die Trompeten, die Sirenen, die Lärm machen, damit die Leute aus dem Weg gehen. Hör’, ich weiß jetzt alles, wie es zugeht. Da wird durch einen Gummiball die Luft hineingedrückt, dann dreht sich eine Scheibe drin herum mit Löchern, und durch die fährt die Luft wieder heraus und bläst so fürchterlich.“
„Aber Hans, so was glaub’ ich nicht,“ fiel Suse erschreckt ein. „So was hab’ ich noch nie gehört. Das ist sicher nicht wahr. Das glaubt doch kein Mensch, daß eine Scheibe herumfährt und so laut bläst, als würde sie schreien.“