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| Erstes Kapitel — Die gefährliche Stadt | [5] |
| Zweites Kapitel — Die Flucht | [35] |
| Drittes Kapitel — Das Kamel | [69] |
| Viertes Kapitel — Der Missionar | [101] |
| Fünftes Kapitel — Christines Reise | [116] |
| Sechstes Kapitel — Schluß | [136] |
Erstes Kapitel.
Die gefährliche Stadt
Es war noch früh am Morgen, gegen ein halb sieben ungefähr, da waren Hans und Suse, die beiden Doktorskinder, die bei Frau Cimhuber, der Pfarrwitwe, in dem hohen weißen Haus am Kanal wohnten, schon wach. Voll Unruhe hatten sie ihr Lager verlassen, sich angezogen und saßen nun fix und fertig am Tisch in Susens Zimmer, bereit zur Schule zu gehen.
Dabei waren es ganze anderthalb Stunden vor Schulanfang. Aber die beiden hatten nun mal keine Ruh und Rast, seit sie hier in der Stadt weilten, und ihre Aufregung verriet sich in ihrem ganzen Wesen und Aussehen. Wie Schatten ihrer selbst sahen sie aus.
Suse, die kecke, übermütige Suse, die sonst ihren Kopf mit der fürwitzigen Nase so hoch zu tragen pflegte, hielt ihn trübselig gesenkt. Und ihr Bruder Hans sah aus seinen großen, dunklen Augen verängstigt um sich. Die beiden fühlten sich ebenso verlassen und ausgestoßen hier in dieser fremden Stadt, in der sie gerade einen Tag verbracht hatten und in der sie doch eine lange Zeit bleiben sollten, um die höheren Schulen zu besuchen. — Weit weg, an das andere Ende der Welt, schien ihnen ihr Elternhaus, das freundliche Arzthäuschen, gerückt; und dabei war es doch nur eine Tagereise entfernt und lag in den Bergen, deren Umrisse man an hellen Tagen wie eine feine Linie am Horizont wahrnehmen konnte.
„Hans,“ sagte das kleine Mädchen plötzlich, „was meinst du, sind Frau Cimhuber und Ursel schon wach?“
„Ich glaub’, mir ist’s, als hätt’ ich jemand auf Pantoffeln gehen hören,“ erwiderte der Bruder... „vielleicht war’s Ursel.“
Suse nickte.
Und halb zu Hans gewandt, halb wie im Selbstgespräch fuhr sie fort: „Gräßlich alt ist Ursel schon. Über sechzig Jahre. Und vierzig Jahre ist sie schon bei Frau Cimhuber gewesen. Das ist viel länger als unsere Rosel. Rosel ist gerade neun Jahre bei uns. Das ist einunddreißig Jahre weniger als Ursel.“