„Du Suse,“ fragte Hans mit einem Male, „was hat eigentlich gestern abend Frau Cimhuber über Ursel gesagt, als sie vor uns auf dem Sofa gesessen ist und deine Hand gehalten hat und uns so lange angesehen hat?“
„Das weißt du schon nicht mehr!“ rügte Suse, die so gern dem jüngeren Bruder gegenüber die Überlegene, Belehrende spielte. „Wirklich, das weißt du nicht mehr? — Sie hat gesagt: ihr sollt Ursel stets mit Rücksichtnahme und Respekt begegnen; denn sie ist über vierzig Jahre in meinem Dienst und ist mir eine getreue Beraterin und bewährte Freundin gewesen, eine Stütze meines Hauses in Not und Gefahr. Nicht nur in fröhlichen Zeiten, sondern auch in trüben Zeiten voller Aufopferung und Liebe und echt christlichen Sinnes. Gehorcht ihr wie mir!“
„Aber, Suse, so viel hat sie nicht gesagt,“ fiel Hans ein.
„Doch, Hans, ganz bestimmt!“
Und Suse wiederholte noch einmal: „Nicht nur in fröhlichen Zeiten, sondern auch in trüben Zeiten, voller Aufopferung und Liebe. Gehorcht ihr wie mir!“ — Liebte sie es doch über die Maßen, feierliche Worte mit schöner Betonung aufzusagen, vor allem Gesangbuchverse oder Stellen aus Predigten, die sie Sonntags in der Kirche daheim auffing und nicht immer dem Sinn nach verstand. — Und mit großer Genugtuung bemerkte sie bei diesen Gelegenheiten jedesmal, wie Hans, der schwerfälliger beim Auswendiglernen war als sie, bewundernd zu der begabten Schwester aufsah.
Wieder war es nun still in dem Zimmer, bis Hans plötzlich leise fragte: „Magst du eigentlich Frau Cimhuber gern?“
Das kleine Mädchen wurde feuerrot, sah verlegen vor sich hin und schüttelte dann ihr Haupt.
Da stieg auch dem Bruder die Verlegenheitsröte in die Wangen, und er gestand der Schwester, daß er die Pfarrfrau ebensowenig leiden möge.
„Aber, Hans, wir müssen sie lieb haben,“ rügte da Suse, sich flugs ihres Amtes als Lehrmeisterin in allen Tugenden dem Bruder gegenüber entsinnend, „wir müssen sie lieb haben, das haben der Vater und die Mutter uns ausdrücklich befohlen.“