Fester drückte sie ihr Ohr gegen die Tür. — Doch nun war’s totenstill. Eine ganze Weile blieb sie stehen. Jetzt, jetzt regte sich’s wieder.

Da fuhr aber Ursel ein solch heftiger Schmerz in ihren hohlen Zahn, daß sie sich mit beiden Händen an den Kopf fuhr und mit schmerzverzerrtem Gesicht davonschwankte.

Am andern Morgen um drei Viertel auf fünf ging leise die Tür von Frau Cimhubers Wohnung, und zwei Kinder mit blassen, übernächtigen Gesichtern traten ins Treppenhaus.

Es waren Hans und Suse, die durch die Menge der übereinander gezogenen Kleidungsstücke kugelrund aussahen. Vorsichtig schlossen sie die Flurtür hinter sich und gingen auf Zehenspitzen die ausgetretenen Stiegen der Treppe hinunter. Ein graues, unfreundliches Licht erhellte nur matt ihren Weg. Alles war totenstill. Das Haus schlief noch. Öfters blieben sie stehen und horchten. Doch als nichts sich regte, gingen sie weiter.

Im zweiten Stock wurde Suse die Hirschtasche zu schwer, und der Bruder half ihr beim Tragen. Dann kehrte er zurück, um sein eigenes Gepäck nachzuholen.

Gerade als er die unterste Stufe der Treppe wieder erreicht hatte und das Haus verlassen wollte, hörte er plötzlich im Treppenhaus ein Geräusch. Ihm war es, als sei irgendwo eine Tür gegangen, und als stehe nun jemand oben vor Frau Cimhubers Wohnung und lausche mit angehaltenem Atem über das Treppengeländer.

Ganz kalt überlief’s ihn, und er schloß schnell die Tür. In der Ferne erblickte er Suse. Sie schritt mit großen Schritten rüstig aus, während ihre rechte Schulter sich unter der Last der Hirschtasche senkte. Der Bruder wollte ihr folgen, hörte aber plötzlich hoch über sich seinen Namen rufen. Er blickte am Haus hinauf und gewahrte in schwindelnder Höhe ein mit Tüchern umwickeltes Haupt. — Ursel?

„Hans,“ rief sie, „Hans, Hans, Hans!“

Da schrie er auf und rannte wie besessen davon.