Er stieß Suse an, und auch sie schaute auf.
Durch die Tür des Wartesaals, nicht weit von den Kindern, drängte sich mit einemmal eine aufgeregte Reisegesellschaft: eine dicke Frau mit einem kleinen Knirps auf dem Arm und zwei größeren Kindern an ihren Rockschößen. Der Hut der Frau war verschoben, und ihr Jüngstes griff mit beiden Händen danach und machte den Schaden nur noch größer.
Und nun stolperte gar noch ihr Ältestes, ein rechter Guckindieluft von einem kleinen Mädchen, über einen Stuhl und brachte die Mutter ins Wanken. Und diese packte in ihrem Zorn den Zopf des niedergleitenden Töchterleins und schüttelte daran, als wollte sie Sturm läuten.
Dann sah sie sich tief aufatmend nach einem freien Platz um, entdeckte die Ecke, wo Hans und Suse sich aufhielten und kam pustend heran. Die Geschwister waren so verblüfft von ihrem Anblick, daß sie es ohne ein Glied zu rühren, geschehen ließen, wie sich die Frau, ohne sich lang umzusehen, mit einem Seufzer der Erleichterung mitten auf ihren Sachen niederließ und die Füße von sich streckte. Da saß sie nun auf dem Engel und der Geburt Christi, auf Strümpfen und Wäschestücken, als müßte es so sein. — Suse streckte abwehrend die Hände nach ihr aus, als es leider zu spät war. Sie fühlte sich anscheinend ganz wohl. Und zu allem Elend fielen nun ihre Kinder über die am Boden liegenden Habseligkeiten der Geschwister her und wühlten darin herum.
Suse traten die Tränen in die Augen; sie hob schnell alles auf und trat dann vor die Frau hin, um sie zu bitten: „Unsere Sachen sind unter Ihnen. Möchten Sie nicht, bitte, aufstehen? Die Geburt Christi und der Engel sind auch unter Ihnen. Sie zerdrücken sie ja!“
„Was ist unter mir?“ rief die Frau kirschrot vor Zorn. „Was zerdrücke ich? Was hast du da gesagt? — Wollt ihr mich vielleicht zum besten haben? Kommt mir nur! Da kommt ihr gerade an die Rechte.“
Die Geschwister wichen weit zurück vor Schrecken. Und Suse mußte mit einemmal an Frau Cimhuber und Ursel denken. Ach, wenn doch nur Ursel da wäre. Ursel mit dem entrüsteten Auge, das einsam und zornig aus seinen Wolltüchern hervorleuchtete. Die würde helfen. Suse fühlte es mit einemmal ganz bestimmt. Die würde die Frau sofort am Arm packen und aufstehen heißen. Sie konnte es ja nicht leiden, daß irgend jemandem Unrecht geschah. Gestern hatte sie auf der Straße einen wildfremden Mann angefahren, weil er seinen eigenen Hund geschlagen hatte.
Wenn doch nur Ursel da wäre!
Zum Glück für die Kinder bekam ihre Feindin aber doch ein Einsehen. Vielleicht wurde ihr auch das beschwerliche Sitzen auf der Bank mit der Zeit unbequem. Denn sie begann langsam einen Gegenstand nach dem andern unter sich hervorzuziehen, wobei sie blitzenden Auges rief: ob sich die hohen Herrschaften vielleicht einbildeten, die Bänke seien für sie allein da. Und ob sie glaubten, andere Leute wollten nicht auch leben und sich irgend wohin setzen. Ja, ob sie das glaubten? Und ob sie das nächstemal nicht noch ihr ganzes Bett mitbringen und zur Freude anderer Leute hier ausbreiten wollten?
Immer größer wurde nun die Verwirrung in der Ecke, wo Hans und Suse sich aufhielten. Denn das Töchterlein der zornigen Frau, der Guckindieluft, hatte sich zu seiner Zerstreuung ein Paar Halbstrümpfe von Hans als Handschuhe angezogen, eine Schürze von Suse als Krawatte umgebunden und tänzelte nun, Gesichter schneidend, vor der Bank auf und nieder.