Elise, so hieß die Gattin Martins, zeigte sich sehr erfreut, nun einmal eine geräumige Wohnung zu besitzen, in welcher man sich viel besser einrichten konnte als in den engen Mieträumen, auf die man vorher beschränkt war. Die vom Vater ererbten Einrichtungsgegenstände, zusammen mit den mitgebrachten Mobilien, mußten eine Ausstattung geben, an welche die bescheidene Frau vorher nie hatte denken dürfen.
Martin durchschritt mit einer gewissen Wehmut die ihm so wohlbekannten Räume, wo alles ihn an seine Jugendzeit und an die nun heimgegangenen Eltern erinnerte.
Wir überlassen es nun den Leutchen, ihr Mittagessen einzunehmen, ihre Habseligkeiten abzuladen und sich notdürftig einzurichten, und wollen unterdessen einen Rundgang durch das Dorf machen, um die herrschenden Zustände etwas näher kennen zu lernen.
D. liegt an einem Abhang nach Süden, so daß es von rauhen Nordwinden vollständig geschützt ist. Dieser glücklichen Lage ist es jedenfalls auch zu verdanken, daß trotz der bedeutenden Höhe ein ziemlich ausgedehnter Obstbau betrieben wird. Namentlich die unter der von Ost nach West sich durch das Dorf ziehenden Hauptstraße gelegenen Häuser sind fast ganz in dem Obstbaumwalde versteckt. Die Wohnhäuser und Ställe sind meistens mit Schindeln gedeckt und gewähren in ihrer unregelmäßigen Gruppierung einen pittoresken Anblick. Die Gassen und Plätze sind nicht gerade unsauber, doch machen sich auch hie und da die braunen Bächlein bemerkbar, die von den Düngerstätten abfließen und wenig Sparsinn der Bauern verraten. Manche der Häuser lassen es deutlich erkennen, daß ihre Besitzer in der glücklichen Lage sich befinden, etwas wagen zu dürfen zur Verschönerung und Verbesserung ihrer Wohnstätten. Abgesehen von dem frischen Verputz, sehen wir dort ein neues Ziegeldach, hier neue Fensterstöcke mit entsprechenden Fenstern, an einem andern Hause ist sogar ein kleiner Balkon angebracht. Auch einigen größeren und kleineren Neubauten begegnen wir beim Durchschreiten der Hauptstraße. Wir vermuten, daß in diesen neuen und frisch renovierten Behausungen jene Glücklichen wohnen, denen es gelungen ist, fern von der Heimat, in den verschiedensten Lebensstellungen, sich ein schönes Stück Geld zu verdienen, und die nun sich teils aus dem Getriebe der großen Welt in ihr stilles Heimattal zum Ausruhen zurückgezogen, teils aber noch mitten im Strudel des Erwerbes stecken und nur hin und wieder einmal für kurze Zeit nach D. kommen, um sich etwas zu erholen von den Anstrengungen ihres Berufes. Dieser Umstand läßt uns auch begreifen, warum die Fensterläden vieler Wohnungen geschlossen sind, ein Zeichen, daß diese leer stehen.
Mitten im Dorfe, wo auf einem freien Platze ein Brunnen steht, der aus zwei Röhren das geräumige Brunnenbett mit klarem Quellwasser speist, steht das Gasthaus zur Post, mit dem Postbureau, Laden und einer kleinen Gaststube im Parterre. Einige Fuhrleute, die hier den Pferden eine kurze Rast gönnen, schneiden Brot in die Futtertröge, schütten etwas Hafer aus den mitgebrachten Säcken dazu, um sich dann zu einem Glase Wein in die Gaststube zu begeben. Sonst ist es um diese Zeit hier ruhig und von weiteren Gästen nichts zu bemerken. Es herrscht überhaupt eine gewisse Stille im Dorfe; die Kinder sind in der Schule, die Erwachsenen aber bei dem schönen Wetter meistens auf dem Felde beschäftigt. Machen also auch wir einen Gang vor das Dorf, um die Leute bei ihren Erntearbeiten zu beobachten.
Wir kommen jetzt auch an der Kirche vorbei, die auf einer kleinen Anhöhe liegt und mit ihrem spitzen Turm und den hohen gemalten Fenstern einen freundlichen Eindruck macht. Dicht neben der Kirche liegt das Pfarrhaus, und vor demselben finden wir den einzigen wohlgepflegten Garten, dem wir bis jetzt in D. begegnet sind. Auf einer dem Zaune entlang führenden Rabatte blühen feurigrote Dahlien, und gelbe und weiße Winterastern beginnen ihre Blütendolden zu entfalten, gut entwickeltes Gemüse harrt der Einwinterung und an der Hauswand bemerken wir schöngezogene und mit Früchten vollbehangene Zwergbäume. So gewährt denn das Pfarrhaus mit seinen blank geputzten Fensterscheiben, durch welche die Blüten einiger Topfgewächse zwischen den blendendweißen Vorhängen herausschauen, inmitten der freundlichen Umgebung einen höchst einladenden Anblick.
Zu äußerst im Dorfe und nicht weit voneinander entfernt, finden wir die zwei vom Fuhrmann genannten neuen Wirtschaften, das Gasthaus zum Freihof und das Restaurant National. Der Besitzer des letzteren ist jedenfalls ein Wirt, der es mit seinem Berufe ernst nimmt und es versteht, die Gäste heranzulocken und es ihnen bei ihm so angenehm als möglich zu machen. Neben dem im Châletstil erstellten Hause befindet sich eine kleine Gartenwirtschaft und eine Kegelbahn, aus der das Rollen der Kugeln und lautes Gelächter an unser Ohr dringt, als Beweis, daß auch heute eine lustige Gesellschaft sich mit Kegelspiel die Zeit vertreibt.
Gleich hinter den Wirtschaften liegen rechts und links von der Landstraße einige Aecker, da und dort im Wiesland zerstreut. Weil die Kartoffeln hier die wichtigste Feldfrucht ausmachen und jetzt gerade die Zeit der Ernte ist, so herrscht reges Leben auf den Feldern. Ueberall sehen wir die kleinen Bergwagen, zum Teil schon mit gefüllten Säcken beladen, an den Ackergrenzen stehen. Die Kühe, welche als Zugtiere dienen, weiden daneben in der Wiese. Die Leute arbeiten emsig; man sieht es ihnen an, daß es ihnen sehr darum zu tun ist, bei dem schönen Wetter möglichst viel auszurichten. Uns, denen die Verhältnisse fremd sind, fällt es auf, daß wir so wenige Männer an der Arbeit sehen und die ganze Arbeit der Kartoffelernte fast ausschließlich von Frauen besorgt wird. Es fällt uns aber das Gespräch zwischen Martin und dem Fuhrmann ein, und wir vermuten, daß die Fremdensaison noch nicht zu Ende und die meisten der männlichen Bewohner infolgedessen noch abwesend seien. Die verschiedenen Aecker lassen auch auf den ersten Blick die Unterschiede in der Art und Weise der Bewirtschaftung deutlich erkennen. Während einige Stücke rein von Unkraut sind, zeigen sich auf andern meterhohe Stauden von Melden und andern Unkräutern, welche durch reichlichen Samenansatz dafür gesorgt haben, daß auch für ihre Verbreitung im nächsten Jahre der Grund gelegt ist. Eine Frau fand es sogar für zweckmäßig, das Unkraut zuerst abzumähen, um das Ausgraben der Kartoffeln leichter vornehmen zu können.
So ist es denn über unsern Betrachtungen allmählich spät geworden, der Rauch der verbrannten Kartoffelstauden vermischt sich mit der Dämmerung zu einem leichten Nebel; da und dort sieht man bereits die Kühe einspannen und zum Heimweg rüsten. Auch für uns wird es Zeit, zu unserer Zimmermannsfamilie zurückzukehren, die wir in ihrem neuen Heim zurückgelassen haben. Der kurze Rundgang hat uns belehrt, daß die Verhältnisse in D. im ganzen nicht besser und nicht schlimmer sind als an andern Orten, daß es auch hier zu loben und zu tadeln gibt wie allerwärts. Wenn aber der Fuhrmann von Martins Habseligkeiten heute morgen der Ueberzeugung Raum gab, daß die Auswanderung und das Streben nach Hotelstellen, im Umfange wie beides heute besteht, in landwirtschaftlicher und allgemein moralischer Beziehung einen ungünstigen Einfluß auf die Zustände in D. ausübe, und daß dieser Uebelstand nicht ganz aufgehoben werde durch die Erhöhung des Verdienstes und den Zufluß reicherer Geldquellen nach D., so müssen wir ihm ein wenig recht geben.