»Ja, Ja, Martin,« hub der Fuhrmann eben wieder an, »Du wirst sehen, daß wir jetzt ganz andere Verhältnisse in D. haben als früher, und namentlich Dir, der Du so lange abwesend warst, wird es erst recht auffallen, daß die Zustände leider nicht besser, sondern schlimmer geworden sind.«

»Aber,« erwiderte Martin, »es ist mir doch, als ich beim Begräbnis meines Vaters war, aufgefallen, daß viele Häuser ein vorteilhafteres Aussehen haben als früher, daß auch einige neue freundliche Behausungen entstanden sind, ein neues Schulhaus ist ja auch gebaut worden, und es schien mir, als ob viele Leute am Sonntag viel besser gekleidet wären als früher. Alles das deutet doch auf einen vermehrten Wohlstand hin, und der kann nicht aus so mißlichen Zuständen entspringen, wie Du sie mir darstellst. Freund, ich glaube, Du siehst die Sache mit einer zu schwarzen Brille an!«

»Wenn Du aus den eben angeführten Veränderungen, die bei uns stattgefunden haben, den Schluß ziehst, daß mehr Geld vorhanden, also der Verdienst ein größerer geworden sei, so ist das im ganzen genommen richtig, obwohl damit noch lange nicht bewiesen ist, daß das für unsere Leute ohne weiteres einen Vorteil bedeute. Du weißt, wie einfach es früher in unserm Dorfe zuging. Die Leute bebauten ihre Wiesen und Aecker, hatten keine andere Erwerbsquelle als die Landwirtschaft und waren gesund und zufrieden dabei. Verdiente man weniger, so brauchte man auch weniger. Man kleidete sich in selbstgesponnene und gewobene Stoffe, die freilich nicht so schön waren als die heutige Fabrikware, sich dafür aber durch viel größere Haltbarkeit auszeichneten. Nachdem man die ganze Woche tüchtig geschafft hatte, freute man sich, den Sonntag als wirklichen Ruhetag feiern zu dürfen. Die einzige Wirtschaft, die es damals bei uns gab, hätte als solche für sich allein gewiß nicht rentiert, wenn nicht noch ein Kramladen damit verbunden gewesen wäre. Am Werktag ging – von einigen gewohnheitsmäßigen Schnapsern abgesehen – niemand ins Wirtshaus, und auch an gewöhnlichen Sonntagen war der Zulauf kein großer; nur an der Bsatzig*), in der Fastnacht und bei ähnlichen Anlässen ging es etwas höher her. Seit nun aber auch bei uns alles darnach trachtet, in der Hotelerie und bei der Fremdenindustrie Stellung und Verdienst zu finden, ist alles anders geworden. Du wirst staunen, wenn Du im Frühling die Völkerwanderung siehst. Die jungen ledigen Leute gehen sozusagen alle fort, und es gilt schon bald für eine Schande, im Sommer hier bleiben zu müssen. Aber auch genug verheiratete Männer sind den ganzen Sommer abwesend. Frauen, Kinder und Greise bilden der Hauptsache nach im Sommer die Bevölkerung unseres Dorfes. Da werden im Frühjahr vor dem Auszug die Aecker bestellt, die Wiesen gedüngt, überhaupt das Notwendigste gemacht, und alle Sommerarbeit – manchmal auch ein großer Teil der Herbstarbeiten – den Frauen und alten Leuten überlassen. Auch die Kinder, die den ganzen Sommer keine Schule haben, müssen tüchtig mit anfassen. Du kannst Dir denken, daß unter solchen Verhältnissen die Landwirtschaft nicht sonderlich gehoben werden kann, weil alle Arbeiten nur notdürftig und oberflächlich gemacht werden. Aber auch die Familienbande lockern sich, und die Kindererziehung läßt vieles zu wünschen übrig.«

*) Wahl des Kreisgerichtes.

Martin, der ohne Unterbrechung den Worten des Fuhrmanns zugehört hatte, war etwas nachdenklich geworden und sagte dann: »Ich weiß, daß Du es gut meinst, und daß Deine Worte aus einem für die Heimat besorgten Herzen kommen; aber es nützt nun einmal alles nichts, die Zeiten lassen sich nicht ändern, was vergangen ist, kehrt nicht mehr. Das einzig Richtige ist, sich den einem ewigen Wechsel unterworfenen Verhältnissen so gut als möglich anzupassen; wer das am besten versteht, bleibt über Wasser und wird nicht Heimweh haben nach der guten alten Zeit. Wenn es der Fremdenindustrie gelungen ist, sich emporzuschwingen, oder wenn sie wenigstens das Bestreben hat, es zu tun, so soll man sie unterstützen; denn wo diese Industrie blüht, da bietet sie vielen Leuten Lebensunterhalt und Verdienst und stellt eine vortreffliche Absatzquelle für alle landwirtschaftlichen Produkte dar. Ich glaube, daß die besten Zustände da herrschen, wo die verschiedenen Erwerbsgruppen sich gegenseitig unterstützen und ergänzen. Freilich gehe ich mit Dir einig, daß es für unsere Verhältnisse nicht zum Nutzen ist, wenn fast unsere gesamte Jungmannschaft und natürlich gerade der intelligentere Teil derselben, ganz oder zeitweise auswandert, und wenn dadurch das Bebauen der heimatlichen Scholle mangelhaft ist und überhaupt fast jeder gesunde Fortschritt gehemmt wird. Doch ich denke, daß die Auswüchse dieser Art von Auswanderung von selbst eingehen werden. Die gesunden Elemente unserer Bevölkerung werden einsehen, daß auch manchmal das Los eines Hotelangestellten nicht ein sehr beneidenswertes ist, und daß man daheim im Kreise der Familie und bei landwirtschaftlicher Betätigung ein Leben führen kann, das weit mehr Befriedigung verschafft, als die abhängige und oft sehr aufreibende Tätigkeit in einem Hotel. Zu wünschen wäre es, daß einige Männer sich unserer Landwirtschaft annehmen und an deren Hebung arbeiten würden; das gute Beispiel würde andere hinreißen, und der Erfolg müßte ein bedeutender sein.«

»Ich sehe schon,« fiel der Fuhrmann wieder ein, »Du fassest alles von der leichten Seite auf, indessen möchte ich selbst nur wünschen, daß Du recht behalten möchtest und alles wieder von selbst ins richtige Geleise käme. Einstweilen sind viele unserer engern Landsleute zu bedauern, hauptsächlich auch deswegen, weil sie moralisch allmählich auf abschüssige Bahnen kommen. Das beweist schon das sich immer mehr entwickelnde Wirtshausleben unserer Dorfbewohner. Wo früher eine Wirtschaft kaum bestehen konnte, rentieren jetzt deren drei, wie es scheint, sehr gut. Nicht nur Wein und Branntwein wie früher, sondern auch Bier und allerlei fremde Liqueure, die man früher nicht einmal dem Namen nach kannte, werden jetzt ausgeschenkt. Das ganze gesellschaftliche Leben spielt sich jetzt im Wirtshause ab. Unsere jungen Männer, die im Sommer abwesend sind, finden es zu langweilig, die Winterabende im Kreise ihrer Eltern und Geschwister zuzubringen; sie glauben, es fehle ihnen etwas, wenn sie einmal abends nicht im Wirtshaus gewesen sind. Sollte es einmal den Eltern einfallen, einen halberwachsenen Jungen an Sparsamkeit und Häuslichkeit zu ermahnen, dann heißt es gleich: »Ich verdiene ja das Geld, und wenn es Euch nicht gefällt, kann ich im Winter auch fortgehen, denn ich bin mein eigener Herr und Meister und brauche mich nicht wegen jedem Glas Bier, das ich trinke, auszanken zu lassen.« Aber auch viele Familienväter fühlen sich zu Hause nicht wohl; Kneipen und Spielen ist auch bei ihnen an der Tagesordnung, und wohin das alles führen mag, kannst Du Dir leicht selbst vorstellen. Viele, die Jahresstellen haben, oder den Winter in südlichen Gegenden verbringen, kommen etwa einmal im Jahr, oder alle drei bis vier Jahre für einige Wochen in die Heimat, um sich zu »erholen«; diese drehen dann erst recht alles auf den Kopf, sie bestimmen gewöhnlich schon vorher eine gewisse Summe, die während der »Ferien« verklopft werden soll. Wenn man so lange Zeit, ohne sich einmal Ruhe zu gönnen, gearbeitet und dabei viel Geld verdient habe, dürfe man sich schon etwas zu gute tun, denken solche Leute; etwas müsse man vom Leben doch auch haben. Da werden denn allerlei Festlichkeiten arrangiert, es gibt Bälle, Ausflüge, Kneipgelage und dergleichen mehr. Teils weil jeder Genuß ohne passende Gesellschaft zuletzt langweilig wird, teils aus verwandtschaftlichen Rücksichten oder aus alter Freundschaft, teils aber auch aus purer Prahlerei oder Mitleid mit den »armen Schluckern«, die immer zu Hause bleiben und die heimatliche Scholle bebauen müssen, ergehen Einladungen an die nicht ausgewanderten oder sonst zufällig ortsanwesenden Bekannten, denen dann meistens, um nicht zu verletzen, oder um die willkommene Gelegenheit, auch einmal etwas mitmachen zu können, nicht unbenutzt vorüber gehen zu lassen, Folge geleistet wird. Es kommt sogar häufig genug vor, daß Jünglinge und Männer von der Arbeit weg ins Wirtshaus geholt werden. Da braucht man sich nun gewiß nicht zu verwundern, wenn bei den zum Hierbleiben verurteilten Handwerkern und Landwirten die Unzufriedenheit mit ihrem Geschick immer mehr sich ausbreitet, wenn bei ihnen gewisse Lüste und Leidenschaften wach werden, und wenn sich viele eine Lebensweise angewöhnen, die mit ihrem Beruf und ihrem Verdienst keineswegs in Einklang stehen.« So hatte sich der Fuhrmann in einen wahren Eifer hineingeredet, und die Debatte zwischen den beiden Freunden wäre jedenfalls noch lange nicht zu Ende gewesen, hätte man sich jetzt nicht dem Dorfe genähert, welcher Umstand natürlich dem Gespräch ein Ende machte. Martin wendete sich seiner Frau und den Kindern zu, während der Fuhrmann vollständig von seinem Fuhrwerk in Anspruch genommen wurde.

Weil es gerade um die Mittagszeit war, als der Wagen über die holprige Dorfstraße fuhr, hatten die Leute Gelegenheit, sich den Einzug der Müllerschen Familie mit Muße anzusehen, und diese Gelegenheit wurde auch reichlich ausgenützt.

Während sich die Dorfjugend in der Straße aufstellte und so von ihrem Vorrecht, sich nicht genieren zu müssen, Gebrauch machte, standen die Alten unter den Haus- oder Stalltüren, schauten zu den geöffneten oder geschlossenen Fenstern heraus, und manche, welche sich nicht sehen lassen wollten, hatten sich hinter den Fenstervorhängen postiert. Die einen musterten mit kritischem Blick die Möbel, andere schienen sich für die Kinder zu interessieren, während wieder andere die Augen nur auf die Frau und ihre Kleidung gerichtet hatten.

Unterdessen hatte der Wagen seinen Bestimmungsort erreicht und hielt vor dem Hause, das fortan unsern Martin und seine Familie beherbergen sollte. Der Fuhrmann spannte die Pferde aus und zog mit ihnen ab, seiner nicht weit entfernt liegenden Behausung zu.

Einige Verwandte und alte Bekannte Martins hatten sich schnell eingefunden; sie boten sich zur Hilfeleistung beim Abladen der Möbel an, und einige Frauen zeigten sich bereit, so schnell als möglich für die leiblichen Bedürfnisse der Familie sorgen zu wollen, da alle, wie sie meinten, von dem ziemlich weiten Weg doch gewiß hungrig und durstig sein müssen. Martin dankte allen für den freundlichen Willkomm und nahm gerne die dargebotene Hilfe an; denn er meinte, es sei gut, wenn abgeladen werden könne, so lange es noch Tag sei. Für das Essen aber sei bereits gesorgt, da der Fuhrmann sie alle schon unterwegs eingeladen habe. Er gedenke nur noch schnell seine Frau und die Kinder durch das Haus zu führen und dann der Einladung Folge zu leisten, damit dann schnell mit dem Unterbringen des Hausrates begonnen werden könne.