I.

Es war an einem jener warmen, sonnenklaren Herbsttage, an welchen man so recht den eigenartigen Zauber der langsam zum Winterschlafe sich vorbereitenden Natur herausfühlt, als ein mit allerlei Hausrat beladener Wagen, von zwei kräftigen Pferden gezogen, sich langsam die in mehreren Windungen nach dem Bergdorfe D. führende Bergstraße hinaufbewegte.

Den Möbelstücken sah man es an, daß ihr Besitzer nicht gerade ein reicher Mann sei; indessen deutete auch nichts darauf hin, daß er sich in Verhältnissen befinde, die ihn zwängen, notwendige Haushaltungsgegenstände entbehren zu müssen. Der sofort auffallende Unterschied der Mobilien in Bezug auf Alter, Herstellungsweise und Material, ließ darauf schließen, daß viele der einzelnen Stücke nach und nach, je nach Gelegenheit und Bedarf angeschafft wurden. Es war deutlich zu erkennen, daß einige Schränke und Kommoden schon mehreren Generationen gedient hatten. Wie vorteilhaft nehmen sich doch diese schweren, harthölzernen, von ihren Erstellern scheinbar für die Ewigkeit bestimmten Möbel gegen manche Erzeugnisse der heutigen Möbelfabrikation aus, wo alles für das Auge berechnet ist und beim ersten rechtschaffenen Putsch aus dem Leim geht.

Verschiedene Anzeichen deuteten darauf hin, daß das hier seinen Wohnsitz wechselnde Ehepaar oder wenigstens die eine Hälfte davon Liebhabereien für Blumenzucht hege. Ein ziemlich geräumiger Waschzuber, der zu oberst auf dem hochgeladenen Fuder tronte, schien ganz mit Topfpflanzen gefüllt zu sein, wenigstens schauten die Blütendolden verschiedener Geranien wie verwundert in die Welt hinaus, und die schwellenden Knospen einer Monatrose hingen nickend über den Rand des Zubers hinunter. Hinten an dem Fuder aufgehängt, baumelte ein Blumentisch aus einfachem Weidengeflecht und mit Föhrenzapfen verziert – wohl von eigener Hand des Besitzers gefertigt.

Der Hausrat gehörte dem aus D. gebürtigen Zimmermann Martin Müller, der gleich nach beendigter Lehre ins Unterland gezogen war, wo er an verschiedenen Orten gearbeitet und sich zu einem tüchtigen Arbeiter ausgebildet hatte. Der lebenslustige, dabei sehr fleißige und sparsame Zimmergeselle wurde überall, wo er hinkam, gerne gesehen. Als er bei einer größern Baufirma einen gutbezahlten Palierposten erhielt, verheiratete er sich mit der Tochter eines Kleinbauern, die freilich keine große Mitgift in die Ehe brachte, ihren Mann aber wahrhaft liebte und über zwei gesunde Arme und einen häuslichen Sinn verfügte. Zwölf glückliche Jahre hatten sie nun schon mit einander verlebt; sie waren zufrieden in ihren einfachen Verhältnissen und dankten Gott, daß er sie bis jetzt vor herben Prüfungen verschont hatte.

Martin hatte seine Mutter schon früh verloren, und nun war vor einem halben Jahre auch sein Vater gestorben. Dieser war Maurer gewesen, der seit Jahren für die Bewohner von D. die etwa notwendigen Reparaturen an ihren Häusern ausführte und hie und da auch kleinere Bauten übernahm. Daneben versah er die Stelle eines Gemeindeweibels und galt überall als ein äußerst fleißiger und rechtschaffener Mann. Eine alte Verwandte, die dem Weibelhannes (so wurde der alte Müller allgemein genannt) nach dem Tode seiner Frau die kleine Haushaltung geführt hatte, zog jetzt zu einer im Oberland wohnenden Schwester, und unser Martin erbte das kleine, mitten im Dorfe stehende Haus samt angrenzendem Baumgarten und einigen andern kleineren Grundstücken. Dieser Umstand hatte ihn bewogen, in die Heimat zurückzukehren und auf eigene Rechnung ein kleines Geschäft zu gründen. Wir finden ihn heute mit seiner Familie auf dem Wege dahin.

Martin ging neben dem Fuhrmann her; sie beide waren Schulkameraden und hatten einander natürlich vieles zu erzählen, besonders Martin hatte manches zu fragen über die heimatlichen Verhältnisse, in denen sich so manches in den vielen Jahren seiner Abwesenheit geändert hatte.

Die an der Seite des Wagens dahinschreitende Mutter hatte vollauf zu tun, all die Fragen zu beantworten, die zwei Knaben im Alter von sechs und acht Jahren immerfort an sie richteten. Sie saßen auf dem Kanapee, das vorn auf dem Wagen Platz gefunden, und schienen ein großes Wohlgefallen an der Fahrt zu haben. Ein zehnjähriges Töchterchen, das an der Seite der Mutter den Weg zu Fuß machte, war ganz in das Anschauen der ihm fremdartig erscheinenden Berglandschaft versunken. Bald entlockte ihr der in den verschiedensten Färbungen prangende Wald, bald die den Hintergrund des Tales bildenden Bergriesen, die schon mit frischem Schnee bedeckt waren, laute Ausrufe des Entzückens; bald machte sie die Mutter auf eine sich aus dem Gebüsch erhebende Ruine oder auf die oben am Bergeshang zerstreut liegenden Hütten aufmerksam.

Wir überlassen die vier Personen ihren Betrachtungen und wenden uns den beiden Männern zu, um zu lauschen, über was sie so angelegentlich miteinander verhandeln.