»Ich wette,« meinte ein anderer, »daß Martin auch anders wäre, wenn ihm die Unterländerliese nicht ganz den Kopf verdreht hätte. Sie will jetzt einmal ihren Garten haben und dabei bleibt's! Aber, was gilt's, dem Martin werden schon die Augen aufgehen, wenn ihm erst einmal all das Kraut aufgetischt wird, das die Liese in ihrem Garten großzieht! Grünfutter ist gut fürs liebe Vieh; aber um die Arbeit eines Zimmermanns verrichten zu können, muß einer etwas anderes als Salat und Spinat im Magen haben.«
Wie es immer in der Welt zu gehen pflegt, daß man das Alte ob dem Neuen vergißt, so ging es auch hier. Als die Gartenangelegenheit und die vermeintliche Verschwendungssucht Martins genügend breitgeschlagen und durchgeklatscht war, begann man sich allmählich zu beruhigen. Die Arbeiten in Feld und Wiese wurden auch immer dringender, und bald ging jedermann an dem neuen Zaune vorüber, ohne etwas besonderes zu denken, ja einige Frauen begannen sich schon hie und da für die so regelmäßig aufgehenden Saaten zu interessieren.
Bald rückte wieder die Zeit des allgemeinen Auszuges heran; der größte Teil der jungen Männer, der Jünglinge und erwachsenen Töchter traten ihre gewohnten Saisonstellen an, und es wurde sehr ruhig in D.
Martin hatte für zwei Neubauten die Zimmerarbeit übernommen, und es fehlte ihm deshalb nicht an Beschäftigung. Neben den Hausarbeiten besorgte Liese die zwei kleinen Aecker, die sie mit Kartoffeln bepflanzt hatte, oder sie hatte im Garten irgend eine Verrichtung; war sie aber mit allem fertig, so saß sie in der Laube bei irgend einer Näharbeit. Die Kinder, welche jetzt im Sommer nicht mehr den ganzen Tag in der Schule zubringen mußten, halfen, wo sie konnten, nach Kräften mit. Die beiden Knaben zogen wohl auch mit einem leichten Wagen auf die Landstraße hinaus, um Mist zu sammeln, der dann an geeigneter Stelle zusammen mit allerlei Abfällen auf einen Haufen geschüttet wurde und Kompost für den Garten liefern sollte. Das gab den Leuten wieder frischen Stoff zu allerlei Gerede, und männiglich bemitleidete die »armen Buben«, welche stets barfüßig waren, und wie es schien, mit dem größten Vergnügen dem Geschäfte des Düngersammelns nachgingen. In D. war es nie der Brauch gewesen, barfuß zu gehen, und selbst die kleinen Kinder trugen auch im Hochsommer Schuhe und Strümpfe; deshalb fiel es auf, daß Liese ihre Kinder barfuß laufen ließ, und gleich hieß es: »Da sieht man es. Zu Hause ein solcher Luxus, und dabei haben die Kinder nicht einmal Schuhe, und sogar Mist müssen sie zusammenlesen. Es ist also bei Müllers doch nicht alles Gold, was glänzt, sonst müßten sie nicht am Notwendigsten sparen.«
Elise, der wohl hie und da von solchen abfälligen Redensarten etwas zu Ohren kam, kehrte sich nicht im mindesten daran. Sie merkte es an den roten Backen der Kinder, daß ihnen das Barfußgehen nicht schade. Mit Freuden sah sie auch ihren Komposthaufen zu immer größeren Dimensionen anwachsen. Sie betrachtete ihn als eine Sparbüchse, gespeist mit Kapitalien, die sonst nutzlos auf der Straße zugrunde gehen würden.
Die Gemüse in Lieses Garten standen prachtvoll, und als erst die verschiedenen Sommerblumen auf den Rabatten zu blühen begannen, da dachten sogar einige der Nachbarinnen, daß so ein Gärtchen doch unter Umständen eine angenehme Sache sei. Die eine oder andere der Frauen blieb hie und da am Zaune stehen, wenn Elise im Garten arbeitete, und hatte bald dieses, bald jenes zu fragen. Besonders suchten sie in Erfahrung zu bringen, wie dem Martin die Gemüsekost munde, und erstaunten nicht wenig, als sie hörten, daß er sich ja längst daran gewöhnt habe, und ohne Gemüse gar nicht mehr sein könnte. Freilich, erklärte ihnen Elise, müssen alle Gemüse auch gut und schmackhaft zubereitet werden, das sei gerade so notwendig als die richtige Kultur im Garten selbst. Sie rief auch manchmal diese oder jene der Frauen in die Küche, machte sie mit der Art und Weise des Kochens der Gartengewächse bekannt oder ließ sie die fertigen Gerichte probieren. Sie zeigte ihnen auch, wie sie Gemüse in Gläser einmache, um auch Vorräte für den Winter zu haben. Bald sahen denn auch die Nachbarinnen die Gartenkunst Elisens mit ganz andern Augen an, und manche begann, sich auch einen kleinen Garten zu wünschen.
Indessen waren es nicht nur Lieses Nachbarinnen, welche der Sache Interesse abgewannen, sondern auch in weiteren Kreisen wurde man auf das schmucke Gärtchen und seine Produkte aufmerksam.
Als einst ein Hotelbesitzer aus dem benachbarten Kurort F. mit seinem Wagen durch D. fuhr und in der Post einkehrte, bewunderte er die gut entwickelten Gemüse in dem Müllerschen Hausgarten und fragte gleich bei Elise an, ob sie nicht gewillt sei, ihm von ihren Gartenerzeugnissen etwas zu verkaufen; er sei bereit, gute Preise zu bezahlen, da es stets an frischen Gemüsen mangle. Er sehe sich genötigt, seinen ganzen Bedarf kommen zu lassen, und müsse da oft mit ganz minderwertiger Ware vorlieb nehmen. Sie bedeutete ihm, daß sie leider zum Verkauf nicht eingerichtet sei; daß sie aber ein anderes Jahr leicht auf einem Acker Gemüse bauen könne, und wenn er ihr Aussichten auf Absatz eröffne, so werde sie das auch ausführen. Der Herr war damit ganz einverstanden, und nachdem ihn Liese noch mit einem hübschen Blumenstrauße beschenkt hatte, fuhr er von dannen.
Es braucht wohl nicht besonders bemerkt zu werden, daß Elise ob den andern Arbeiten ihre Topfpflanzen nicht vergaß. Als sie im Frühjahr einmal in der Stadt war, hatte sie beim Gärtner noch einige junge Pflanzen von leicht zu kultivierenden Arten gekauft; diese gediehen jetzt prächtig und blühten zum Teil schon. Der Pfarrer hatte ihr einige Ableger von jenen großblumigen Nelken geschenkt, die man im Kanton Graubünden in einigen Talschaften in oft prachtvollen Exemplaren bewundern kann. Diese bildeten nun ihren besondern Stolz, da sie schon im Unterland von diesen Riesennelken gehört, nie aber welche gesehen hatte. Elise besaß schon vorher einige hübsche, wenn auch kleinblumige Topfnelkenarten, und so konnte sie jetzt zwei Fenster gegen die Straße, wo die Sonne nicht so heiß hinbrannte, mit ihren Nelkenstöcken dekorieren. Diese Nelken bildeten nun einen besonderen Gegenstand ihrer Pflege; denn sie hatte von jeher eine große Liebhaberei für diese Blumen gehabt. Als dann aber die Blütezeit herannahte, sah sie sich auch reichlich für alle Mühe entschädigt. Die Pflanzen waren in Laub und Blüte wunderbar gut entwickelt, und weit herum waren keine solchen Nelken zu sehen.
Da geschah es eines Tages, daß eine reiche Familie aus Deutschland nach D. kam. Sie wollte nach F. reisen, es war aber unterwegs etwas an dem Wagen gebrochen, und somit gab es hier einen unfreiwilligen Aufenthalt, bis der Schaden wieder gut gemacht war. Nachdem die Fremden im Gasthaus eine Erfrischung genommen hatten, machten sie einen Spaziergang durch das Dorf und entdeckten dabei gar bald Elisens Nelkenstöcke. Ganz verwundert blieben sie unter den Fenstern stehen; denn solche Nelken hatten sie noch nie gesehen. Die junge Frau äußerte denn auch sofort den Wunsch, eine solche Pflanze zu kaufen, um sie mit nach Deutschland zu nehmen.