Elise war gerade in der Küche mit Konservieren von Gemüse beschäftigt und erstaunte nicht wenig, als die Herrschaft bei ihr eintrat; fast noch mehr erstaunt aber war sie, als sie hörte, daß sie einen ihrer Nelkenstöcke verkaufen sollte. Ganz unumwunden erklärte sie denn auch, daß sie diese Nelken nicht zum Verkaufen, sondern aus eigener Liebhaberei gezogen habe. Das half indessen nicht viel, der Herr, welcher den Wunsch seiner Frau zu dem seinigen gemacht hatte, fuhr fort zu bitten; er versprach, gerne jeden verlangten Preis zu bezahlen und offerierte, als Liese noch zögerte, 15 Fr. für eine der großblumigen Pflanzen. Als Elise diesen Preis nennen hörte, meinte sie doch, es wäre eine Sünde, eine solche Einnahme von der Hand zu weisen. Sie willigte also in den Handel ein und erlaubte der Dame, unter sämtlichen Pflanzen diejenige auszuwählen, welche ihr am besten gefalle. So war denn die Sache zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt, und während der Nelkenstock verpackt wurde, ermunterte die fremde Dame Elise, nur möglichst viele solcher Nelkenpflanzen zu ziehen, an Absatz werde es ihr gewiß nicht fehlen. Der Herr war der gleichen Meinung und versprach, einen ihm bekannten Blumenhändler in F. auf diese prachtvollen Blumen aufmerksam zu machen. Es sei ja gar nicht ausgeschlossen, daß dieser dann auch allerlei andere Blumen in D. ziehen lasse, sobald sich Elise nur entschließen könne, einen solchen Auftrag zu übernehmen. Diese dankte ihren Gönnern für das bewiesene Wohlwollen und versprach, die Sache überlegen zu wollen; es sei ihr selbst auch schon durch den Sinn gefahren, ob sie vielleicht nicht imstande wäre, mit Gemüse- und Blumenzucht ein hübsches Stück Geld zu verdienen. Sie erzählte dann von dem Besuch des fremden Hotelbesitzers und wie sie darauf den Vorsatz gefaßt habe, nächstes Frühjahr mit der Zucht von Gemüsen zum Verkauf beginnen zu wollen. Nun ihr auch Aussicht gemacht sei, Blumen und namentlich Nelken gut verkaufen zu können, so würde es vielleicht nicht schaden, auch damit einen Versuch zu wagen. Nachdem die Fremden versprochen hatten, Elise im nächsten Sommer wieder zu besuchen, nahmen sie Abschied, und der kleine Hans trug ihnen den gekauften Nelkenstock noch bis zum Wagen.

Martin war nicht recht einverstanden, als Elise ihm ihren Plan mitteilte, im kommenden Jahr einen kleinen Gemüseversand einrichten zu wollen. Er meinte, das verursache im Verhältnis zur Einnahme viel zu viel Arbeit, und es sei ja nicht notwendig, daß sich Liese über Gebühr anstrenge wegen einigen Franken, die vielleicht damit zu verdienen seien. Im Geheimen mochte er wohl Angst haben, daß Elise die Hausgeschäfte vernachlässige, wenn die vermehrte Gartenarbeit auf sie einstürme, und denken, daß es dann um die Gemütlichkeit in seinem Hause geschehen sei. Sobald deshalb Elise auf diesen Gegenstand zu sprechen kam, gab er ausweichende Antworten und suchte das Gespräch auf etwas anderes zu bringen.

Als ihm nun aber Elise die 15 Fr. für die Topfnelke aufzählte, da meinte er nun doch: »Ja, wenn solche Preise die Regel wären, würde ich Dir selbst raten, die Sache in etwas größerem Maßstabe zu probieren. Ueberhaupt glaube ich, daß bei der Blumenzucht mehr herausschauen dürfte, als beim Gemüsebau.« »Aber schau Martin,« entgegnete Elise, »ich kann ganz gut das eine tun und das andere nicht lassen. Manche Flickerei und andere Handarbeiten kann ich ganz gut auf den Winter versparen. Dann mußt Du bedenken, daß die Kinder größer werden und manches zu helfen imstande sind. Auch wirst Du verstehen, daß ich mich mit keinem Gedanken mit der ganzen Angelegenheit befassen würde, wenn ich denken müßte, deswegen auch nur das Kleinste der notwendigen Hausgeschäfte vernachlässigen zu müssen.« So ward denn der Widerstand Martins gebrochen, und es wurde endgültig der Beschluß gefaßt, nächstes Jahr regelrechten Gartenbau zu treiben und den Verkauf der erzielten Produkte an die Hand zu nehmen.

IV.

Der zweite Winter war für die Familie Müller wieder so ruhig verlaufen wie der erste. Liese hatte in verschiedener Beziehung aufs kommende Jahr vorgearbeitet. Fürs erste hatte sie sich mit allerlei Näharbeiten, mit Strümpfestricken und dergleichen derart beflissen, daß sie sich damit im Sommer – von etwa nötig werdenden Ausbesserungen abgesehen – nicht zu befassen brauchte. Dann hatte sie auch schon für das notwendige Packmaterial gesorgt. Ein Korbmacher erbot sich, allerlei größere und kleinere Körbe jetzt billiger zu liefern als im Sommer. Im Laden hatte sie passende Kistchen für den Blumenversand erstanden, und auch gebrauchte Packleinwand zum Uebernähen der Gemüsekörbe erhielt sie dort für billiges Geld.

Auch Martin war in seiner freien Zeit für das Gartengeschäft tätig. Im Herbst schon hatte er an einer geschützten Stelle im Garten einen Frühbeetkasten angebracht, denselben mit guter Erde gefüllt und gegen Frost gut bedeckt. Nun arbeitete er an den Fenstern und bald gingen sie ihrer Vollendung entgegen. Aus Gipslättchen wurden Schattengitter hergestellt, welche bei Aussaaten ins Frühbeet die grellen Sonnenstrahlen fernhalten sollten. Selbst einige Dutzend Ansteckhölzer zum Bezeichnen der verschiedenen Sorten hatte er an einigen der langen Winterabende angefertigt. So lag denn alles bereit, um beim ersten Frühlingszeichen mit dem Aussäen beginnen zu können.

Der Winter war dieses Mal ungewöhnlich streng und schneereich gewesen; als aber Ende Februar die Sonne schon ziemliche Kraft entfaltete, glaubte Liese nicht mehr länger warten zu dürfen. Sie deckte den Kasten ab, lockerte die Erde und legte die Fenster auf. Als dann nach einigen Tagen die Erde abgetrocknet war, säete sie Sellerie, Lauch, Salat, Blumenkohl, Wirsing und überhaupt allerlei Setzlinge, welche sie früh haben wollte. So folgten dann in kurzen Abständen mehrere Aussaaten aufeinander, und als im März die Sonne und der Föhn den Schnee hinweggeschmolzen hatten, konnten die Arbeiten auch im freien Lande beginnen. Die Setzlinge im Frühbeet waren schnell auch zum Auspflanzen groß genug, und bald prangte der Garten wieder im schönsten Grün. Aber nicht nur im Garten, sondern auch auf dem Acker, wo Liese namentlich solche Gemüse gepflanzt und gesät hatte, welche einer weniger sorgfältigen Kultur bedurften, versprach es einen guten Ertrag zu geben. War also in Bezug auf die Gemüse alles in bester Ordnung, so berechtigten die Blumen nicht weniger zu den besten Hoffnungen.

Weil Liese im Herbst ihre Nelken so stark als nur möglich durch Stecklinge und Ableger vermehrt hatte, so besaß sie jetzt über hundert Stück, die mehr oder weniger Blütenstengel getrieben hatten. Da an den Fenstern natürlich nicht für so viele Pflanzen Platz war, so hatte Martin an einer halbschattigen Hauswand ein Gestell angebracht, auf welchem nun die in größere und kleinere Holzkistchen gepflanzten Nelken Aufstellung fanden. Im Garten befanden sich noch einige hundert Nelkenpflanzen, die Liese aus Samen gezogen hatte, und die nun hauptsächlich billigere Schnittblumen liefern sollten. Liese hatte einstweilen davon abgesehen, andere Blumen zum Verkauf zu ziehen; denn erstens wollte sie nicht zu viel auf einmal beginnen, und zweitens hatte ihr der Blumenhändler keine sehr verlockenden Preise in Aussicht gestellt.

Als Ende Juni die Fremdensaison allmählich in Gang kam, konnte endlich der Versand der Gemüse beginnen, und bald gingen auch die ersten Kistchen mit abgeschnittenen Nelken nach F. ab.

Es ist natürlich, daß sich das ganze Geschäft nur in sehr kleinem Rahmen bewegte; waren es ja nur zwei Kunden, an welche Liese ihre Produkte lieferte, nämlich der Hotelbesitzer, welcher voriges Jahr die erste Aufmunterung zum Gemüseversand gegeben, und der Blumenhändler, welchem der deutsche Kurgast Liese empfohlen hatte. Aber selbst diesen beiden konnte nicht genug geliefert werden. Die Art und Weise, wie sich der Versand vollzog war sehr einfach. Liese machte wöchentlich zwei Sendungen, bald größere, bald kleinere, je nachdem, was sie gerade abzugeben hatte. Sie brauchte also nicht auf Bestellungen zu warten, weil ihre Abnehmer alles verwenden konnten, sobald es nur schöne, vollwertige Ware war. Daran ließ es nun Liese freilich nicht fehlen; denn sie handelte nach dem Grundsatz, für ihre Kundschaft sei das Beste gerade gut genug. Für alles, was nicht von erster Qualität war, hatte sie im eigenen Haushalt ja gute Verwendung, und sie kam schon deswegen nicht in Versuchung, ihr Absatzgebiet durch unreelle Lieferung zu verscherzen.