Gerade der gewissenhaften und pünktlichen Bedienung war es zuzuschreiben, daß Liese für ihre Produkte einen schönen Preis erzielte. Trotz des verhältnismäßig kleinen Quantums, das sie absetzen konnte, hatte sie doch bis zum Herbst eine ganz hübsche Einnahme erzielt – die Nelkenblumen allein brachten ihr einen Erlös von über hundert Franken.
Nun lachte auch niemand mehr in D. über Lieses Liebhaberei für den Gartenbau; alles mußte vielmehr lobend anerkennen, daß sie es verstanden hatte, nicht nur notwendige Lebensmittel für den eigenen Haushalt zu pflanzen und mit ihren Blumen ihr Heim zu verschönern, sondern Gemüse- und Blumenzucht auch zu einer ergiebigen Einnahmsquelle zu gestalten.
Weil man Liese fast nie anders sah als im Garten oder mit ihren Blumen beschäftigt, so nannte man sie jetzt nur die »Blumenliese«, und diesen Namen behielt sie fortan, weshalb auch wir sie nur noch so nennen wollen.
Hatten schon im vorigen Sommer einige Frauen den Wunsch gehegt, gleich wie die Blumenliese ein Gärtchen zu haben, so nahmen jetzt solche Wünsche eine bestimmtere Gestalt an. Man hoffte jetzt eher auf die Einwilligung der Männer, wo man ihnen nun doch schlagend beweisen konnte, daß ein Garten nicht einfach als ein Luxus zu bezeichnen sei, wie man bisher angenommen habe. Einige der Männer kamen denn wirklich auch den Frauen schon auf halbem Wege entgegen; denn auch sie waren hingerissen von den Erfolgen der Blumenliese.
Wenn die Anlage von verschiedenen Gärten nicht sofort an die Hand genommen wurde, so hatte das seinen Grund nur darin, daß niemand etwas von der Sache verstand. Man bestürmte deshalb die Blumenliese von allen Seiten mit den verschiedensten Fragen und Auskunftsbegehren. Diese freute sich natürlich, daß es ihr so schnell gelungen, die Leute für den Gartenbau zu begeistern, und ließ es an gutem Rat nie fehlen, wo solcher verlangt wurde. Indessen sah sie ein und äußerte sich gelegentlich darüber, daß es gewiß nicht gut werde, wenn jetzt alles über Hals und Kopf planlos sich auf den Gartenbau stürze, in der Meinung, damit in einigen Jahren reich zu werden; man sollte sich doch vorerst die allernötigsten Kenntnisse verschaffen und erst auf Grund derselben zielbewußt vorgehen.
Der Pfarrer war auch der gleichen Ansicht; er dachte, es müsse etwas geschehen, um einerseits die gegenwärtige Begeisterung nicht unbenützt vorübergehen zu lassen, anderseits aber die Leute vor einem Mißerfolg zu bewahren. Er beriet sich zu diesem Zweck mit einem der Lehrer, von dem er wußte, daß er ebenfalls ein Gartenfreund sei, und dieser meinte, es wäre am besten, in D. einen Gemüsebaukurs abhalten zu lassen, an welchem dann die Leute Gelegenheit hätten, sich über die verschiedenen Fragen klar zu werden und sich grundlegende Kenntnisse zu erwerben, auf denen sie dann ihre Praxis aufzubauen imstande wären. Er selbst wolle sich der Sache annehmen, eine Versammlung im Schulhause einberufen und sehen, was sich dann weiter tun lasse.
Eine solche Versammlung fand dann auch richtig statt, und es ergab sich, daß eine genügende Anzahl von Frauen und Töchtern – sogar einige Männer hatten sich angemeldet – bereit waren, an einem Gartenbaukurs teilzunehmen. Der betreffende Lehrer stellte dann im Namen der Angemeldeten bei der Regierung das Gesuch um Bewilligung eines solchen Kurses, welchem Ansuchen auch gerne entsprochen wurde. Damit war die Angelegenheit einstweilen geregelt und in die richtige Bahn geleitet.
Als im Frühjahr die günstige Zeit herangerückt war, erschien der von der Regierung bestimmte Kursleiter und begann seine Unterweisungen. Er zeigte den Teilnehmern nicht nur, wie man einen Garten anlegen solle, wie man den Boden bearbeite, ihn verbessere und dünge, wie man säen und pflanzen solle, sondern wies auch auf die eigenartigen Verhältnisse in D. hin, Belehrungen anknüpfend, wie man dieselben am geeignetsten ausnützen könne. Er hob besonders hervor, daß es in erster Linie gelte, für die eigenen Bedürfnisse zu sorgen. An den Verkauf könne man erst denken, wenn man durch die Praxis die notwendige Routine erworben habe, welche erforderlich sei, um Gemüse erster Qualität zu ziehen; denn nur mit solchen könne der Verkauf andauernden Erfolg haben. Die Aussichten, daß D. Hauptproduktionsgebiet von Gemüsen für die benachbarten Kurorte werden könne, seien vorhanden. Indessen dürfe man nicht meinen, daß es sofort alle der Blumenliese gleichtun können. Sobald eben mehrere die Sache einander nachmachen, gebe es Konkurrenz; die Preise werden heruntergetrieben, und in einigen Jahren finde alles, daß sich in hiesiger Gegend der Gemüsebau nicht rentiere. Der Gemüsebau zum Verkauf könne, so wie die Verhältnisse liegen, nur dann ein befriedigendes Resultat zeitigen, wenn der Handel richtig organisiert werde, d. h. wenn man ihn genossenschaftlich betreibe. Diese Einrichtung ermögliche es allein, erstens hohe Preise zu erzielen, zweitens große Quantitäten liefern zu können und drittens auch dem kleinsten Gartenbesitzer die Möglichkeit zu bieten, sich am Verkaufe zu beteiligen.
Solche und ähnliche Belehrungen waren geeignet, die Teilnehmer für die Sache zu begeistern. Mit ganz andern Begriffen konnten sie jetzt, als der Kurs beendigt war, die Anlage ihrer Gärten an die Hand nehmen.
Soweit war nun alles so ziemlich im richtigen Geleise. In den neuen Gärtchen keimte und grünte es, daß es eine Freude war. Da und dort war schon der Spinat zum Schneiden groß genug, hie und da sah man schon ziemlich entwickelte Salatköpfe, und in einem Garten streckten schon die Erbsen ihre jungen Schötchen aus den abwelkenden Blüten hervor. Bald kam also der Zeitpunkt, wo man neben Fleisch und Kartoffeln auch etwas »Grünes« auf den Tisch stellen konnte. Die meisten der glücklichen Gartenbesitzerinnen sahen mit einiger Sorge diesem Ereignis entgegen; denn erstens beschlich manche ein banges Gefühl, wenn sie an die Zubereitung der Gemüse dachte. Andere aber fragten sich: »Was werden wohl die Männer dazu sagen?« Diese Sorgen waren berechtigt; denn weil Gemüse in den meisten Haushaltungen in D. etwas neues waren, so hatten die Hausfrauen und Töchter bis jetzt auch keine Gelegenheit gehabt, sich im Kochen der Gemüse zu üben. Den Männern aber steckte der Erfolg im Kopfe, den die Blumenliese mit dem Verkauf ihrer Gemüse erzielte. Als es aber hieß, man müsse vorläufig im eigenen Haushalt den Genuß der Gemüse einführen, da waren sie unzufrieden, und gerade die älteren Männer, welche im Sommer daheim geblieben, waren sehr hartnäckig; denn sie wollten sich in ihren alten Tagen nicht mehr an das »Grünfutter« gewöhnen, wie sie das Gemüse verächtlich nannten.