Es ging indessen alles viel besser als man meinte. Die Blumenliese mußte mit ihren Ratschlägen und Rezepten den mangelnden Kenntnissen in der Kochkunst nachhelfen, und als dann Erbsen, Spinat, Kohlrabi u. s. w. richtig zubereitet auf dem Tisch erschienen, da probierten aus purer Neugierde auch die Männer die bisher unbekannten Speisen, fanden sie zuerst leidlich, dann gut, und hatten bald nichts mehr dagegen einzuwenden, ein Zeichen, daß sie sich schnell daran gewöhnt hatten.
Indessen konnte schon wider Erwarten in diesem ersten Jahre von mancher der neugebackenen Gärtnerinnen ziemlich viel verkauft werden. Die Blumenliese wurde nämlich mit Bestellungen überhäuft und um manchmal einen guten Auftrag nicht zurückweisen zu müssen, kaufte sie da und dort schöne Gemüse zusammen und leitete so einen allgemeinen Gemüseexport aus D. ein.
Der Gemüsebau, den die Blumenliese unter so kleinen Verhältnissen begonnen hatte, nahm nun einen raschen Aufschwung. Schon im folgenden Jahre wurde eine Genossenschaft zum Zwecke des Gemüseversandes in größerem Maßstabe gegründet. Diese Gründung wurde besonders dadurch ermöglicht, daß ein junger, unternehmender Mann, der schon mehrere Jahre die Stelle eines Kontrolleurs in einem Hotel versehen hatte und also genaue Kenntnis, von dem was in einem Hotel gebraucht wird, besaß, die Leitung und den Verkauf der von den Genossenschaftern erzielten Produkte übernahm. Auch die Blumenliese trat dieser Vereinigung bei, und so geht denn in D. bis auf den heutigen Tag der Verkauf sämtlicher Gemüse nur durch eine Hand, nämlich durch die Genossenschaftsleitung. Es kann sich auch die ärmste Frau, die nur ein kleines Gärtchen hat, an dem Versand beteiligen; die einzelne Gartenbesitzerin braucht sich nicht um Absatzgebiete zu kümmern und der Preis wird nicht durch zu große Konkurrenz herabgedrückt.
Als man den großen Erfolg mit dem Gemüsebau sah, blieb man selbstverständlich dabei nicht stehen. Einige Frauen versuchten sich mit Glück in der Nelkenzucht. Ein denkender Bauer dachte, der Obstbau könnte jedenfalls auch noch viel einträglicher gemacht werden, wenn er etwas intensiver betrieben würde. Er bezog aus einer landwirtschaftlichen Bibliothek Bücher, holte sich auch persönlich von Fachleuten Belehrung, verbesserte seinen Baumbestand durch Neupflanzungen und Umpfropfen und brachte dann durch rationelle Düngung und gute Pflege seinen Baumgarten zu so reichen Erträgen, daß ihm viele nachzuahmen begannen.
Jetzt sah man auf einmal ein, daß in D. auf landwirtschaftlichem Gebiet viel mehr zu machen war, als man früher annahm. Mancher, der vielleicht schon seit mehreren Jahren gewöhnt war, seinen Verdienst auswärts zu suchen und noch vor kurzer Zeit gewiß steif und fest behauptet hatte, daß es in D. einfach unmöglich sei, so viel zu verdienen, um anständig leben zu können, fing an ernstlich zu erwägen, ob es vielleicht nicht besser sei, zu Hause zu bleiben und nach irgend einer Richtung hin sich mit der Landwirtschaft abzugeben.
Weil man jetzt anfing, intensiver zu wirtschaften, den alten Schlendrian beiseite zu lassen und nach vollständig neuen Gesichtspunkten zu handeln, so mußten allerlei Verbesserungen die notwendige Folge sein. Die Feldwege wurden verbessert und neue angelegt, durch Kauf und Austausch suchte man die Güter zu arrondieren, und der allgemeine Weidgang wurde abgeschafft.
Freilich lief das alles nicht so glatt ab, und gegen manche Neuerung wurde heftig Opposition gemacht; aber als dann alles glücklich durchgeführt war, sah man allgemein den Nutzen ein. Man fühlte auch das Bedürfnis nach Belehrung in den verschiedenen landwirtschaftlichen Fragen. Es wurde deshalb ein landwirtschaftlicher Lokalverein gegründet, der namentlich im Winter eine regsame Tätigkeit entwickelte. Vorträge und Kurse über die verschiedensten Zweige der Landwirtschaft wurden abgehalten und die Wanderlehrer waren häufige Gäste in D. Zwei Jünglinge besuchten die landwirtschaftliche Schule. Einer war der jüngere Sohn Martins – der ältere war wie sein Vater Zimmermann geworden.
Alle die Veränderungen, die in den letzten Jahren in D. vor sich gegangen waren, wirkten auch günstig auf die moralischen Verhältnisse ein, und wer heute durch die Ortschaft wandert, erhält einen ganz andern Eindruck als früher. Die sauber gehaltenen Gärten, die gesunden, kraftstrotzenden Obstbäume, die blühenden Topfgewächse geben dem Dorf ein freundlicheres Ansehen. Die Männer haben die schweren Arbeiten längst den Frauen abgenommen. Infolgedessen sind sie so beschäftigt, daß sie nicht mehr Zeit haben, alle Tage ins Wirtshaus zu gehen, und geschieht es hie und da, so haben sie auch dort besseres zu tun als Karten zu spielen; denn es gibt öffentliche Angelegenheiten zu besprechen, über wichtige Projekte und Tagesfragen zu verhandeln etc. Die häuslichen Verhältnisse sind angenehmere geworden, und der veredelnde Einfluß eines glücklichen Familienverbandes macht sich immer mehr geltend. Die Auswanderung hat zwar nicht ganz aufgehört, aber sie beschränkt sich auf das richtige Maß. Dafür hat sich ein Stand von tüchtigen Professionisten am Orte gebildet, und die verschiedensten Handwerker aus D. sind auch in den benachbarten Dörfern geschätzt und geachtet.
Der alte Pfarrer, der noch immer in der Gemeinde amtiert, hat seine helle Freude an den Veränderungen, die in seiner Pfarrei vorgehen, und er behauptet steif und fest, daß man das alles nur dem gutem Beispiel der Müllerschen Familie zu verdanken habe, und namentlich die Blumenliese habe den deutlichen Beweis geleistet, wie sehr es auch heutzutage noch auf die Tüchtigkeit einer Frau ankomme. Man dürfe daher nicht außer acht lassen, die heranwachsenden Mädchen auf ihren zukünftigen Beruf vorzubereiten und sie vor allem zu guten Hausfrauen und pflichtgetreuen Müttern zu erziehen.
Martin meint zwar, der Pfarrer übertreibe mit seinem Lob, er und seine Frau hätten sich nicht besonders hervorgetan, sie seien vielmehr stets nur bestrebt gewesen, dafür zu sorgen, daß sie für ihre Verhältnisse möglichst zufrieden und sorgenlos haben leben können. Als ihnen das gelungen, haben es zwar andere nachzumachen gesucht; aber das sei noch lange nicht der Grund zu dem allgemeinen Umschwung gewesen; dieser sei vielmehr bedingt worden durch das Unhaltbare der Zustände, die man gehabt habe. Es habe einsichtige Leute genug gegeben, die Verbesserungen für unabweisbar hielten und sie auch durchführten.