Johannes Wachter, so heißt der jetzige Bauer auf dem Lindenbühl, ist der jüngste Sohn eines sehr vermöglichen Bauern, der einen großen Hof im Kanton Thurgau besitzt.
Weil Johannes sich schon in der Schule durch große Intelligenz und emsigen Fleiß im Lernen auszeichnete, so hätte es sein Vater gerne gesehen, wenn er sich hätte zum Studieren entschließen können. Es hätte dem alten Wachter geschmeichelt, wenn sein Jüngster dereinst Pfarrer, Arzt oder gar Advokat geworden wäre. Johannes wollte indessen davon nichts wissen, und er bat den Vater, ihn nicht in einen Beruf hineinzwingen zu wollen, zu dem er keine Neigung verspüre. »Ich bin bei der Landwirtschaft aufgewachsen,« sagte er, »und möchte auch beim Bauernstand verbleiben. Du hast ja schon oft selbst behauptet, daß ein rechter Bauer auch ein heller Kopf sein müsse; es widerspricht also Deinen eigenen Ansichten, wenn Du mich der Landwirtschaft entfremden willst, nur weil ich zufällig in der Schule etwas weiter voran bin als mancher andere. Schau, solche, die sich dem Studium zuwenden, gibt es schon genug; hingegen wird allenthalben geklagt, daß sich niemand mehr mit der Landwirtschaft abgeben will. Zeige deshalb, daß Du Deinen Beruf hoch hälst, und Deine Söhne das werden lässest, was Du selber bist, nämlich richtige, schlichte Bauern, die zeigen wollen, daß auch heute noch die Scholle ihren Besitzer nährt.«
Vater Wachter war wirklich ein Bauer, der, wie man sagt, mit Leib und Seele an seinem schönen Berufe hing. So konnte er nicht anders als Freude haben an solchen Aeußerungen seines Sohnes, und gerne gab er ihm die Einwilligung, ein Landwirt werden zu dürfen, obwohl er anfänglich der Meinung war, daß es genüge, wenn einer seiner Söhne sich dem Bauernstande widme, um dereinst den Hof übernehmen zu können. Es erfüllte ihn auch stets mit Stolz, daß Franz, sein Aeltester, in dieser Beziehung ganz seinen Wünschen entsprach. Zu Johannes aber sprach er: »Es fällt mir nicht ein, Dich zum Studieren zwingen zu wollen, wenn Du nicht Lust dazu hast, und daß Du gerade so große Neigung verspürst, ein Bauer zu werden, obwohl Dir im ganzen auch die Leiden und Unannehmlichkeiten, die dieser Stand mit sich bringt, bekannt sind, das freut mich; denn es gibt mir den Beweis, daß es Dir ernst ist mit Deiner Wahl. Wenn ich nun endgiltig Deiner Bitte Gehör schenke, so mußt Du mir auch versprechen, daß Du alles daran setzen willst, in allen Teilen ein rechter Bauer zu werden. Die heutige Zeit erfordert für unsern Beruf ganze Männer, die über ein vollgerütteltes Maß von Kenntnissen verfügen und dieselben mit Fleiß und Energie stets am rechten Orte anzuwenden wissen. Werde aber nicht nur ein rechter Bauer, sondern im ganzen ein guter, rechtschaffener Mensch; erfülle stets getreulich Deine Pflichten in der Familie, in der Gemeinde und im Staate. Es ist ein schwerer Irrtum, wenn mancher Bauer glaubt, er habe nur auf sich selbst zu schauen, die Interessen anderer aber gehen ihn nichts an. Manche schöne Ziele der Landwirtschaft lassen sich eben nur gemeinsam erreichen. Zeige deshalb stets einen gemeinnützigen und genossenschaftlichen Sinn und bedenke, daß Du, indem Du andern hilfst, Dir selbst auch Hilfe sicherst. Halte nie mit Erfahrungen und Beobachtungen hinter dem Berg; denn indem Du andere belehrst, arbeitest Du an der Hebung des bäuerlichen Berufes und kommst so selbst auf eine höhere Stufe. Auf politischem Gebiete verfechte stets die Sache der Landwirtschaft und halte treu zu ihrer Fahne; vertraue unsern Führern, sie meinen es gut und wissen, wo die Bauern der Schuh drückt. Mehr will ich Dir heute nicht sagen; es wird noch oft genug Gelegenheit geben, wo Dir meine väterlichen Ermahnungen und Winke nützlich sein können.«
Es wurde nun einstweilen nicht mehr viel über die Sache gesprochen, und Vater und Sohn betrachteten die Angelegenheit als endgiltig beschlossen.
Als Johannes die Realschule seines Heimatortes absolviert hatte, verblieb er vorerst im väterlichen Hause, um unter Anleitung seines Vaters die wichtigsten landwirtschaftlichen Arbeiten gründlich kennen zu lernen. Diese grundlegende Praxis – so meinte Vater Wachter – sei notwendig, um mit Erfolg eine landwirtschaftliche Winterschule besuchen zu können.
»Ich halte nicht viel davon,« sagte er zu Johannes, »wenn Bürschchen, welche den Ernst der Arbeit noch nicht kennen, in solche Schulen eintreten. Auch den eifrigsten und fleißigsten dieser jungen Schüler wird es an dem notwendigen Verständnis für die theoretischen Wissenschaften fehlen, und sie werden nur zu oft geneigt sein, manches für nebensächlich und weniger notwendig zu halten, was doch für eine der heutigen Zeit entsprechende Praxis von großer Wichtigkeit ist. Die theoretische Bildung eines Landwirtes ist heutzutage von so großer Bedeutung, daß man sich ihr mit vollem Eifer widmen muß, und das kann nach meiner Ansicht nur dann geschehen, wenn man den Ernst des Lebens schon kennt. Lerne deshalb erst praktisch arbeiten, und Du wirst sehen, daß Du dann Deine Lehrer viel besser verstehen kannst, weil Du einsiehst, wie wichtig ihre Lehren für Deine spätere Praxis sind.«
Johannes sah ein, daß sein Vater recht hatte. Er gab sich Mühe, alle Arbeiten, die man ihm auftrug, richtig auszuführen und sich Uebung zu verschaffen. Oft genug kam es freilich vor, daß ihm selbst einfache Hantierungen nicht gelingen wollten. Da hieß es dann probieren, bis es ging. Bei solchen Gelegenheiten trat dann oft der Vater hinzu und machte ihn auf diesen oder jenen Vorteil aufmerksam, mit dem die Sache angefaßt werden mußte, und auf dessen Anwendung oft genug das Gelingen beruhte. Der alte Wachter bestand überhaupt darauf, daß alles gründlich gemacht wurde, und duldete auch bei seinen Söhnen nicht, daß sie über Ungenauigkeiten einfach hinweggingen. So sprach er einmal ermahnend zu Johannes:
»Schau, Du mußt Dich von Anfang an schon daran gewöhnen, alles recht zu machen. Halbe Arbeit ist keine Arbeit. Weil Du dieses oder jenes erst lernen mußt, wirst Du längere Zeit dazu gebrauchen; das schadet jedoch nichts, wenn's nur schließlich recht herauskommt. Ein großer Fehler aber wäre es, wenn Du schnell über eine Arbeit hinweg hasten würdest, nur um sie so schnell zu Ende zu führen wie ein geübter Knecht. Der Wert der Arbeit eines Lernenden liegt nicht in der Quantität, sondern in der Qualität. Wer sich das Pfuschen einmal angewöhnt, der bleibt sein Leben lang ein Pfuscher; ein solcher aber taugt in der Landwirtschaft so wenig als in jedem andern Beruf.«
Solche und ähnliche Ermahnungen und Lehren erteilte der Vater seinem Sohne stets, wenn sie miteinander arbeiteten oder am Sonntag einen Spaziergang durch Wald und Flur machten, und der Samen solcher Unterweisungen fiel bei Johannes auf einen fruchtbaren Boden. Er gewöhnte sich unter der väterlichen Leitung daran, über jede Arbeit nachzudenken und nicht nur mechanisch in den Tag hinein zu arbeiten. Wer ihm bei der Arbeit zusah, der merkte gleich, daß er mit Lust und Liebe dabei war, und mußte sich sagen, daß er das Zeug habe, um dereinst ein tüchtiger Bauer zu werden.
So waren denn zwei Jahre verstrichen und Johannes hatte in dieser Zeit in den meisten landwirtschaftlichen Arbeiten eine derartige Fertigkeit erlangt, daß er es bald mit einem tüchtigen Knecht aufnehmen konnte. Der Vater meinte, es wäre jetzt an der Zeit, daß sein Sohn eine landwirtschaftliche Winterschule besuche, und Johannes war mit Freuden dazu bereit.