Weil sein älterer Bruder schon früher die gleiche Schule besucht hatte, in die auch er nun eintreten sollte, so wußte er im großen und ganzen schon, wie es in einer solchen Anstalt zugeht; trotzdem aber fand er sich bei seinem Eintritt wie in einer fremden Welt. In gar vielen Sachen, in denen er zu Haus seine Eltern hatte sorgen lassen, fand er sich jetzt auf sich selbst angewiesen. Das Internat, die strenge Disziplin und Hausordnung, die pünktlich nach Minuten abgemessene Zeiteinteilung, die ganz andere Kost u. s. w. waren alles Dinge, die ihm ganz ungewohnt vorkamen. Johannes hatte sich indessen von Anfang an vorgenommen, sich in alles zu fügen, eingedenk des Sprichwortes: »Lehrjahre sind keine Herrenjahre«. Er war sich wohl bewußt, daß er noch vieles über sich ergehen lassen müsse, bis er ein rechter Bauer sei und selbständig nach eigenem Gutdünken schalten und walten könne.

So hatten denn der Direktor und die Lehrer an dem jungen Wachter einen willigen und gehorsamen Schüler, der sich ohne Murren in alles fügte und bald als Muster und Vorbild für die andern Schüler gelten konnte. Weil er einer der ältesten Schüler seiner Klasse war, sich durch seine großen Fähigkeiten und ein männliches Auftreten auszeichnete, so errang er sich, ohne daß er es eigentlich wollte, eine gewisse Autorität über seine Mitschüler und übte einen vorteilhaften Einfluß auf dieselben aus.

Johannes wollte die Zeit, die er in der Schule zu verbringen hatte, so gut als möglich ausnützen; er betrachtete deshalb das Lernen nicht als eine Last, sondern als ein wichtiges Mittel, sich zum brauchbaren Landwirt auszubilden.

Schon durch das, was im ersten Winterhalbjahr im Unterricht geboten wurde, lernte er die Landwirtschaft von einer neuen Seite kennen, und als er nach wohlbestandenem Examen zunächst wieder auf das väterliche Gut zurückkehrte, schaute er alles mit ganz andern Augen an.

Unter fleißiger Arbeit verstrich der Sommer rasch, und Johannes freute sich, bald wieder in die Schule zurückkehren und das Studium von neuem aufnehmen zu können.

Der zweite Lehrkursus wurde mit dem gleichen Eifer absolviert wie der erste, und ausgerüstet mit einem guten Zeugnis und dem Abgangsdiplom der Schule, begleitet von den Glückwünschen des Direktors und der Lehrer, konnte der junge Wachter hinaustreten ins praktische Leben, um seine erworbenen Kenntnisse zu seinem Lebensunterhalte zu verwerten.

Sein Vater und auch der Direktor waren der Ansicht, daß es Johannes bei seiner Tüchtigkeit wohl wagen dürfe, irgend eine Stelle als Oberknecht oder Werkführer anzunehmen; doch Johannes wollte davon nichts wissen. Er meinte, es sei besser als einfacher Knecht anzufangen; denn um dereinst Dienstboten richtig behandeln und befehligen zu können, müsse er selbst ein solcher gewesen sein. Er habe sich vorgenommen, in allen Teilen ein richtiger Bauer zu werden, und da sei es notwendig, unten anzufangen. Seine Kenntnisse könne er als Knecht auch wohl gebrauchen, man klage ja immer über großen Mangel an tüchtigen Dienstboten.

So arbeitete denn der energische junge Landwirt in verschiedenen größeren und kleineren Betrieben mehrere Jahre als Knecht und lernte gar mancherlei Verhältnisse kennen. Mit eisernem Fleiß tat er überall seine Pflicht, freute sich am Angenehmen und fügte sich dem unabweisbaren Unangenehmen, das er sehr oft auch zu kosten bekam. Er merkte gar bald, daß wenn die Dienstbotenfrage in günstigem Sinne gelöst werden solle, auch von seiten der Arbeitgeber manche Reformen durchgeführt werden müssen, und nahm sich vor, darnach zu handeln, wenn er erst sein eigener Herr geworden sei.

Zuletzt diente Johannes auf einem großen Gute, dem ein Verwalter vorstand, der ein sehr tüchtiger Mann, aber etwas kränklich war und oft Mühe hatte, seinen Pflichten in vollem Umfange nachzukommen. Der Besitzer, der nur kurze Zeit des Jahres auf dem Gute anwesend war, wollte seinen treuen Beamten schonen und bevollmächtigte ihn, eine tüchtige Kraft zu seiner Unterstützung anzustellen. Als daher der Verwalter auf die Fähigkeiten seines Knechtes Wachter aufmerksam wurde, erhob er denselben zum Unterverwalter und stellte namentlich die ganze Feldwirtschaft unter seine Aufsicht.

Jetzt zeigte es sich, daß Johannes nicht nur gelernt hatte zu gehorchen, sondern wenn es sein mußte, auch zu befehlen verstand. Die Knechte und Taglöhner stellten sich willig unter seinen Befehl, weil er nicht mit Stolz und Ueberhebung auf sie herabsah und nicht nur Pflichten von ihnen verlangte, sondern ihnen auch diejenigen Rechte einräumte, die jeder Arbeiter von seite seines Arbeitgebers verlangen darf. Weil jeder das Gefühl hatte, daß das was man ihnen befahl, auch wirklich das Richtige sei, so wurde es auch ausgeführt ohne Widerrede und Murren.