Johannes hatte in seinen neuen Anhängern Leute gefunden, die von ernstlichem Streben beseelt waren. Es waren durchwegs kleinere Bauern, aber vollständig unabhängig, so daß sie es nicht nötig hatten, sich am Gängelbande der Großen führen zu lassen. Sie erkannten gar bald, daß Wachter ein Mann sei, dem man vertrauen könne und der es gut mit ihnen meine. Die Diskussionsabende auf dem Lindenbühl wurden fleißig besucht und es begann ein ruhiges, aber zielbewußtes Arbeiten, dessen Früchte nicht ausblieben.
Die Hauptaufgabe des kleinen Klubs mußte vorerst darin bestehen, in ihren eigenen Betrieben Verbesserungen durchzuführen. An große öffentliche Fragen durften sie ja nicht herantreten. Mit kluger Berechnung blieben sie überhaupt allen großen Projekten fern. Sie sagten sich, daß sie nicht zu viel wollen dürfen; denn Mißerfolge könnten auch sie entmutigen und dann wäre alles verloren. Johannes belehrte bei den Zusammenkünften die Leute, wie sie durch eine rationelle Düngerwirtschaft ihre Güter ertragreicher machen können, wie sie auch mit dem kleinsten haushalten sollen und wie sie selbst noch aus allen Abfallstoffen, die sie bis jetzt nicht zu beachten gewohnt waren, noch Nutzen zu ziehen vermögen. Er zeigte ihnen, wie sie durch richtige Zeiteinteilung und strenge Ordnung in allen Dingen den Betrieb vereinfachen und müheloser gestalten können. Durch gemeinsamen Bezug von Kunstdünger, Sämereien, Futtermitteln u. s. w. verringerten sie ihre Auslagen, schützten sich vor Betrug und sicherten sich bessere Qualitäten. Zufällig hatte man gerade ein sehr gesegnetes Obstjahr, da legten sie die auf rationelle Art geernteten und sortierten Früchte zu gemeinschaftlichem Verkauf zusammen und erzielten, dank der guten Verbindungen, die Johannes hatte, viel höhere Preise, als die andern Bauern. Auf diese Weise ist es erklärlich, daß jeder schon im ersten Jahr einen großen Nutzen aus der zwanglosen Vereinigung davontrug. Das merkten jetzt natürlich auch die andern Bauern und manchen reute es, daß er an jenem Abend der Versammlung ferngeblieben war.
Wachter mußte sich sagen, daß er sehr viel erreicht habe, vielleicht sogar mehr, als wenn vor einem Jahr der Verein wirklich zustande gekommen wäre; denn »viel' Köpf', viel' Sinn'«. Bei einem größeren Verein hätte es gewiß auch solche gegeben, die der Sache zum mindesten nicht förderlich gewesen wären, oder gar als Radschuh am Fortschrittswagen figuriert hätten.
Es darf nun hier nicht verschwiegen werden, daß unterdessen auch Frau Marie nicht untätig geblieben war. Als treue Bundesgenossin ihres Mannes hatte sie seine Bestrebungen zu den ihrigen gemacht, und hatte jener bei den Männern Erfolge aufzuweisen gehabt, so konnte sie sich rühmen, dasselbe bei den Frauen erreicht zu haben.
War der Lindenbühl für die sechs Männer der Versammlungsort und der Mittelpunkt ihres Wirkens geworden, so ist es fast selbstverständlich, daß auch ihre Frauen hie und da dort verkehrten. Auch sie wollten etwas lernen, und Marie erteilte gerne Rat, wo sie konnte. Bald hatte sie Fragen zu beantworten die Küche betreffend, bald bildete die Milchwirtschaft den Mittelpunkt der Besprechung, oder es kam das Kapitel Hühnerzucht zur Erörterung, und als der Frühling herankam, trat die Gartenwirtschaft in den Vordergrund. Auf allen diesen Gebieten war ja Frau Wachter vollständig zu Hause und in aller Bescheidenheit erteilte sie Auskunft, ohne mit ihren Kenntnissen zu prahlen.
Bald genug wußte man im Dorfe auch noch von einer andern Tätigkeit Mariens zu erzählen, die sich ganz im stillen abspielte. Ihr gutes Herz und ihr Wohltätigkeitssinn trieben sie, die Not und das Elend zu mindern, wo sie es antraf. Hier sah man sie mit wohlgefüllter Schürze in die Hütte einer armen Wöchnerin eintreten, dort stand sie am Bette eines Schwerkranken, tröstend und helfend, wo sie konnte. Der Arzt und der Pfarrer wußten ihre Dienste und aufopfernde Mitarbeit dankbar zu schätzen, und manche genesende Person segnete das stille Walten, das vom Lindenbühl ausging. Lange bevor Johannes mit seinen Fortschrittsideen bei den Männern durchgedrungen war, zollte man seiner Frau allgemeine Achtung und Verehrung.
Hie und da kam Vater Wachter auf Besuch, um zu sehen, wie sein Sohn wirtschafte, und er konnte sich nicht genug wundern, was Johannes in den wenigen Jahren aus dem vernachlässigten Gute gemacht hatte. Er mußte bekennen, daß sein Sohn sein Wort gehalten und ein rechter Bauer geworden sei. Die sorgfältig geführten Bücher ergaben aber auch, daß die Rendite mit dem äußeren Ansehen des Hofes im Einklang stand. Mit Stolz erfüllte es ihn, als er hörte, wie, von seinem Sohne ausgehend, eine Hebung der allgemeinen landwirtschaftlichen Zustände in Haldenburg angestrebt wurde, und er prophezeite Johannes gerade in dieser Hinsicht noch einen besondern Erfolg. Er meinte, so hartgesottene Anhänger des Althergebrachten können diese Bauern doch nicht sein, daß sie nicht merken sollten, daß diese wohlgepflegten Wiesen nicht mehr und besseres Futter liefern, als die schlechten daneben; daß diese glatthaarigen, wohlgeformten und gutgenährten Kühe nicht leistungsfähiger seien und auf dem Markte einen größeren Wert repräsentieren, als andere mit allen möglichen Fehlern behaftete, und daß diese kraftstrotzenden, sauber in Ordnung gehaltenen Obstbäume nicht einen weit größeren Nutzen abzuwerfen imstande seien, als jene Serblinge, die über und über mit Schmarotzern bedeckt seien. Wenn sie es aber sehen, so müsse der erste Schritt der sein, daß sie es auch so haben wollen.
Wie recht der alte Wachter mit seiner Voraussage hatte, zeigte sich in der Tat immer mehr. Die Sticheleien, denen Johannes und seine sechs Anhänger im Anfang ausgesetzt waren, hörten nach und nach auf. Man gewöhnte sich daran, sie ihren eigenen Weg gehen zu sehen, und ließ sie gewähren. Als dann aber so nach und nach die Erfolge ihres veränderten Vorgehens sich bemerkbar machten, wurde mancher stutzig und fing an zu fragen, was die Ursache dieser oder jener Erscheinung sei. Bereitwilligst wurde natürlich immer Auskunft gegeben, und gewöhnlich tat man bei solchen Erörterungen auch des Lindenbühls Erwähnung, als Ausgangspunkt der verschiedenen Anregungen und Belehrungen. So begannen denn die Haldenburger Bauern doch einzusehen, daß man die Ansichten Johannes' etwas mehr beachten müsse; denn es seien eben unzweideutige Beweise vorhanden, daß er mit seiner Methode zu ganz andern Resultaten gelange, als sie mit ihrem alten System. Verfehlt wäre es jedoch, zu glauben, daß diese guten Leute jetzt ihren Irrtum und ihr Unrecht offen bekannt hätten. Nein, nur zu hinterst in ihrem Gewissen begann das Gefühl, nicht ganz im Recht zu sein, langsam aufzutauchen. Aber noch ein anderes Gefühl machte sich geltend, und das war der Neid. Diese beiden Regungen hielten sich eine Zeitlang die Wage und ließen einander nicht vorwärts kommen. Zuletzt zeigte sich aber doch der Neid als stärker, und namentlich als man sah, daß Johannes nicht zürnte, sondern gerne jedem Bescheid gab, der sich an ihn wandte, wollte jeder so viel als möglich von seinen Kenntnissen profitieren.
Manche der vielen wichtigen Fragen, die da zu erörtern waren, ließen sich indessen nicht nur so im Vorbeigehen behandeln, und man sah ein, daß da größere Zusammenkünfte nötig wären. Immer häufiger sprach man deshalb wieder von dem Projekt einer landwirtschaftlichen Vereinigung und bedauerte lebhaft, daß man das vorige Jahr der Sache so feindselig begegnet sei. Indessen ließe sich vielleicht auf die Angelegenheit zurückkommen. Und als sich einmal eine günstige Gelegenheit bot, frug einer den Johannes, wie es eigentlich mit der Gründung eines landwirtschaftlichen Vereins stehe, ob er nicht glaube, daß man noch einmal einen Versuch wagen sollte, das Entgegenkommen werde jetzt gewiß ein besseres sein, als das erste Mal.
Johannes wollte aber zuerst nichts mehr davon wissen, er sagte: »Ich habe an einer Niederlage gerade genug und bin nicht nach Haldenburg gekommen, um mich öffentlich zum Narren halten zu lassen. Ich hatte lediglich Euer Wohl im Auge, als ich vor einem Jahr die erste Versammlung einberief. Statt dieses anzuerkennen, hat man mich sogar noch schlechter Absichten geziehen, und nun soll ich mich dieser Gefahr von neuem aussetzen?«