Mein Ideal wäre es nun gewesen, Gaishirt zu werden; denn die Berge und die grünen Alpen zogen mich mächtig an. So jeden Tag mit der Herde ausziehen zu dürfen und frei mich herumtummeln zu können, das wäre für mich das damalige Endziel meiner Wünsche gewesen. Aber erstens war ich dazu noch zu jung und zweitens brauchte man eben nur einen Ziegenhirten; der Bewerber waren aber viele. Es mußte also eine andere Verdienstquelle für mich gefunden werden, und ich konnte mich schon als kleiner Knabe darin üben, meinen eigenen Wünschen zu entsagen.

Zu jener Zeit war noch die Schwabengängerei stark im Schwunge, und jedes Frühjahr zogen ganze Karawanen von noch schulpflichtigen Knaben hinaus ins Württembergische und ins Baierische, um sich für den Sommer auf die dortigen Bauernhöfe zu verdingen und durch Viehhüten und andere leichte Arbeiten, wenn auch nicht gerade viel Geld, so doch Unterhalt und Kleider zu verdienen.

Oft hatte ich von den größeren Knaben, die schon einen oder mehrere Sommer im Schwabenlande gewesen waren, erzählen gehört, wie schön es dort sei, wie man gar nicht so streng zu arbeiten brauche und was für gute Sachen man zu essen bekomme etc. Diese kleinen Auswanderer machten es eben damals schon, wie es heute die großen auch noch machen: sie erzählten nur das Gute, das sie im fremden Lande erlebt, aber von dem Trüben, das sie durchzumachen hatten, und das sie die Fremde oft schwer ertragen ließ, sagten sie kein Sterbenswörtchen. So ist es denn sehr leicht begreiflich, daß ich mich für die Schwabengängerei begeisterte, als ich sah, daß ich einstweilen darauf verzichten mußte, Ziegenhirt zu werden. Ich bat deshalb meine Eltern, mich im Frühjahr ebenfalls mit den andern Knaben ziehen zu lassen, und nach langem Erwägen und Hinundherraten mit den Nachbarn erhielt ich auch die Einwilligung dazu.

Als der Tag der Abreise gekommen war, da überkam mich ein sonderbar banges Gefühl. Während ich vorher kaum diesen Tag glaubte erwarten zu können, fiel es mir nun auf einmal sehr schwer, meine Eltern und Geschwister, meine Heimat und alles, was mit ihr verflochten war, zu verlassen und hinauszuziehen in ein fremdes Land, unter fremde Menschen, einem ungewissen Geschick entgegen, das je nach den Umständen ebensowohl ein herbes, als ein freundliches sein konnte. Hätte nur jemand versucht, mich zum Dableiben zu bestimmen, wie gerne hätte ich gefolgt! Aber niemand sprach dieses Wörtchen und ich wollte mich tapfer zeigen und niemanden es merken lassen, wie es in meinem Innern aussah. Keine Träne wollte ich vergießen; denn alles sollte glauben, daß es mir nicht an dem nötigen Mute fehle, um in die Fremde zu gehen; doch als die Mutter mich schluchzend zum Abschied in die Arme schloß und mir das Versprechen abnahm, unter allen Umständen brav, treu und ehrlich zu bleiben, da rannen auch mir dicke Tropfen über die Wangen herunter. Mit halberstickter Stimme versprach ich den Eltern, auch in der Fremde an sie denken zu wollen und mich so aufzuführen, daß ich in Ehren im Herbst wieder zurückkehren könne. Dann riß ich mich los und eilte, ohne mich umzusehen, den andern nach, die schon ein Stück voraus waren.

Wir waren eine Truppe von sechzehn Knaben im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren, unter Führung eines alten Mannes, der schon viele Sommer hintereinander draußen am gleichen Platze arbeitete, im Frühjahr immer eine Anzahl Knaben mitnahm und sie im Herbste auch wieder zurückbrachte.

Die Reise wurde natürlich vollständig zu Fuß ausgeführt und ging über Chur und die Luzisteig hinein ins Liechtensteinische, dann durchs Vorarlberg hinunter nach Bregenz und Lindau und von dort nach Ravensburg. In letztgenannter Stadt mußten wir an einem bestimmten Tage eintreffen, an welchem, wie das zu jener Zeit alle Jahre üblich war, der sogenannte Gesindemarkt abgehalten wurde. Auf diesen Märkten boten sich Dienstboten jeglicher Art den Bauern zum Verding an, und es ging da oft an ein Feilschen, an ein Herausstreichen und Heruntermachen, ärger als an unsern heutigen Viehmärkten.

Unser Führer hatte uns schon unterwegs instruiert, wie wir uns auf diesem Markte zu benehmen hätten, um einen guten Platz zu bekommen, und weil namentlich wir Neulinge uns noch nicht für unser Interesse zu wehren imstande waren, so versprach er, so gut als möglich für uns einzustehen. Wir machten auch aus, an welchem Ort und an welchem Tage wir uns im Herbste wieder treffen sollten zum Zwecke der gemeinschaftlichen Heimreise. Der gute Alte, dem an unserem Wohlergehen viel gelegen war, und der sich in väterlicher Weise um uns annahm, nannte uns dann noch seinen Aufenthaltsort während des Sommers, damit sich ein jeder an ihn wenden könne, wenn er eines Beistandes bedürfe. So betraten wir denn ohne Furcht den Markt und harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Wir kamen etwas spät auf dem Marktplatze an, und die Geschäfte waren schon im Gange. Es schien aber, daß viele Bauern auf das Erscheinen unseres Führers gewartet hatten; denn wir waren bald umringt, und viele schüttelten dem Alten als einem guten Bekannten die Hände, ihn fragend, wie es ihm gehe und was er gutes mitbringe. In kaum einer Stunde waren denn auch schon 14 von uns versorgt und nur noch ich und ein anderer blieben zurück, weil wir anscheinend die schwächsten waren. Ich speziell war etwas hoch aufgeschossen und dabei schmächtig und bleich, niemand erkannte in mir den zähen Burschen, der ich in Wirklichkeit war. Es begann mir schon der Mut zu sinken, und ich glaubte, daß mich niemand annehmen wolle, doch der Alte machte uns darauf aufmerksam, daß viele, die er kenne, noch gar nicht erschienen seien und also noch lange keine Veranlassung dazu da sei, zu glauben, wir bekommen keinen Platz; er wolle einmal ein wenig Umschau halten und wir sollen nur ruhig warten, bis er wieder komme. Bald kehrte er auch in Begleitung eines uns freundlich anblickenden Mannes zurück, der nach kurzer Unterhandlung geneigt war, uns anzunehmen. So hatten also auch wir einen Meister, oder wie man das draußen kurzweg nennt, einen »Bauer«, gefunden. Wir dankten unserem Führer und verabschiedeten uns von ihm, dann folgten wir unserem Bauern ins Wirtshaus, wo er sein Gefährt eingestellt hatte. Dort erhielten wir zunächst etwas zu essen, was wir auch wirklich nötig hatten; denn wir waren unterdessen hungrig geworden. Nachher wurde eingespannt und wir fuhren dem zwei Stunden von Ravensburg entfernten Schachenhof zu, wie das Besitztum unseres Bauern hieß.

Als wir gegen Abend dort anlangten, empfing uns die Bäuerin, die uns eine Kammer anwies, unsere Habseligkeiten durchmusterte und alles in einen kleinen Kasten einräumte, den sie uns zur Verfügung gestellt hatte zum gemeinsamen Gebrauch.

Eine Beschreibung des prächtigen Hofgutes, welches nun unsern Aufenthaltsort und unser Tätigkeitsfeld ausmachte, will ich unterlassen. Die großen Bauernhöfe in jener Gegend gleichen sich, was die Art der Bewirtschaftung anbelangt, ja wie ein Ei dem andern. Die Hauptsache war zu jener Zeit immer der Getreidebau; auch Hopfen wurde schon angebaut, wenn auch noch lange nicht in dem Umfange wie heute. Daneben spielte auch die Viehzucht eine Rolle, und auf jedem Hof war eine mehr oder weniger zahlreiche Gänseherde vorhanden. Der Unterschied war aber vorhanden, daß das eine Gut sich vor dem andern durch rationelleren Betrieb hervortat; der eine Besitzer wirtschaftete gut, der andere schlecht. Das war damals schon so, wie es auch heute noch ist. Der Schachenhof nun war eine Musterwirtschaft in jeder Beziehung und wir hatten es also sehr gut getroffen. Wir mußten ja alle Arbeit erst lernen und waren also gewissermaßen nichts anderes als Lehrjungen, und lernen kann man, wie bekannt, da am meisten, wo jede Verrichtung, wenn sie an und für sich auch noch so gering ist, mustergiltig ausgeführt wird. Wir mußten nun aber nicht nur die Arbeit lernen, sondern auch die Sprache; denn die paar Brocken Deutsch, welche wir verstanden, reichten nicht weit. Da brauchte es Geduld von seite unserer Dienstherrschaft und großen Fleiß unsererseits, um sich möglichst schnell in alles hineinzufinden. Weil alles mit uns freundlich war und niemand mehr von uns verlangte, als wir wirklich leisten konnten, so verrichteten auch wir unsere Arbeiten mit Lust und Liebe und setzten alles daran, die Zufriedenheit der Meistersleute und der Nebendienstboten zu erwerben. Es gelang uns dies auch, und wir sahen alle Tage besser ein, daß es ein Glück für uns gewesen sei, gerade hier einen Platz gefunden zu haben.