Meinem Kameraden war die Stelle eines Gänsehirten zugefallen, er hatte sich den ganzen Sommer fast ausschließlich mit diesem Federvieh abzugeben. Das war keine schwere Arbeit, und das Gänsehüten bietet einem Knaben Gelegenheit, dabei faul und gedankenlos zu werden. Der Schachenbauer aber wußte es einzurichten, daß eine gewisse Verantwortlichkeit mit dem Hirtenstand verbunden war. Der Stall mußte immer sauber sein, er mußte pünktlich geschlossen werden, die Futterrationen waren genau einzuhalten, er belehrte den Hirten über den Wert der Tiere, so daß die Arbeiten nicht nur mechanisch verrichtet wurden, sondern man dabei auch unwillkürlich an etwas denken mußte, was den Zweck der Arbeit betraf. Mein Genosse entwickelte einen wahren Eifer, um seinen Pflichten so gut als möglich nachzukommen. Die Bäuerin – zu deren Departement eigentlich die Gänse, sowie sämtliches Geflügel gehörte – belohnte denn auch seinen Fleiß mit manchem Geschenk.

Etwas schwierigerer Natur waren die Obliegenheiten, die mir zufielen; denn ich hatte namentlich im Anfang keine bestimmte Beschäftigung, sondern wurde bald diesem, bald jenem Betriebszweige zugeteilt. Zuerst kam die Bestellung der Felder; da mußte ich dem Ackerknecht die Mähne treiben (beim Pflügen die Zugochsen führen). Dann kam die Heuernte und namentlich die Ernte des Getreides, welche für alle harte Arbeit im Gefolge hatten; da gab es die verschiedensten Arbeiten, die meinen jungen Armen zugemutet wurden. Doch mir war nichts zu viel, sah ich doch, daß alle andern ohne Murren, jeder an seiner Stelle, sich ihrer schweren Aufgaben entledigten. Nachdem dann die Erntearbeiten vorüber waren, kamen auch für mich bessere Zeiten, indem nun das Vieh auf die Weide getrieben und meiner Obhut anvertraut wurde. So ging es nun fort, bis die kalten Herbsttage sich einstellten, die Weide anfing, spärlich zu werden, und das Vieh wieder im Stall gefüttert wurde. Es rückte nun die Zeit heran, wo wir wieder nach unserer Heimat zurückkehren sollten.

Das Heimweh nach unsern Eltern, nach unserem schönen Heimattal und namentlich nach unsern Bergen war den ganzen Sommer in unsern jungen Herzen wach geblieben, und wenn bei klarem Wetter die schneeigen Häupter unserer Schweizerberge herübergrüßten, so weilten wir in Gedanken dort, wo auf grünem Bergeshang die Alpenrosen blühen und der Hirten Jauchzen von der Felswand widerhallt, wo der Bergbach tosend von Fels zu Fels stürzt, bis er sich mit dem Fluß vereinigt, der durch die enge Schlucht sich zwängt. Das ist das Schweizerheimweh, das sich nicht beschreiben, sondern nur empfinden läßt.

Durch die gute Behandlung, welche uns zu teil wurde, hatte man uns diese Sehnsucht nach der Heimat so erträglich als möglich gemacht, so daß, als es zum Abschiednehmen kam, ein fast schmerzliches Gefühl sich mischte mit der Freude, die Heimat wieder sehen zu dürfen. Wir schieden mit innigem Danke von den Leuten, die uns so viel Gutes erwiesen hatten.

Der Bauer hatte uns ein gutes Zeugnis ausgestellt und versprach, uns entsprechend mehr Lohn zu geben, wenn wir im Frühling wieder in seinen Dienst treten wollten. Er sagte, es sei ihm darum zu tun, die gleichen Leute länger zu behalten, und da er gesehen habe, daß wir anstellige Burschen seien, so können wir sogar auch im Winter bei ihm bleiben; wir hätten dann Gelegenheit, die Dorfschule zu besuchen und auf diese Weise perfekt deutsch zu lernen. Daneben gebe es allerlei leichte Verrichtungen, die von uns gut ausgeführt werden könnten. Wir sollen dieserthalben mit unsern Eltern sprechen und, wenn sie zufrieden seien, sein Angebot annehmen.

Unser Lohn bestand aus doppelter Kleidung und 10 Gulden. Als wir alles in Empfang genommen und samt dem, was wir von der Bäuerin noch für die Wegzehrung und für die Eltern und Geschwister zugesteckt erhielten, in unsern Reisesäcken eingepackt hatten, waren wir reisefertig. Bis nach Ravensburg brachte uns der Bauer mit seinem Gefährt, dort trafen wir wieder mit unserm Führer und den andern Schwabengängern zusammen, und auf gleiche Weise, wie wir gekommen – mit dem einzigen Unterschied, daß wir lustiger waren und auf dem Marsche mehr Ausdauer zeigten, trotzdem unsere Säcke mehr drückten – ging es nun der lieben Heimat zu.

Das war mein erstes Lehrjahr als Bauernknecht, und wenn ich es etwas ausführlich geschildert habe, so bitte ich das zu entschuldigen; denn dieses erste Jahr war grundlegend für mein ganzes späteres Leben. Nicht alle, welche von unsern Hochtälern hinauszogen über den Bodensee, waren so glücklich wie mein Kamerad und ich; denn gar viele Bauern waren nur darauf bedacht, die armen Schweizerknaben so gut als möglich auszunützen, nicht im entferntesten kam es ihnen in den Sinn, auch erzieherisch auf die jungen Herzen einzuwirken und dazu beizutragen, sie zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Heute noch preise ich die Vorsehung, daß sie mich in den Dienst des Schachenhofbauers geführt hatte; denn daß ich ein rechter Mensch und brauchbarer Bauernknecht geworden bin, das habe ich fast einzig jenem Manne zu verdanken.

Meine Eltern waren natürlich sehr erfreut, daß es mir so gut ergangen im Schwabenland, und sie hatten nichts dagegen einzuwenden, daß ich mich zum zweitenmal auf den Schachenhof verdinge; auch war es ihnen recht, daß ich im Winter dort bleibe und die Schule besuche. Mein Genosse vom letzten Jahre war unterdessen mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert und lebt heute noch als glücklicher Besitzer einer Farm in Kansas. So schloß ich mich denn im Frühjahr allein der ausziehenden Schar der Schwabengänger an und kam glücklich wieder im Schachenhof an, wo man über mein Kommen sehr erfreut war.

Es würde mich nun viel zu weit führen, wenn ich alle meine ferneren Erlebnisse auf diesem Hof schildern wollte. Wenn ich mitteile, daß ich volle 16 Jahre dort blieb und mich vom Küherbub nach und nach zum Oberknecht aufschwang, so mag das genügen. Hingegen kann ich nicht unterlassen, etwas näher einzugehen auf das Leben und Treiben, das auf diesem Bauernhofe herrschte, und auf das Verhältnis zwischen der Herrschaft und den Dienstboten.

Wer auf den Hof kam, dem mußte vor allen Dingen die peinliche Ordnung und Sauberkeit auffallen, die allenthalben, selbst in dem entlegensten Winkel, sich bemerkbar machte. Die Gebäude und alle Einrichtungen waren zwar sehr einfach, von behäbigem Luxus oder gar protziger Zurschaustellung des Reichtums war da nichts zu bemerken. Der Schachenhofbauer hatte das Gut von seinem Vater übernommen und war bestrebt, nicht nur alles gut zu erhalten, sondern auch zeitgemäße Verbesserungen vorzunehmen. Dabei aber hütete er sich, irgendwelche Einrichtungen zu treffen, die sich nicht rentierten oder nur totes Kapital darstellten. Während er auch die kleinste Ausgabe vermied, die ihm nicht gerechtfertigt erschien, geizte er nicht, wo es galt, irgend etwas einzuführen oder anzuschaffen, das den Betrieb zu vereinfachen oder zu erleichtern geeignet war oder höheren Ertrag sicherte. Obwohl er sich nicht leicht in Sachen einließ, die praktisch nicht durch und durch erprobt waren, so war er doch ein echter Fortschrittsbauer, der nicht zäh am Alten festhielt, sobald er sich überzeugt hatte, daß Neues vorteilhafter sei.