Wo der Bauer eine Belehrung bei uns Dienstboten anbringen konnte, da unterließ er es nie, und namentlich die langen Winterabende benützte er dazu, uns mit den Neuerungen auf dem Gebiete der Landwirtschaft bekannt zu machen. Damals gab es noch nicht die Flut landwirtschaftlicher Literatur, wie heute, dafür wurde alles gründlicher gelesen und studiert, und auch wir Knechte erhielten die Bücher zu lesen, welche der Bauer besaß. Allfällige neue Anregungen wurden besprochen und beraten, in welcher Weise sie ungefähr für unsere Verhältnisse passen und wie sie verwendet werden könnten.

Man kann leicht begreifen, daß ich auf dem Schachenhof unter den geschilderten Verhältnissen alle Arbeiten gründlich gelernt habe. Ich lernte nicht nur, wie und wann die verschiedenen Beschäftigungen vorzunehmen sind, sondern, weil ich mich auch mit dem Kopf an der Arbeit beteiligte, über alles nachdachte und den Erfolg beobachtete, lernte ich einigermaßen auch das »Warum« einer Hantierung kennen, soweit das nach den damaligen Verhältnissen und ohne Fachschulen möglich war. Unleugbar war es für mich ein großer Vorteil, daß ich auf der untersten Stufe, nämlich als Hirtenknabe, meine Tätigkeit auf dem Hof begonnen hatte. So kannte ich den ganzen Betrieb durch und durch und konnte dem Bauer kräftig an die Hand gehen.

Ohne etwa mich selbst rühmen zu wollen, darf ich doch sagen, daß ich nicht mit größerem Eifer und Interesse hätte arbeiten können, wenn ich der leibliche Sohn von Schachenhofers gewesen wäre. Hingegen darf ich auch nicht verschweigen, daß ich fast wie ein Sohn gehalten wurde. Man räumte mir mehr Rechte ein, als ich je benützen wollte. Auch der Lohn war ein recht guter für einen Bauernknecht; fast jedes Jahr gab man mir Aufbesserung, und ich konnte meinen Eltern nette Sümmchen nach Hause senden. Zweimal kam ich während meines Aufenthaltes auf dem Schachenhof zu einem kurzen Besuch nach Hause und fand zu meiner Freude immer geordnetere Zustände vor. Aus meinen kleinen Geschwistern wurden mit der Zeit große Leute; die beiden Schwestern verheirateten sich, mein jüngerer Bruder wurde ein Schmied und hat jetzt ein gutgehendes Geschäft drunten im Dorfe.

Sie sehen, daß ich nicht nur über nichts zu klagen hatte, sondern es ging mir so gut, wie ich es mir eigentlich nie zu wünschen getraut hatte. Doch es sollte anders kommen, und wenn ich bisher nur die Lichtseiten meines Standes kennen gelernt hatte, so sollten mir nun auch die Schattenseiten im Leben eines Bauernknechtes bekannt werden.

Eines Tages – es war gerade in der Zeit der Heuernte – wurde der Bauer, der sonst immer ein Bild der Gesundheit gewesen war, auf einmal krank, und ich mußte schnell einen Arzt aus der Stadt holen. Als dieser den Kranken untersucht hatte, schüttelte er bedenklich den Kopf und bedeutete der Bäuerin, daß sie sich auf das Schlimmste gefaßt machen müsse, indem eine heftige Lungenentzündung zu konstatieren sei. Alle ärztliche Kunst war denn auch vergebens, und nach vier Tagen standen wir tiefbetrübt an der Bahre unseres Brotherrn, den wir alle wie einen Vater verehrt hatten.

Nun kamen trübe Zeiten. Der ganze Gutsbetrieb ruhte auf meinen Schultern. Die Schachenhoferin, die den Verlust ihres Gatten kaum überwinden konnte, wollte sich um nichts mehr annehmen. Ihre Ehe war kinderlos geblieben, und somit hatte sie niemanden, dem sie den Hof übergeben konnte. So entschloß sie sich, denselben zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen. Die Sache wurde einem Notar übergeben und bald stellten sich Kaufliebhaber zur Besichtigung des Hofes ein.

Ein junger Herr, der eben seine Studien in Hohenheim beendigt hatte und im Begriffe stand, sich zu verheiraten, wurde Besitzer des Schachenhofes, und weil er auch die Dienstboten mit übernommen hatte, unser neuer Herr.

Nun begannen Umwälzungen im großen Stil. Zunächst rückte ein Heer der verschiedensten Handwerker ein; denn es galt nun, das Wohnhaus für den Empfang der jungen Frau würdig herauszuputzen. Es wurde auch jetzt noch der Betrieb fast vollständig mir überlassen. Herr Rasch – so hieß der neue Hofbesitzer – kündete mir zwar vorläufig an, daß da vieles anders werden müsse; vorerst freilich habe er nicht Zeit dazu. Meistens war er denn auch abwesend, entweder in der Stadt, oder auf Besuch bei seiner Braut in Stuttgart, und wir konnten alle Arbeiten wie gewohnt verrichten. Eine Haushälterin besorgte das Hauswesen, zwar nicht in der Weise, wie unsere Bäuerin es getan, aber wir hatten auch nicht gerade Anlaß zu Klagen.

Gegen den Herbst kam die Ausstattung der zukünftigen Herrin, alles ganz städtisch, sogar ein Klavier wurde im »Salon« aufgestellt. Bald kam auch das neuvermählte Paar selbst an, und Herr und Frau Rasch begannen nun, die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen.

Sehr bald mußte ich bemerken, daß unser Herr zwar sehr viel wisse – er hatte jedenfalls die Schule mit sehr gutem Erfolge absolviert – aber daß ihm die notwendige Praxis und die nötige Energie, das Gelernte auch richtig zu verwerten, fehlte. Dabei nahm er auch zu wenig Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse. So konnte es nicht ausbleiben, daß falsche Maßnahmen Mißerfolge zeitigten. Zu stolz nun, den Fehler bei sich selbst zu suchen, glaubte Herr Rasch, die Ursachen wo anders suchen zu müssen. Bald mußten die schlechten Einrichtungen schuld sein, bald suchte er die Dienstboten verantwortlich zu machen. Das zeitigte natürlich Unzufriedenheiten auf beiden Seiten, und als Lichtmeß heranrückte, kündigten schon einige derjenigen Dienstboten, die mehrere Jahre unter dem verstorbenen Schachenhofer gedient hatten.