Von den Mägden blieb keine einzige, denn bei der jungen Frau war es gar nicht zum Aushalten. Sie wollte regieren, während sie doch weder von der Führung des Hauswesens, noch von der Landwirtschaft viel verstand. Um das Wohl oder Wehe der Dienstboten kümmerte sie sich nichts, dazu hatte sie eine Haushälterin, die aber auch, wie die Mägde, den Dienst gekündet hatte aufs erste Ziel.
Nach und nach riß überall Unordnung ein, besonders auch deswegen, weil planlos bald dieses, bald jenes in Angriff genommen wurde, ohne etwas zu beenden. Da war es unausbleiblich, daß hier ein Gerät liegen gelassen wurde, dort etwas anderes verloren ging. Aber auch ungemein viel Zeit ging bei dem unsichern Hinundherlaufen verloren. Weil alles am Sonntag aufgeräumt und geputzt werden sollte, so geschah es nur oberflächlich und mit Unlust. Weil unser Herr nie gründlich nachschaute, so merkte er nicht, daß unter dem äußerlichen Schein der Sauberkeit das schlimmste Krebsübel eines Bauernwesens, die Unordnung, an seinem schönen Gute zu zehren begann.
Herr Rasch hatte auch einen andern Fehler, der schon manchen Landwirt zu grunde gerichtet hat. Er war prunksüchtig und wollte um jeden Preis den andern Bauern der Umgebung imponieren. Hätte er die nötige Energie und Schaffenslust besessen, seine Kenntnisse in richtiger Weise zu verwerten, so wäre ihm das vielleicht auch gelungen; denn ich glaube bestimmt, daß es ihm geglückt wäre, den Ertrag des Hofes bedeutend zu erhöhen, trotzdem der frühere Besitzer nach seiner Art mustergiltig gewirtschaftet hatte. Ich merkte z. B. gar bald, daß mit den neueren Geräten eine ganz andere Arbeit geliefert werden konnte. Aber was nützte uns der beste Hohenheimer Pflug, wenn er zu spät in Anwendung kam, und was frommte das bessere Saatgut, wenn es zur unrichtigen Zeit in den Boden kam, oder wenn die aufgehende Saat im Unkraut halb erstickte. Weil es nun in diesem Punkte nicht ging, sich hervorzutun, und er dabei nur erzielte, daß die Nachbarn im Stillen über den »studierten Bauer« lachten, so wurde es auf andere Weise versucht. Die schlichten, aber zweckmäßigen Wirtschaftsgebäude wurden niedergerissen und durch massive Prachtbauten ersetzt. Diese neuen Stallungen und Scheunen erfüllten den Zweck nicht viel besser als die alten. Sie gewährten nur den Vorteil, daß sie schöner aussahen, hatten aber den sehr schwerwiegenden Nachteil, daß in ihnen ein unproduktives Kapital angelegt war.
Es wird Ihnen aufgefallen sein, daß ich noch gar nichts erzählte über das Verhältnis zwischen Herrn Rasch und mir, doch werden Sie sich, nach meiner Beschreibung der allgemeinen Zustände, schon ein Bild machen können, wie wir zu einander gestanden haben. Bei diesem Punkte angelangt, muß ich jedoch gestehen, daß mein Herr die Schuld nicht allein trug, wenn die Kluft zwischen uns immer größer und unüberbrückbar wurde; auch ich selbst trug sehr viel dazu bei. Herr Rasch überragte mich natürlich an Bildung und theoretischem Wissen himmelweit, wogegen ich im praktischen Können und im Bekanntsein mit den örtlichen Verhältnissen im Vorteil war. Beide aber hatten wir den gleich großen Fehler, daß wir dem eigenen Wissen die größte Wichtigkeit beimaßen und mit Geringschätzung auf die Fähigkeiten des andern blickten. Ich glaube heute bestimmt, daß wenn wir darnach getrachtet hätten, uns gegenseitig zu ergänzen, alles ins richtige Geleise gekommen wäre. Ich war der Untergebene, und an mir wäre es also gelegen, damit den Anfang zu machen. Statt dessen verspürte ich eine stille Freude, wenn ich sah, daß etwas schief ging. Ich befolgte willig die verkehrten Anordnungen meines Herrn, auch dann, wenn es in meiner Macht gelegen hätte, die daraus resultierenden Mißerfolge abzuwenden. Erhielt ich dann Vorwürfe, so meinte ich, das sei ungerecht, und beklagte mich über schnöde Behandlung. So kamen wir denn beide zur Einsicht, daß wir nicht weiter mit einander arbeiten können, und als ich schließlich den Dienst kündigte, kam ich damit nur Herrn Rasch zuvor, der mich sicherlich nicht mehr auf dem Hof geduldet hätte.
Was nun meinen ferneren Aufenthalt im Schwabenlande anbetrifft, so gibt es davon nicht mehr viel zu erzählen. An zwei andern Plätzen hatte ich auch mehr schlechte als gute Erfahrungen zu machen und zwar hauptsächlich deswegen, weil ich noch eines nicht gelernt hatte, nämlich mich, wie es einem Dienstboten geziemt, dem Arbeitgeber unterzuordnen und mich den verschiedenen Verhältnissen anzupassen. Ich hielt mich für eine viel zu wichtige Persönlichkeit und hatte geglaubt, gleich überall eine wichtige Rolle spielen zu können. Der verstorbene Schachenhofer schwebte mir als das Ideal eines Bauern vor, und weil ich dieses Ideal nicht gleich wieder fand, so hielt ich alle andern Bauern für dumm und meinte, sie seien nicht wert, einen Knecht in ihrem Dienst zu haben, wie ich einer sei. So wurde ich immer unduldsamer und mancher Bauer ließ mich gerne aus seinem Dienste scheiden, trotzdem er mich vielleicht als tüchtigen Arbeiter und soliden Menschen schätzen gelernt hatte. Dabei wurde bei mir die Sehnsucht nach der Heimat immer größer, und als mich die Trauerkunde ereilte, daß mein Vater plötzlich gestorben sei, hielt ich es für meine Pflicht, mich meiner alten Mutter anzunehmen und mich mit meinen Geschwistern in die Sorge um dieselbe zu teilen.
So sagte ich dem Schwabenlande adieu, zog in mein heimatliches Tal zurück und suchte hier einen passenden Platz. Weil man mich für einen ordentlichen Burschen hielt, so brauchte ich auch nicht lange Umschau zu halten, und es tat mir wohl, in eine ganz veränderte Umgebung zu kommen.
Die Betriebsrichtung in der Landwirtschaft war und ist eine ganz andere hier in unserer Berggegend, als draußen im oberschwäbischen Flachlande, und das brachte mit sich, daß es zunächst für mich wieder vieles zu lernen gab. Das sah ich glücklicherweise auch ein, und ich warf mich mit wahrem Feuereifer auf meine Ausbildung in der Viehzucht, in der Milchwirtschaft und im Alp- und Weidewesen.
Es begann damals gerade ein frischer Zug durch unsere schweizerische Landwirtschaft zu wehen, der auch bis herauf in unsere Berge bemerkbar wurde. Der schweizerische Landwirtschaftliche Verein entwickelte eine segensreiche Wirksamkeit. Zu einigen Ackerbauschulen gesellte sich die landwirtschaftliche Abteilung am Polytechnikum in Zürich, und bei uns war es besonders Schatzmann, der sich ein großes Verdienst um unsere Milchwirtschaft erwarb. Bücher und Zeitschriften wurden jedem zugänglich, und erst jetzt empfand ich es als ein Glück, daß ich draußen in der schwäbischen Dorfschule deutsch lesen und schreiben gelernt hatte.
Ich habe von jeher Freude an den Büchern gehabt, und manchen Franken habe ich ausgegeben, um dieses oder jenes kleinere landwirtschaftliche Werk anzuschaffen. So gelangte ich nach und nach zu einer kleinen Bibliothek, die heute noch mein Stolz ist.
Weil es mir an Geld fehlte und ich mich vor dem Schuldenmachen fürchtete, so konnte ich meine Erfahrungen nie für mich selbst verwerten, aber es gab Leute genug, die gerne eine Anregung und einen guten Rat auch von einem Knecht annahmen, und mancher Bauer ist mir heute noch dankbar für diesen oder jenen praktischen Wink, den er von mir erhalten, und der ihm von Nutzen war.