Immer mehr lernte ich erkennen, was für einen eminenten Vorteil unsere Alpen und Weiden für unsere Viehzucht und Viehhaltung bedeuten; leider mußte ich auch sehen, wie gerade auf diesem Gebiete eine schreckliche Mißwirtschaft herrschte, die zum Teil heute noch nicht ganz beseitigt ist. Ich mußte sehen, wie in unsern Wäldern und namentlich in den Hochwäldern eine wahre Raubwirtschaft getrieben wurde, wie die besten Alpen verunkrauteten und vergandeten, wie das Vieh bei denkbar schlechtesten Einrichtungen ohne Schutz und Futter den stärksten Unbilden der Witterung ausgesetzt blieb, wie die Milch schlecht verarbeitet wurde, wie man die Tiere den gewissenlosesten Leuten zur Hut anvertraute u. s. w. Namentlich dieser letzte Punkt gab mir viel zu denken, und ich konnte je länger je weniger begreifen, daß Bauern, die sonst das Herz auf dem rechten Fleck hatten und bei Aufzucht und Pflege des Viehes im Stall sehr exakt waren, ihre wertvolle Viehhabe auf der Alp Leuten anvertrauten, von denen jedermann wußte, daß sie faul, leichtsinnig und in allen Teilen unfähig seien, ihren Dienst pflichtgetreu zu versehen, und das alles nur, weil solche Hirten ein paar Franken weniger kosteten, als gewissenhafte Personen, denen aber auch etwas daran lag, ihre Pflicht voll und ganz zu erfüllen.
Um nun selbst hier mit gutem Beispiel voranzugehen und um zu zeigen, was ein richtiger Aelpler zu leisten im stande sei, entschloß ich mich, nachdem ich mehrere Jahre am gleichen Platze Knecht gewesen, selbst Senn zu werden. Ich bot mich der Gemeinde als solchen um geringen Lohn an, aber mit der Bedingung, das übrige Alppersonal selbst auswählen zu dürfen. Wider Erwarten ging man auf meine Forderung ein, und zur gegebenen Zeit trat ich mein neues Amt an.
Da gab es wieder ein reiches Arbeitsfeld für mich; denn mit den denkbar schlechtesten Einrichtungen mußte ich beginnen. Dazu kam noch der Umstand erschwerend hinzu, daß es Leute gab, die zäh am Alten festhingen und jeder Neuerung abhold waren, besonders solchen, welche etwelche Ausgaben erforderten, und wären sie auch noch so klein gewesen. Diese hatten schon meine Wahl bekämpft und arbeiteten mir jetzt direkt entgegen. Doch ich hatte schon im ersten Jahre Glück. Durch einen richtigen Weidewechsel, durch Verbesserung der Tränkstätten und andere kleine Maßnahmen, die ich mit meinen Leuten ohne weitere Kosten durchführen konnte, behielt ich die Kühe gesund und leistungsfähig. So steigerte ich den Ertrag und verbesserte zugleich durch bessere Verarbeitung der Milch die Produkte. Mit zäher Energie steuerte ich auf das mir vorgesteckte Ziel los, und ich habe es erreicht, wenn es auch manchen harten Kampf kostete. Dreißig Jahre lang war ich Senn auf unserer Gemeindealp, und wer dieselbe heute betritt, muß sagen, daß es eine Musteralp geworden ist. Sie wirft heute mit den verbesserten Einrichtungen und bei der rationellen Bewirtschaftung den dreifachen Nutzen ab von damals, als ich zum erstenmal ihr als Senn vorstand. Es ist zwar richtig, daß die Gemeinde sich etwas hat kosten lassen müssen, aber sie erhielt auch ansehnliche Subventionen von Bund und Kanton, und selbst wenn sie alles hätte allein bezahlen müssen, so hätte die Ausgabe dennoch gut rentiert.
Sehen Sie, so war es mir doch vergönnt, etwas wirken zu können, und wenn ich auch bis heute nichts anderes als ein Knecht geblieben bin, so darf ich doch sagen, daß ich meinen Platz in Ehren ausgefüllt habe.
Auch heute bin ich mit meinem Streben noch nicht zu Ende. Als ich als Senn das erreicht hatte, was ich erreichen wollte, und ich getrost mein Amt einer jüngeren Kraft abtreten konnte, da bin ich mit ganz bestimmten Absichten Schafhirt geworden. Ich war längst überzeugt, daß die Schafzucht für unsere Gegend einen sehr einträglichen Landwirtschaftszweig ausmache und besonders dann, wenn sie so betrieben würde, wie es die Neuzeit erfordert. Ich erkannte, daß man durch richtige Zucht die Rasse verbessern müsse, daß eine bessere Haltung und Pflege platzzugreifen habe und daß der Weidebetrieb anders zu regeln sei. Ueber die ersten beiden Punkte suche ich stets unsere Bauern aufzuklären, und, wie mir scheint, mit Erfolg. Die Hirtschaft übernahm ich selbst und besorge dieselbe seit drei Jahren.
Wie ich Ihnen bereits anfangs mitteilte, betrachte ich mein jetziges Amt als eine Art Ruheposten. Im Winter, wenn die Schafe im Stall gehalten werden, pflege auch ich der Ruhe. Ich habe mir so viel erspart, daß ich während dieser Zeit nicht auf Verdienst ausgehen muß; da bleibe ich ruhig in meinem Häuschen, das mir als Erbteil von meinen Eltern zugefallen ist. Da lebe ich meinen Büchern, und gar nicht selten werde ich von den Bauern unseres Dorfes um diesen oder jenen Rat angegangen, den ich stets, wo ich kann, gerne erteile. Im Herbst und Frühjahr besorge ich die Heimweide, und im Sommer ziehe ich herauf in diese Hütte, die ich mir wohnlicher eingerichtet habe. Jede Woche bringt man mir meinen Proviant herauf und damit ich nicht ohne Nachrichten bleibe von dem, was draußen in der Welt vorgeht, auch die Zeitungen. Am meisten freue ich mich dabei immer auf die »Grüne«, deren langjähriger Abonnent ich bin.
So, da haben Sie nun meine Geschichte, und wenn ich Sie damit gelangweilt habe, so bitte ich um Entschuldigung. Sie haben es übrigens ja selbst so haben wollen.«
Ich drückte dem alten Schäfer die Hand zum Danke für seine sehr interessante Erzählung und sagte ihm, daß mein Herz viel zu sehr an allem Anteil nehme, was die Landwirtschaft betreffe, als daß ich seine Mitteilungen langweilig finden könnte. Nur eine Frage müsse ich noch an ihn richten, nämlich die, wie es gekommen sei, daß er nie daran gedacht habe, sich eine eigene Familie zu gründen.
»Ja, lieber Herr,« entgegnete er, »das war bei mir so eine eigene Sache. Zuerst fehlten mir die Mittel zum Heiraten; ich mußte meine Eltern und Geschwister unterstützen. Dann war mein Lohn überhaupt nicht so groß, daß ich hätte Frau und Kinder ernähren können, und als ich später etwas besser gestellt war, war ich zu alt und mußte dafür sorgen, daß aufs Alter auch noch etwas bleibe. Sehen Sie, das ist überhaupt ein dunkler Punkt in unserem Stand. Ein armer Bauernknecht darf, wenn er nicht leichtsinnig ist, überhaupt nicht so leicht ans Heiraten denken, und das mag auch sehr viel dazu beitragen, daß gar mancher seinen Verdienst anderswo sucht als bei der Landwirtschaft. Es wird ja heutzutage sehr viel über die Dienstbotenfrage geschrieben, und allenthalben führt man Klage darüber, daß niemand mehr gerne Bauernknecht sein wolle, und daß alles nur den Städten und den Kurorten zulaufe. Diese Klage ist ja berechtigt, aber auf der anderen Seite muß man auch bedenken, daß das Los eines Knechtes oft kein beneidenswertes ist. Die Hauptarbeiten bei der Landwirtschaft wickeln sich draußen unter freiem Himmel ab; da geht es nicht anders, als daß man mit Wind und Regen, mit Schnee und Kälte in Berührung kommen muß. Das würde man gerne noch in den Kauf nehmen, obwohl es sicher ist, daß bei richtiger Arbeitseinteilung auch in dieser Hinsicht die Dienstboten etwas mehr geschont werden könnten. Das Schlimmste aber ist, daß bei gar vielen Bauern der arme Knecht, nachdem er den ganzen Tag bei schlimmster Witterung draußen gewesen und bis auf die Haut durchnäßt heimgekommen ist, oft nicht einmal Gelegenheit findet, seine Kleider zu trocknen; es wird ihm für die Winterabende kein warmes Zimmer geboten, und nur zu oft ist ihm für seine müden Glieder ein gar schlechtes Lager bereitet. Ich mußte mich oft überzeugen, daß mancher Bauer viel mehr für sein Vieh besorgt ist als für seine Knechte. Wenn man in dieser Beziehung Besserung schaffen wollte, würde mancher auch lieber Bauernknecht sein.«
Ich konnte natürlich nicht anders, als auch dieser Ansicht des Alten beipflichten. Unterdessen war es ziemlich spät geworden. Ueber dem Talgrund lagerte sich bereits die Dämmerung; auf den schneebedeckten Zacken und Kuppeln der Berge erlosch der letzte Hauch des Abendrotes, und schon erglänzte hie und da ein Stern in mattem Licht. Die Luft war wunderbar rein und würzig, aber es begann sich eine empfindliche Kühle bemerkbar zu machen, und wir verließen die Bank und wandten uns dem Innern der Hütte zu, um unsere Schlafstätten aufzusuchen.