Das ist in der Tat der herzerwärmende, begeisternde Kern des herrlichen Gedichtes, die zentrale Kraft desselben, die das Ganze durchstrahlt und in Verbindung mit den erhabensten philosophischen Gedanken ihm immer aufs Neue, in Ost und West, die Herzen erobert hat. Als die köstlichste Frucht dieses Wunderbaums aus dem fernen Osten erscheint aber weiter jene reine, strenge, erhabene, mannhaft tapfere Sittenlehre, deren wir bereits gedacht haben, deren ganze Schönheit aber nur das Gedicht selbst offenbaren kann.

Ich verzichte darauf, den Inhalt desselben hier auch nur in flüchtigen Strichen zu zeichnen. Es ist besser, den Text selbst reden zu lassen, auch aus dem Grunde, weil eine eigentliche Gedankenentwicklung gar nicht vorliegt. Gleich in seiner ersten Rede, ja in den ersten Versen derselben, offenbart Krishna den innersten Kern seiner Weisheit, zu dem er auf den verschiedensten Wegen immer wieder zurückkehrt. Es ist ganz richtig, was Richard Fritzsche in seiner schönen Besprechung von Deussens „Vier philosophischen Texten des Mahâbhârata“, deren Perle ja die Bhagavadgîtâ darstellt, darüber bemerkt[39]: „Die Texte lassen sich wie in Bibelsprüche zerlegen und zeigen auch keinen eigentlichen Gedankenfortschritt, sondern es ist, wie Goethe im Westöstlichen Divan sagt“:

„Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,
Anfang und Ende immerfort dasselbe“[40].

BHAGAVADGITA

[ERSTER GESANG]

DHRITARASHTRA[41] SPRACH

Im heilgen Land, im Kuru-Land, zusammentreffend kampfbereit,1
Was taten dort, o Sanjaya[42], die Meinen und die Pândava[43]?

SANJAYA SPRACH

Als nun Duryodhana[44] das Heer der Pândus aufgestellet sah,2
Da trat er zu dem Lehrer[45] hin, der König, und sprach dieses Wort:
Sieh dort der Pându-Söhne Heer, o Lehrer, das gewaltige,3
Von deinem Schüler aufgestellt, dem klugen Sohn des Drupada[46].
Da stehen Helden, Pfeilschützen, dem Arjuna und Bhîma[47] gleich,4
Yuyudhâna[48] und Virâta[49] und Drupada, der Wagenheld.
Dhrishtaketu[50], Cekitâna[51] und Kâçis[52] heldenhafter Fürst,5
Purujit[53] und Kuntibhoja[54] und Çâivya[55] auch, der Männerstier.
Yudhâmanyu, der tapfre Held, und Uttamâujas[56], kraftbegabt,6
Subhadrâs Sohn[57], der Drâupadî Söhne[58], auf hohen Wagen all.
Die Besten aber auch bei uns nimm, bester der Brahmanen, wahr,7
Die Führer dieses meines Heers, – dich zu erinnern, nenn' ich sie:
Du selbst und Bhîshma[59], Karna[60] auch und Kripa, der im Kampfe siegt,8
Açvatthâman[61] und Vikarna[62], wie auch des Somadatta Sohn;
Und viele andre Helden noch, ihr Leben opfernd meinethalb.9
Schwingend der Waffen mancherlei, sie alle mit dem Kampf vertraut.
Nicht ist genügend unser Heer, ob Bhîshma auch sein Führer ist,10
Genügend aber ist ihr Heer, an dessen Spitze Bhîma steht.
In all den Heeresreihen hier am rechten Platze aufgestellt,11
Sollt denn ihr all, wie viel ihr seid, den Bhîshma schützen, wie ihr könnt.
Drauf ihm erweckend Kampfesmut blies laut das Muschelhorn der Greis,12
Der hehre Ahn des Kuru-Stamms[63], daß es wie Löwenbrüllen scholl.
Die Muscheln und die Pauken drauf, die Trommeln und Drommeten all,13
Die wurden da mit Macht gerührt, daß zum Getöse wuchs ihr Schall.
Auch Krishna und des Pându Sohn[64] bliesen die Himmelsmuscheln laut,14
Auf hohem Wagen stehend da, von lichten Rossen fortgeführt.
Krishna die Dämonsmuschel[65] blies, die Gottgeschenkte Arjuna,15
Die große Muschel Pâundra blies der Schreckensmann Wolfseingeweid[66].
Die Siegesmuschel blies der Fürst, der Kuntî Sohn Yudhishthira,16
Doch Nakula und Sahadev[67] auf Tonreich und Juwelenblüt.
Der Kâçi-Fürst, der beste Schütz, und Çikhandin[68], zu Wagen hoch,17
Virâta, Dhrishtadyumna und Satyakas unbesiegter Sohn[69];
Drupada samt der Enkel Schar[70] und Abhimanyu, starken Arms,18
Sie bliesen all, o Erdenherr, auf ihren Muscheln hier und dort.
Und dies Getön zerspaltete der Dhritarâshtra-Söhne Herz,19
Da es den Himmel und die Erd' von wirrem Lärm erdröhnen ließ.
Als Arjuna nun vor sich sah der Dhritarâshtra-Söhne Schar,20
Und der Geschoße Regen schon begann, hob er den Bogen hoch;
Sodann, zu Krishna hingewandt, sprach er dies Wort, o Erdenherr[71]:21
Inmitten beider Heere hier halt', Ewiger du, den Wagen an!
Bis ich mir diese angesehn, die kampfbegierig stehn in Reihn, –22
Mit wem ich denn da kämpfen soll im heißen Mühen dieser Schlacht.
Zum Kampf bereit seh' ich sie stehn, die hier am Ort versammelt sind,23
Dem argen Dhritarâshtra-Sohn[72] im Streite ihren Arm zu leihn.
Also gemahnt von Arjuna hielt Krishna gleich, o Bhârata,24
Inmitten beider Heere dort den herrlichsten der Wagen an.
Vor Bhîshma und vor Drona dann, und vor den Erdenherrschern all,25
Sprach er: Sieh, Sohn der Prithâ[73], dort herbeigeströmt der Kuru Schar!
Da sah der Sohn der Prithâ stehn die Väter und Großväter dort,26
Lehrer, Brüder und Oheime, Söhne, Enkel und Freunde auch;
Schwäher wie auch Gefreundete, in beiden Heeren gleicherweis;27
Als alle die Verwandten dort der Kuntî Sohn kampffertig sah,
Von höchstem Mitleid übermannt, sprach er kleinmütig dieses Wort:28